Zwangshellenisierung

Einen wunderschönen guten Tag,

meine Freundin steht zur Zeit mitten in ihren Abiturprüfungen und
benötigt für ihre Prüfung in Religion noch eine kleine Information.

Es geht um den geschichtlichen Hintergrund zur Zeit Jesu Leben. Ab 332 v. Chr. lebten die Menschen unter der so genannten „Zwangshellenisierung“.
Das Internet gibt folgende Merkmale zur Zwangshellenisierung, und zwar: Sprache, Kultur, Erziehung, Religion und als Fazit: „drohender Verlust kultureller, religiöser Identität“.

Ihre Frage besteht darin, ob die Sprache, Kultur, Erziehung und Religion den Menschen damals unter der Zwangshellenisierung vorgegen wurde? Wurden sie zu etwas gezwungen, was sie selbst gar nicht wollten? Wenn nicht, wozu dienten dann Sprache, Kultur, Erziehung, Religion in diesem Zusammenhang?

Ich danke euch für die Antworten schon im Voraus! Für weitere Fragen,
falls etwas unverständlich sein sollte, bin ich natürlich auch offen!

Mit besten Grüßen

A.

so genannten „Zwangshellenisierung“.

Hallo, Andre,

das kann man sich so vorstellen, wie die Indianer Nordamerikas „zwangsanglifiziert“, die Indios Mittel- und Südamerikas „zwangshispaniolisiert“, die in Deutschland lebenden Türken, Serben, Kroaten, Afghanen, Indonesier etc. „zwangsgermanisiert“ werden.

Wenn sie in der um sie herum dominanten Kultur, oder was da so heißt, überleben, mitleben und gut mitleben wollen, müssen sich Minderheiten anpassen.

Das tun sie z. T. freiwillig, weil sie sich ein besseres Leben versprechen, unwillig, weil es Probleme mit sich bringt und gar nicht so leicht ist, oder durch Sanktionen gezwungen, wie es z. B. die Pflichtsprachkurse hierzulande sind.

Als die Hellenen unter der Führung der Makedonen den Orient erobert hatten, setzten sie eben - bei aller Anpassung an die örtlichen Verhältnisse (Ptolemäer in Ägypten) ihr Sprache ihre Bildung, ihre Wissenschaften, ihr Weltbild, ihre gesellschaftlichen Strukturen, ihre Machtstrukturen durch. Sie versuchten es zumindest und hatten in verschiedenen Regionen unterschiedlichen Erfolg.

Als die Römer kamen, begann dasselbe Spiel von vorne. Und das setzt sich fort bis heute, da Bush den gesamten Nahen Osten durch die amerikanische Demokratie beglücken will.

Ich bin nicht ganz sicher, ob diese Darstellung hilft, aber du kannst ja nachfragen.

Gruß Fritz

Hallo Fritz,

vielen Dank für deine schnelle Antwort, die wohl weitergeholfen zu
haben scheint :wink:

bye. andre

Aber Fritz !

Griechen hatten es (fast) nie nötig, ihre Kultur und Lebensart mit Zwang
zu verteilen !!!

Denn diese sprach für sich selbst.
Ihr wurde gerne und freiwillig nachgeeifert.
Es war Mode , es war „in“.

Eine Ausnahme, die mir auf die Schnelle einfällt war Israel.
Aber diese Hebräer waren nun mal uneinsichtige Dickschädel ! :wink:

Angel

Hallo Angel,

"Religiöse Verfolgung

Im Jahre 167 (Jahresangaben vor Allg. Zeitrechnung) tat Antiochus einen entscheidenden Schritt: Er untersagte die Ausübung der jüdischen Religion in Judäa - und später auch in anderen Bezirken - und drohte jedem Juden die Todesstrafe an, der seine Kinder beschneiden oder den Sabbat halten würde. Die Behörden zwangen die jüdische Bevölkerung sogar, an heidnischen Riten teilzunehmen und verbotene Speisen, insbesondere Schweinefleisch, zu essen; der Tempel wurde geschändet und dem olympischen Zeus geweiht.

