Hallo,
eigentlich handelt es sich um eine historische Frage, aber eine Antwort erhoffe ich mir eher hier.
Ich würde gerne wissen, wie es zur Einräumung eines diplomatischen Status bei der Übersiedelung von Wien nach London 1938 trotz der jüdischen Herkunft Freuds kam, wodurch Freuds Briefwechsel gerettet werden konnte.
Außerdem wüsste ich gerne, ob es im Netz oder als Buch eine Übersicht über den gesamten Briefwechsel Freuds gibt oder ob man sich eine solche erst über die Konsultationen mit den einzelnen Briefpartnern erschließen muss.
Herzliche Grüße
Thomas Miller
Hallo Thomas,
zur ersten Frage:
Peter Gay schreibt in seiner Freud-Biographie, daß Ernest Jones bedeutenden Einfluß bei der britischen Regierung hatte und zwar über Sir Samuel Hoare, den Innenminister, und über Earl De la Warr, den Lordsiegelbewahrer. Marie Bonaparte hatte zudem Einfluß bei der Königsfamilie. Außerdem gab es Verbindungen zu William Bullitt, dem US-amerikanischen Botschafter in Paris, und über ihn zu John Cooper Wiley, den US-amerikanischen Generalkonsul in Wien. Durch Bullitt wurde auch die US-Regierung, namentlich Außenminister Cordell Hull, dessen Stellvertreter Sumner Welles und auch Präsident Roosevelt, aktiviert, die ihren Botschafter in Berlin, Hugh Robert Wilson, anwies, für Freud einzutreten. So wurde über diplomatische Kanäle Druck auf das Nazi-Regime ausgeübt. Selbstverständlich haben die Nazis nicht so einfach mitgespielt, Himmler wurde eingeschaltet und Anna Freud von der Gestapo verhört. Schließlich gaben die Nazis Freud frei, nachdem die „Vermögensfragen“ im Sinne des Regimes geklärt waren.
Zur zweiten Frage:
Freud, S. (1980). Briefe. 1873-1939. Frankfurt / M.: Fischer. ISBN: 3100227018 Buch anschauen
Ich glaube, es handelt sich um eine Auswahl aus den zahlreichen Briefwechseln von Freud. Herausgegeben von Ernst Freud.
Ich würde - vielleicht ausgehend von dieser Sammlung - einzelne Briefwechsel vertiefen, z.B. den zwischen Freud und Jung. Aber alle Briefe sorgfältig zu studieren, dürfte ein Menschenleben erfordern bei der umfassenden Korrespondenz.
Beste Grüße
Oliver
Hallo Thomas
Ad 1) Freud hat ja sehr lange die Warnungen und Empfehlungen seiner Freunde, möglichst schnell Wien zu verlassen, ausgeschlagen. Er dachte lange, er würde die Nazizeit „aussitzen“ bzw. aushalten können. So richtig mulmig wurde ihm erst, als seine Tochter Anna das erste Mal die ganze Nacht von der Gestapo verhört wurde. Da wurde ihm klar, wie gefährlich und aussichtslos die Lage in Wien ist. So entschied er sich, zu emigrieren mitsamt seiner Familie. Im wesentlichen hat dann MARIE BONAPARTE die diplomatischen Verhandlungen geführt. Hierzu hat sie insbesondere mit dem amerikanischen und dem britischen Ministerium gesprochen. Freud konnte dann wohl sowohl nach USA als auch nach England auswandern; wie wir wissen, zog er England vor. Bei diesen Verhandlungen wurde den Nazis deutlich gemacht, dass Freud ein inzwischen international berühmter und geschätzter Wissenschaftler ist und dass die Welt-Öffentlichkeit sehr genau registrieren würde, was mit ihm passiert. Daraufhin haben die Nazis diplomatisch eingewlligt und ließen Freud mitsamt Familie und Hausstand über Paris nach London ausreisen. Freuds Schwestern sind nicht mitgekommen und später von den Nazis im KZ ermordet worden.
