Zweisprachige Erziehung

Grüß dich,

ich danke dir für die ehrlichen Worte.Ich versuche dir zu erklären,warum mir die Sache so wichtig ist:Als hier geborener Ausländer (du hast recht,2.Generation) habe ich früh lernen müssen, mich anzupassen und immer besser zu sein als vielleicht ein deutsches Kind.Meine Eltern waren sehr darauf bedacht, dass es ihren Kindern nicht so ergeht, wie ihnen selbst, nämlich deutsch nur unzureichend zu sprechen.
Aber ich denke sie haben mir auch gezeigt, wie wichtig die Wurzeln eines jeden ist, also zu wissen woher komme ich und wo gehöre ich hin.In meiner Kindheit habe ich mit meinen Geschwistern nur deutsch geredet,auch hatten wir fast nur deutsche Freunde.Als man in zunehmenden Alter reifer wurde, bekam der Begriff der Identität immer eine größere Rolle zu spielen.Ich erkannte, dass ich nie der Türke sein werde, wie diejenigen in der Türkei.Ich erkannte aber auch, dass ich niemals ein deutscher sein, wie jemand deren Eltern beide Deutsche sind.Mit diesem Bewusstsein der Zugehörigkeit zu beiden Kulturen, kann man viele Dinge viel distanzierter beobachten und somit beitragen kann, unnötige Vorurteile abzubauen.Dieses Verständnis möchte ich auch gerne meinen Kindern ins Bewusstsein rufen.
Es ist aber auch so, dass deutsche immer noch für mich keine Muttersprache ist.Die türkische Sprache ist sehr lebensnah.Gefühle beschreiben lässt sich im türkischen viel einfacher und direkter (mag sein,dass es nur mir so geht).Leider hat diese Sprache kein gutes Prestige, aber ich kann sagen, dass es eine tolle und lebhafte Sprache ist und nur Leute aus Unwissenheit über diese Sprache herziehen.
Gruß
erwin

Hi

Du sagst du bist in Deutschland GEBOREN, daher verstehe ich
nicht ganz, wo das Problem liegt, daß du Deutsch mit den
Kindern sprichst. Ich kann es nachvollziehen, daß man mit den
Kindern in der Muttersprache bzw. ersten Sprache spricht, weil
alles andere „künstlich“ ist (außer wieder in der
Öffentlichkeit, wo alle die Landessprache sprechen, egal ob
sie erste oder spätere Sprache ist), aber wenn du seit Geburt
in Deutschland bist, ist das doch auch deine erste Sprache
(bzw. eine davon), zumindest liest du dich sehr danach.
Wahrscheinlich empfinden sie deswegen das Türkische als
aufgesetzt, als etwas, das in der Vergangenheit liegt. Du bist
bereits zweite Einwanderergeneration, deine Kinder die dritte.
Da muß man wirklich nicht eine Sprache auf Biegen und Brechen
weiterführen, wenn schon die Eltern mit der neuen Sprache
aufwuchsen. Sowas kenne ich jedefalls nicht. Sie froh, daß die
Kinder perfekt Deutsch können und sich integrieren WOLLEN.

Gruß
d.

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Hallo

wir Lehrer raten all diesen Kindern dringend, ihre
Heimatsprache zu pflegen, denn es vergrößert doch zumindest
die Mannigfaltigkeit ihrer Berufsaussichten.

Bei einigen Sprachen stimmt das natürlich wegen den
Berufsaussichten.

Nicht nur wegen der Berufsaussichten sondern auch um der Orientierung ihrer Herkunft willen. Ich habe es auch in mir, kann aber keine logische Erklärung für das WARUM liefern. Gar für das WOFÜR. Momentan ist diese Welt nunmal in Nationen und Religionen aufgeteilt und die Eltern sind darum bemüht ihrer Brut ihre Herkunft vorzustellen.

Aber bei „Heimatsprache“ werde ich stutzig. Für dich hat ein
Kind, dessen Vater bereits in Deutschland geboren wurde,
Türkisch als „Heimatsprache“? Was du damit unterschwellig
ausdrückst ist, daß dieses Kind seine Heimat woanders hat,
also nicht integriert ist und es auch nicht sein kann - und
das als DRITTE Generation!?

Selbst bei der siebten Generation von Türken, Russen oder Mongolen spielt die Herkunft der Eltern immer eine Rolle. Je nach Zuneigung sympathisiert man mit der einen oder anderen Kultur.
Meine Eltern waren keine Deutsche, aber ich bin die deutscheste in der Familie :wink: auch wenn meine Eltern aus verschiedenen Kontinenten stammen und ich in deren Ländern gelebt habe.