Der Polytheismus gilt im allgemeinen als von Natur aus tolerant, und es ist erwiesen, daß Antiochus in anderen Ländern seines Reiches auf jeglichen religiösen Zwang verzichtete. Die Priester Babyloniens und anderer Völker behielten ihren traditionellen religiösen Lebensstil bei und dienten weiterhin ihren Göttern. Antiochus selber hatte eine besondere Vorliebe für den Kult des olympischen Zeus, wie die Münzen beweisen, die er schlagen ließ; es besteht jedoch kein Grund zu der Annahme, daß diese Vorliebe ihn bewogen hätte, andere Kultformen herabzusetzen - mit Ausnahme der jüdischen Religion, die er erbarmungslos verfolgte…"
http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/hanukah/ha…

viele Grüße

Iris

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Eine Ausnahme, die mir auf die Schnelle einfällt war Israel.
Aber diese Hebräer waren nun mal uneinsichtige Dickschädel !
:wink:

Naklar, jeder der nicht mit der Mode geht, ist ein Dickschädel, oder sonst ein Idiot. :-;
War sogar zur Zeit des 3. Reiches so…

Gruss
beat

Aber Angel! :smile:

„Die Griechen“ hatten zunächst erstmal selber ein gewisses Problem damit, sich
überhaupt als „die Griechen“ zu sehen und zweitens sich im Zuge der
Hellenisierung damit abzufinden, dass ausgerechnet ein Makedone der Anführer war.
Und so freiwillig war das Nacheifern dann auch nicht immer, vielmehr war hier
wohl eine Menge Opportunismus mit im Spiel - wer sich den neuen Verhältnissen
anpasste und sich in seinem Land auskannte, konnte bleiben, sonst wurden die
Posten neu besetzt. Insofern kein Wunder, dass die griechische Kultur sich
verbreiete.

Und Alexander wie auch sein Nachfolger in Ägypten, Ptolemaios, Sohn des Lagos,
taten gut daran, nicht nur ihre Vorstellungen durchzusetzen sondern auch ganz
genau die einheimische Kultur zu achten und mit viel Feingefühl große Teile zu
adaptieren. Es war also schon ein Geben und Nehmen…

Aber eigentlich sollten wir das im Geschichtsbrett überlegen, oder? :smile:

Gruß
Christian

Hallo Andre,

jedes Jahr im November / Dezember wird das jüdische Lichterfest Chanukka gefeiert. Es erinnert an die Befreiung von der „Zwangshellenisierung“ (so könnte man es auch nennen).

Deine Freundin findet deshalb alles, was mit dieser Zwangshellenisierung zu tun hat, auf den Seiten, auf denen der geschichtliche Hintergrund von Chanukka dargestellt wird,
z.B. hier:

http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/hanukah/ha…

Es geht um den geschichtlichen Hintergrund zur Zeit Jesu

Leben. Ab 332 v. Chr. lebten die Menschen unter der so
genannten „Zwangshellenisierung“.

Für viele Juden war es chic, hellenistischen Lebensstil in seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu übernehmen.
Die anderen wurden dazu gezwungen, ihre eigenen religiösen Praktiken aufzugeben und fremde religiöse Praktiken inklusive Götzendienst auszuführen (siehe mein Antwortzitat an Angel).

Das Internet gibt folgende Merkmale zur Zwangshellenisierung,
und zwar: Sprache, Kultur, Erziehung, Religion und als Fazit:
„drohender Verlust kultureller, religiöser Identität“.

Die geht damit einher, wenn Juden ihre Kinder nicht mehr beschneiden, den Schabbat nicht mehr halten, ihre Fest nicht mehr feiern und auch nicht mehr Torah lernen dürfen, ihr Tempel geschändet, entweiht und für Zeus-Kulte mißbraucht wird und Juden dazu gezwungen werden, Zeus-Kulte zu praktizieren und Schweinefleisch zu essen.

viele Grüße

Iris

so genannten „Zwangshellenisierung“.

Hallo, Andre,

das kann man sich so vorstellen, wie die Indianer Nordamerikas
„zwangsanglifiziert“, die Indios Mittel- und Südamerikas
„zwangshispaniolisiert“, die in Deutschland lebenden Türken,
Serben, Kroaten, Afghanen, Indonesier etc.
„zwangsgermanisiert“ werden.