Ad 2) Es sind verschiedene Briefwechsel von Freud in Buchform erhältlich. Die berühmtesten dürften der dicke Band FREUD - C.G.JUNG, die Korrespondenz mit ABRAHAM und die mit FERENCZI sein. Dann gibt es noch eine frühe mit seinem Berliner Freund WILHELM FLIESS und weitere, psychoanalytisch weniger interessante (Briefe an seine Frau und andere, dann die vor kurzem erschienene Reisebiografie „UNSER HERZ ZEIGT NACH SÜDEN“). Die Reichianer warten sicher gespannt auf den Briefwechsel mit Wilhelm REICH, aber der soll angeblich erst 50 Jahre nach Reichs Tod erscheinen dürfen.
Es grüßt Dich
Branden
Hallo Branden,
danke für die Erklärungen zu 1, die mir weiterhelfen.
Zu 2 möchte ich sagen, dass mir der Briefwechsel mit Jung bekannt ist, ausführlich allerdings nur in der gekürzten Fassung. Nun gibt es ja in der Standard Edition als Anhang eine umfangreiche und ausführliche Primärbibliographie, und meine Frage war eigentlich, ob es für den Briefwechsel ein ähnliches Verzeichnis gibt (etwa so wie bei Richard Wagner das Wagner-Brief-Verzeichnis mit über 10000 Einträgen). Irgendwo müsste es doch so ein Verzeichnis geben, oder ist das immer noch ein Desiderat?
Herzliche Grüße
Thomas
Hallo Oliver,
auch dir schönen Dank für die interessanten Hinweise zu 1.
Zu 2 lies einmal bitte meine Antwort an Branden. Ich suche in der Tat ein Gesamtverzeichnis.
Aber alle Briefe sorgfältig zu studieren, dürfte ein
Menschenleben erfordern bei der umfassenden Korrespondenz.
Das ist natürlich richtig, ich möchte mir nur die Auswahl nicht vorschreiben lassen. 
Herzliche Grüße
Thomas
meine Frage war eigentlich, ob es für den Briefwechsel ein
ähnliches Verzeichnis gibt (etwa so wie bei Richard Wagner das
Wagner-Brief-Verzeichnis mit über 10000 Einträgen). Irgendwo
müsste es doch so ein Verzeichnis geben, oder ist das immer
noch ein Desiderat?
Sorry, Thomas, aber das weiß ich auch nicht. Hab mich noch nie darum gekümmert. Bin vielleicht zu chaotisch für sowas
.
Psychoanalytisch ist übrigens der Briefwechsel mit Ferenczi interessant. Letztlich war ja auch Ferenczi neben Jung der innovativste Analytiker nach Freud.
Gruß, Branden
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Hallo Branden,
Sorry, Thomas, aber das weiß ich auch nicht.
macht ja nichts, ich dachte nur, es gäbe vielleicht irgendwo sowas.
Bin vielleicht zu chaotisch für sowas
.
Das hast DU gesagt
- aber Chaos kann ja auch kreativ sein. 
Psychoanalytisch ist übrigens der Briefwechsel mit Ferenczi
interessant. Letztlich war ja auch Ferenczi neben Jung der
innovativste Analytiker nach Freud.
Danke für den Hinweis.
Herzliche Grüße
Thomas
Hi Thomas,
Irgendwo
müsste es doch so ein Verzeichnis geben, oder ist das immer
noch ein Desiderat?
Warum wendest Du dich mit Deiner Frage nicht an das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt ?
http://www.sfi-frankfurt.de/
Wenn, dann können die Dir wohl weiterhelfen.
Dir Gruß & gute Besserung,
Anja
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Hallo Anja,
keine schlechte Idee, obwohl das Institut nicht historisch, sondern therapeutisch orientiert ist. Einen Versuch ist es wert. Danke - auch für die Genesungswünsche (die Tonne war übrigens auch oB).
Herzliche Grüße
Thomas
Hi Thomas,
(die Tonne war übrigens auch oB).
Na, dass hoffe ich doch, dass die Tonne oB, sprich: ok war - mir ging es eher um Deinen Befund *g
Anja
Information: neuer Ansatzpunkt
Hallo,
ich habe ein Projekt aus den frühen 90er Jahren entdeckt, das zum Ziel hatte, ein solches Verzeichnis anzufertigen:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvf/me/me1/in5/text/…
Ich bedanke mich nochmal bei allen Antwortern.
Herzliche Grüße
Thomas Miller