Das empfinde ich als das exakte
Gegenteil dessen, was Einwanderern und ihren Nachkommen
tatsächlich NUTZEN würde, nämlich akzeptiert zu werden als
Gleicher unter Gleichen.

Wenn sich der Deutsche nicht gleich als Deutschen sieht ist es hier bestimmt kein Problem, mal nicht Deutsch zu sein. Ob du als Arbeiter, Akademiker oder als Tourist in einem Land bist, es ändert deine Herkunft nicht.

Dabei würde mich interessieren, ob du dasselbe von einem Kind
sagen würdest, dessen Großmutter aus Italien stammt. Nur aus
Interessse, damit ich weiß, wo meine Heimatsprache ist. :wink:

Deine Heimat ist da wo du dich zuhause fühlst. Sagte schon mein Onkel!
Entschuldige mich, ich bin zwar nicht Henning, aber bei einer italienischen Grossmutter wäre es auch selbstverständlich italienisch zu lernen um sie zu verstehen. Wenn du sie knuddelst und sie dir liebe Worte sagt wirst du bestimmt auch wissen wollen was diese Worte bedeuten und wohin deine Wurzeln reichen. Wir Menschen sind halt Explorer :wink:

Davon abgesehen ist es für viele Menschen selbstverständlich ihren Kindern die Sprache näher zu bringen mit der sie aufgewachsen sind.

Liebe Grüsse

Krümel

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Hallo

Ich kann jedes einzelne Wort nachvollziehen, da ich es selbst auch so erlebe (bin ausgewandert). Kinder habe ich keine, aber wenn ich einmal welche habe, werden dieselben Fragen aufkommen.

Ich bin der Meinung, daß man nichts erzwingen kann. Das was du erlebst, als du reifer wurdest, das müssen deine Kinder selbst erleben. Vielleicht tun sie das, wenn sie selbst reifer sind, oder aber auch nicht, da sie schon dritte Generation sind. Beides ist auf seine Weise in Ordnung. Aufzwingen kann man nichts, es wird nur Ablehnung und Trotz hervorrufen.

Das ist meine Meinung dazu.

Gruß
d.

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Hi

Nicht nur wegen der Berufsaussichten sondern auch um der
Orientierung ihrer Herkunft willen.

Das läßt sich aber nicht erzwingen.

Selbst bei der siebten Generation von Türken, Russen oder
Mongolen spielt die Herkunft der Eltern immer eine Rolle.

Ich weiß, und es führt AUCH zu einer Reihe von unnötigen Problemen. Viele Menschen wollen das nicht, sondern kappen ihre Vergangenheit der Kinder willen. Beides ist ein Weg damit umzugehen. Was besser ist, das muß jeder selbst entscheiden.

Deine Heimat ist da wo du dich zuhause fühlst. Sagte schon
mein Onkel!

So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten.

Entschuldige mich, ich bin zwar nicht Henning, aber bei einer
italienischen Grossmutter wäre es auch selbstverständlich
italienisch zu lernen um sie zu verstehen. Wenn du sie
knuddelst und sie dir liebe Worte sagt wirst du bestimmt auch
wissen wollen was diese Worte bedeuten und wohin deine Wurzeln
reichen. Wir Menschen sind halt Explorer :wink:

Meine Großmutter hat weder den Kindern noch den Enkeln ihre Sprache beigebracht, weil sie das als kontraproduktiv empfand. Sie wollte, daß die Kinder vollständig integriert sind. HEUTE sieht man das anders, vor allem in Deutschland gegenüber seinen Zuwanderer, wo das Wort Anpassung ja schon verpönt ist.

Davon abgesehen ist es für viele Menschen selbstverständlich
ihren Kindern die Sprache näher zu bringen mit der sie
aufgewachsen sind.

Das ist aber nicht der Fall, wenn der Vater in Deutschland geboren wurde.

Gruß
d.

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Hi

Auf den anderen Seite kenne ich viele Menschen die auf Biegen
und Brechen versuchen die Landessprache mit den Kindern zu
reden, obwohl die eigene Muttersprache eine andere ist und die
Landessprache nur bruchstückhaft können.

Das ist völlig verkehrt, wird dir jeder bestätigen. Darum ging
es hier aber nicht, da der Vater ja in Deutschland geboren
ist.

Das ist mir klar und ich würde es immer wieder und immer wieder davon abraten. Aber in bestimmten gegenden ist man schnell „aus“, wenn man diese Sprache nicht spricht. Ausserdem mittlerweile ist es in meinen augen ein Zeichen vom Sozialstatus. Sehr traurig, wie ich finde…

Schöne Grüße,
Helena

an Krümel; etwas O.T.