Hallo Fritz,

wenn ich Dich richtig verstehe mit Deiner Übertragung der Zwangshellenisierung auf heutige Verhältnisse, dann

  • ist es Türken im heutigen Deutschland also nicht erlaubt, ihren männlichen Nachwuchs zu beschneiden
  • sie dürfen keine muslimischen Feste feiern, sondern werden gegen ihren Willen zu christlichen Praktiken gezwungen
  • sie müssen Schweinefleisch essen
  • Koran-Unterricht und andere Formen islamischer religiöser Unterweisung sind nicht erlaubt

Wo ist das so?

Oder könnte es sein, daß Du Wechselwirkungen, wie sie zwischen Mehrheitskulturen und Minderheitskulturen in einer Gesellschaft völlig normal sind, mit Zwangsmaßnahmen verwechselst?

fragt sich

Iris

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Hallo Iris,

wenn ich Dich richtig verstehe mit Deiner Übertragung der
Zwangshellenisierung auf heutige Verhältnisse, dann

  • ist es Türken im heutigen Deutschland also nicht erlaubt,
    ihren männlichen Nachwuchs zu beschneiden
  • sie dürfen keine muslimischen Feste feiern, sondern werden
    gegen ihren Willen zu christlichen Praktiken gezwungen
  • sie müssen Schweinefleisch essen
  • Koran-Unterricht und andere Formen islamischer religiöser
    Unterweisung sind nicht erlaubt

Wenn ich noch eine Anmerkung ergänzen darf: Soweit ich weiß sind die wenigsten
der von Fritz angesprochenen Gruppen gezwungen worden, hier zu leben… Wenn ich
mal wieder in Kairo bin und kein Schweinefleisch esse, in der Moschee die Schuhe
ausziehe und diverse andere landestypische Gepflogenheiten beachte bin ich ja
auch nicht zwangsislamisiert, sondern einfach nur meiner Umgebung, in der ich
mich freiwillig aufhalte, angepasst…

Christian

Könnte es sein, Iris,

dass du mehr in meinen Text hineinliest, als da rauszuholen war?

Ich habe zudem alle Kombinationen mit „zwangs-“ in Gänsefüßchen gesetzt. Damit ist dem Wort „Zwang“ eine Interpretationsspanne gegeben, die dem Wort in manchen Fällen ein tödliche Konsequenz verliehen, a la „Nur ein toter Roter ist ein guter Roter!“, aber auch bloß meinen kann: wer in Deutschland leben und arbeiten will, egal aus welchen Gründen er hierher gekommen ist, Deutsch sprechen und schreiben und lesen und verstehen muss.

Wenn er oder sie, meist sie, dies nicht tut, so lebt sie stattdessen in Kleinizmiz oder -istambul, auch wenn dies ein Stadtteil von Köln, München, Stuttgart oder Berlin ist.

Meinetwegen auch in Neckarwestheim oder Durlesbach.

Oder in der Stalinallee in Lahr.

Kein Kopftuch als Lehrerin tragen zu dürfen, empfinden manche als Gewalt des Staates gegen ihre Person.

Andere greifen einen Vegetarier an, der zu seinem Gemüse gern auch mal ein Steak ist.

Zwang ist es aber auch, wenn türkische oder aus Afrika stammende Großeltern die Kinder ihrer assimilierten Kinder gegen deren erklärten Willen beschneiden.

Die Sache ist sehr viel mannigfaltiger!

Fritz

Ab 332 v. Chr. lebten die Menschen unter der so
genannten „Zwangshellenisierung“.

Hallo,
wer nennt das so? Der Ausdruck scheint mir an den überlieferten geschichtlichen Tatsachen ziemlich vorbei zu gehen, von einer ‚Zwangshellenisierung‘ ist vielleicht 167 zu sprechen - und auch hier auf den Raum Palästina beschränkt -, aber sicher nicht ab 332. Was den Makkabäeraufstand angeht, hatte ich vor einer Weile schon einmal etwas dazu geschrieben:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Vielleicht nicht unteressant zu wissen, dass auf die versuchte ‚Zwangshellenisierung‘ Judäas eine ‚Zwangsjudaisierung‘ Edoms folgte.

Freundliche Grüße,
Ralf