verzweifelte Verteidigung
Hallo Christina!
Ich hätte gerne gewusst, ob Du selbst Betroffene bist? Leidest Du selbst unter Wahnvorstellungen? Hast Du selbst schon eine Zwangseinweisung miterlebt? Ist einer Deiner Verwandten, Bekannten, Freunde an so etwas erkrankt? Hast Du Angst um sie, dass sie sich selbst umbringen, in ihrem Wahn evtl. ihre eigenen Angehörigen, ihre eigenen Kinder „mitnehmen“?
Ich finde es so schrecklich, dass mir hier schon zwei mal unterstellt wurde, dass ich meine Schwester nicht verstehen will, dass mir das zu anstrengend ist eine bessere Lösung als die Zwangseinweisung zu finden, sie „abschieben“ will, damit die restliche Familie endlich ihre Ruhe hat.
DAS STIMMT NICHT !!!
Ich bespreche mich jeden Tag stundenlang mit meiner Familie, was wir machen könnten, dass sie freiwillig ambulant wenigstens eine Therapie versucht! Mit sämtlichen Tricks und gutem Zureden. Und das nicht nur seit einer Woche sondern seit 10 Jahren!!! Sobald wir es endlich geschafft haben, dass sie zu einem Psychologen, einem allgemein Arzt oder zu einer Familientherapie geht hat sie das nur so lange mitgemacht, bis der Arzt oder der Therapeut nur leicht anklingen hat lassen, dass sie evtl. psychische Probleme hat, dass sie an sich, an ihre Gesundheit denken sollte und doch deswegen an eine Therapie in betracht ziehen sollte dreht sie wieder durch; behauptet wir stecken mit dem Arzt unter einer Decke würden überall rumerzählen, dass sie verrückt ist.
Das stimmt alles nicht! Wir haben es bis vor einem Jahr geschafft ihre Krankheit „geheim“ zu halten, haben nichts nach außen dringen lassen, weil wir sie schützen wollten. Lediglich mit dem sozial-psychatrischen Dienst hatten wir regelmäßig Kontakt haben uns immer wieder von dort Rat geholt.
Im Verlauf des letzten Jahres ist es aber so schlimm geworden, dass sie in Ihrem ganzen Umfeld, der Nachbarschaft, der Gemeinde „Lügengeschichten“ (ich weiss ja, dass sie nicht lügt, sie erlebt das ja tatsächlich) erzählt hat; den Lehrern, den Kindergärtnerinnen . Und deswegen ist das Jugendamt uns herangetreten, hat sie zu dem Gutachten beim Amtarzt geschickt und nicht weil wir sie „verraten“ haben. Es besteht lt. dem Jugendamt potentielle Gefahr für die Kinder! Ist es den „Kritikern“ hier denn lieber, dass wir sämtliche Warnungen ignorieren sollen, ihr die Kinder lassen sollen, nur damit sie sich nicht aufregt?! Damit ihr, die ihr hier alle das lest und Kritik übt in zwei Monaten in der Zeitung lesen könnt, dass eine verwirrte Frau ihre zwei Kinder mit dem Kissen erstickt hat und sich dann selbst auf dem Dachboden erhängt hat?! Damit ihr dann sagen könnt: „Ach, wie schlimm! Da muss man doch bemerkt haben, dass was nicht stimmt! Die armen Kinder! Warum hat man das denn nicht verhindern!?“
Wir haben sämtliche Dinge versucht, die Du als „Denkanstoss“ aufgeführt hast. ABER uns haben sämtliche Psychologen auch immer gesagt, dass wir sie auf keinen Fall in ihren Wahnvorstellungen bestätigen dürfen; das macht alles noch schlimmer. Sie ernst nehmen, in ihrer Angst, natürlich! Aber ich darf zu ihr doch nicht sagen, dass es stimmt, dass sie von allen verfolgt wird, dass sie überwacht wird, dass sie sich selbst im Fernsehen sieht!
Ich versuche mich ständig mich in meine Schwester zu versetzen und es zerreist mir regelrecht das Herz, weil ich weis wie verzweifelt, alleingelassen und verraten sie sich fühlt. Ich an ihrer Steller würde nur noch wollen, dass alles endet.