Meine Eltern waren keine Deutsche, aber ich bin die
deutscheste in der Familie :wink: auch wenn meine Eltern aus
verschiedenen Kontinenten stammen und ich in deren Ländern
gelebt habe.

Hallo Krümel,
das finde ich unheimlich interessant. Ich finde ja schon die Herkunft von Shakira toll. Darf ich denn mal fragen, aus welchen Staaten und Kontinenten Deine Eltern stammen? Kannst mir auch gerne eine Mail zusenden.
Ich persönlich fühle mich am wohlsten in Groß-Städten, wo Multikulti auch wenigstens teilweise funktioniert. In Städten, wo es den meisten Bewohnern sch… egal ist, wer woher kommt - wo allein der Mensch als solcher zählt. (kennst Du übrigens den Film: kleine schmutzige Tricks? Rührend und irgendwie auch sehr deprmierend).

Ich als Klassenlehrer habe mich übrigens noch nie dafür interessiert, ob meine SchülerInnen einen deutschen Pass haben oder nicht.

Liebe Krümel,
ich bitte Dich um Antwort, vielleicht war ich ja auch schon in den Ländern, allerdings nur als Tourist.
Auf Deine multinationale Herkunft könnte ich richtig neidisch werden - na, zum Glück habe ich französische Vorfahren in einer kleinen Linie des Stammbaumes:wink:.
MLG
Henning

Erzwingen ist die falsche Methode.Das ist mir bewusst.Ich hatte euch ja etwas aus meiner Vergangenheit erzählt.Ich kann heute sagen , dass ich sehr traurig darüber bin, dass meine Eltern zu wenig aus der eigenen Kultur mitgeben konnten .Als Kind habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht.Aber nunmehr erkenne ich,dass dieser Kulturkreis auch einen Reichtum beinhaltet, den man einfach nur durch Erleben richtig nachvollziehen kann.Nur das alles zu erklären käme nicht so an,wie man es eigentlich erklären möchte.Mein Wunsch war immer,dass die Kinder beide Kulturen ohne Vorurteil kennen lernen,um sich später ein eigenes Bild zu machen.Und ich kann euch sagen, dass es hier in Deutschland gar nicht so einfach ist als auländisches Kind groß zu werden, obwohl ,ausser vielleicht vom Aussehen, nichts auf etwas „anderes“ hindeutet.Ich möchte einfach meinen Kindern auch nur das geben, wo ich denke, dass es sie in ihrem Leben bereichern würde, wo sie sich nicht fremd fühlen und wo sie Geborgenheit bekommen.Ich denke der allerbeste Weg ist hier die Erlernung dieser Sprache.
Das sie hier ein größtenteils deutsches Leben haben ist ganz in Ordnung , aber ich finde die Herkunft sollte keiner verleugnen und sollte sich mit ihr auch kritisch auseinandersetzen.
Gruß

erlebst, als du reifer wurdest, das müssen deine Kinder selbst
erleben. Vielleicht tun sie das, wenn sie selbst reifer sind,
oder aber auch nicht, da sie schon dritte Generation sind.
Beides ist auf seine Weise in Ordnung. Aufzwingen kann man
nichts, es wird nur Ablehnung und Trotz hervorrufen.

Das ist meine Meinung dazu.

Gruß
d.

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noch ne Idee

Hallo Erwin,
ich bezweifle nicht, das ihr gute Eltern seid. Aber Kinder bekommen ja von Spannungen oft trotzdem was mit, auch wenn die Eltern nicht vor ihnen streiten. Ob das bei euch so ist, weiß ich natürlich nicht - es war wie gesagt, stochern im Dunklen.
Dass irgendein ungelöster Konflikt (in den Köpfen der Kinder) ihre Lernlust blockiert, glaube ich weiterhin. Eine Möglichkeit fällt mir noch ein:

Vielleicht versuchen deine Kinder , ihren Platz zu finden zwischen 2 Nationalitäten, 2 Kulturen? Dann könnte es sein, dass sie deshalb auf einmal von allem Türkischen nichts wissen wollen. Lehnen die Kinder denn auch andere Elemente der türkischen Kultur ab (Feiern, türkisches Essen, etc…)
Wenn das der Grund ist, kann in ein paar Jahren das umgekehrte passieren: plötzlich ist alles Türkische toll, das Deutschte „out“. Besonders wenn die Pubertät kommt, könnten da noch ein paar plötzliche „Rollenwechsel“ stattfinden Wenn das der Grund ist, ist es normal. Kinder finden in diesem hin und her irgendwann ihre Identität.
Viel tun kannst du da nicht - sprich türkisch mit ihnen, aber zwinge sie nicht. Bleibe du selbst: dann gibst du den Kindern das beste Beispiel für Identität und Integration.
Viel Glück,
Martina