Bitte, bitte unterstellt mir nicht weiterhin, dass ich meine Schwester nicht als Mensch ernst nehmen würde, ihre Ängste nicht ernst nehmen würde, nur weil sie „sich vielleicht - SCHEINBAR - nicht ganz so „normal“ verhält wie andere …“
Eine Zwangseinweisung ist für uns immer noch das letzte Mittel und meine ganze Familie ist sich klar darüber, dass die Zwangseinweisung nicht das „Heilmittel“ ist. Meine Schwester wird hinterher sehr viel Liebe, Zuneigung und Verständnis brauchen und wir sind auch alle bereit uns um sie zu kümmern.
Wir wollen, dass sie wieder frei ist, frei Handeln kann; wieder ihre Kinder sehen darf.
Wenn wir krank sind und ein Arzt sagt uns dass wir operiert werden müssen damit wir wieder ganz gesund werden, dann haben wir auch Angst. Wir wissen genau, dass etwas bei so einer Operation schief gehen kann, dass wir wahrscheinlich nach der Operation momentan größerer Schmerzen haben als vorher; aber wir wissen auch, dass wir danach mit großer Wahrscheinlichkeit wieder ganz gesund sein werden.
Hat jemand von euch schon mal ein Kind ins Krankenhaus bringen müssen? Dann hat derjenige sicher miterlebt, welche Ängste das Kind ausstehen muss, auch wenn sie völlig unbegründet sind, wenn eigentlich gar nichts passiert, wenn man ihm eigentlich nur helfen will, auch wenn man weiss, dass tatsächlich noch mehr „zugefügte“ Schmerzen auf das Kind zukommen. Man kann nur versuchen zu beruhigen, auch wenn es wahrscheinlich nicht sehr viel hilft und es einem selbst das Herz zerreißt. Man fühlt sich selbst extrem schlecht dabei, zweifelt auch, ob es denn richtig ist, aber man würde es tun, es im „Stich“ lassen, es gegen seinen Willen in die Hände von fremden Ärzten geben, die ihm versuchen werden zu helfen, ihm aber wahrscheinlich dadurch auch Schmerzen zufügen werden.
Ist denn nun der freie Wille und die Angst des Kindes weniger wert, weniger aufrichtig und ernst zu nehmen als die Ängste meiner Schwester. Warum darf man dann das Kind „zwingen“ sich in eine äußerst beängstigende Situation zu begeben, warum darf man es zur Behandlung „zwingen“, wenn es das nicht will, panische Angst davor hat? In so einem Fall würde nie jemand Kritik üben; natürlich hätte jeder Mitleid mit dem Kind, aber jeder weiss, dass das notwendig ist.
Warum ist das denn bei meiner Schwester anders?! Hat sie denn keine Hilfe verdient, bei der mir klar ist dass sie momentan extrem darunter leiden wird, aber die Hoffnung besteht, dass es ihr dann wieder besser geht?
Unsere ganzen Mittel sind jetzt langsam erschöpft; ihr müsst auch uns verstehen, wir sind auch nur Menschen; wir sind auch verletzt und tief betroffen von ihren Vorhaltungen und Vorwürfen, auch wenn uns im Grunde klar ist, dass sie das nicht böse meint, weil sie krank ist. Wir sind keine Psychologen, verhalten und sicher auch meiner Schwester gegenüber in bestimmten Situationen falsch und machen Fehler. Aber werft uns bitte nicht vor, dass wir nicht Willens sind ihr zu helfen, dass wir uns doch einfach nur in ihre Lage versetzen müssen und alles wir ganz einfach wieder gut, weil sie dann endlich einsehen wird, dass sie Hilfe braucht und sie sich die auch freiwillig holt.
Wir sind keine Monster genauso wenig wie es meine Schwester ist. Und ich bin selbstbewusst genug um zu sagen, dass wir nicht zu „blöd“ oder zu „verständnislos“ sind um meiner Schwester zu helfen. Warum haben es denn bis jetzt noch nicht mal die Fachleute geschafft, mit denen sie ja schon im Kontakt war, sie zu einer freiwilligen Therapie zu bewegen?! Sind die denn auch alle, ohne Ausnahme, zu „dumm“ zu „inkompetent“?!