Zweite chance?

Hallo zusammen,
nachdem ich jetzt die fachliche Seite in einem anderen Brett geklärt habe, hätt ich mal ne Frage an erfahrene Eltern zur „erzieherischen“ Seite. Folgende Geschichte:
Meine Tochter (fast 12) hat mit kanpp 7 Jahren angefangen, Geige zu lernen. Dies geschah auf ihren eigenen dringenden Wunsch hin, die damalige Musiklehrerin hat (klaro!!) vollen Rückenwind gegeben, aber Sarah wollte das auch unbedingt lernen. Also nicht so, dass wir Eltern da unsere Wünsche ins Kind projiziert hätten *gg*!
So, das klappte erstmal ganz gut, der Lehrer war super nett usw. AAABBBEEERRR!!! Das Üben!!! Das wurde superschnell zum Zankapfel jeden Tag, die ganze Woche! Sie war halt auch noch klein, und ich hätte mich vielleicht stärker damit befassen müssen, oder was, ich weiß nicht.
Lange Rede, kurzer Sinn, nach ca 3 Jahren wurde der Unterricht beendet, obwohl sie sich nicht schlecht anstellte. Aber durch diese Faulenzerei kams immer wieder zu Frusterlebnissen. Ihr werdet das ja alle kennen, so oder so ähnlich!
Jedenfalls wars eine ganz schöne Streiterei immer wieder und dann wars peinlich zur Geigenstunde zu gehen usw. Und als es dann vorbei war, waren wir alle erleichtert.
Soweit die Vorgeschichte, jetzt das aktuelle Anliegen. Sie hat die Schule gewechselt und einen neuen Bekanntenkreis. Und d haben sich vier Mädles in den Kopf gesetzt, jetzt wollen sie zusammen Klarinette spielen lernen. Meine erste Reaktion wr dann natürlich NEIN!! NICHT NOCHMAL SO EIN DRAMA.
Aber der zweite Gedanke war, naja, vielleicht ist sie vernünftiger, sie ist immerhin auch jetzt älter usw.
Mein Mann hält am ersten Gedanken fest.
Was meint ihr? Sollte man ihr die Chance geben? Gleich, oder mal eine Frist verstreichen lassen, so als Signal? Wenn man nein sagt, dann sagt man doch letztendlich, probier bloß nigs aus, mach nur was du sicher weißt! Kanns ja auchnicht sein, oder?

vielen Dank, dass ihr bis hierher gelesen habt!
Charly

Hallo Charly!

Setzt Euch in Ruhe zusammen, Du, Dein Mann und Deine Tochter.
Deine Tochter soll mal sagen, wie gern sie Klarinette lernen möchte. Will sie es unbedingt? Will sie dafür auch das tägliche Üben in Kauf nehmen? Sie soll dies gut überlegen! Immerhin hat sie ja schon eine Erfahrung und kann vielleicht besser abschätzen, wie schnell die Freude an einem Instrument vergehen kann.
Falls sie dies diesmal wirklich durchziehen will, gebt ihr eine zweite Chance.

Allerdings: Sagt ihr gleich, dass Ihr sie nur probeweise für ein Semester anmeldet. Wenn sie wieder die Lust am Üben verliert, wird diesmal kurz und bündig Schluss gemacht mit der Ausbildung.

Jetzt ist es an ihr, zu beweisen, dass sie so reif geworden ist, dass sie ohne ewiges Ermahnen übt.
Und ihr könnt ja dann von Semester zu Semester verlängern, wenn es klappt.

Alles Gute!

Hanna

zweite chance??? ja! weil…
Hallo Charly,

ich wäre für die „zweite Chance“, aus folgenden Gründen:

  • ich unterstelle Sarah, dass sie aus der Geigen-Erfahrung dazugelernt hat
  • wenn Ihr sie lasst, zeigt Ihr Sarah, dass Ihr Vertrauen in sie habt und erkennt, dass sie erwachsener geworden ist --> finde ich ausschlaggebend
  • das Lernen eines Instrumentes kann sich positiv auf Intelligenz und Kreativität auswirken
  • es kann ausgleichend wirken, was in der Pubertät hilfreich sein kann (eigene Erfahrung)
  • Sarah kann dadurch Freundschaften knüpfen und vertiefen (eigene Erfahrung)
  • vielleicht liegt ihr Klarinette auch besser? Ich konnte z.B. mit dem Kontrabass nix anfangen, habe aber gerne und lange Klavier und Querflöte gelernt

Dagegen spricht, dass eine Klarinette teuer ist und auch der Unterricht 'ne Stange Geld kostet. Aber diese Argumente kann man dadurch entkräften, dass

  • man Instrumente oft an Musikschulen oder beim Händler leihen bzw. mieten kann
  • manche Schulen mit Musikschulen kooperieren (z.B. in meiner „Heimatstadt“ Rosenheim), so dass der Unterricht nichts oder fast nichts kostet
  • vielleicht auch ein Gruppenunterricht für das Quartett möglich wäre - ist billiger und evt. zusätzliche Motivation

Klar stellen würde ich, dass zukünftig das Üben in ihrer - und nur in ihrer - Verantwortung liegt. (Daran müsst Ihr Euch natürlich auch halten!) Und dabei auch auf die erzieherische Funktion vertrauen, die ihre Mitspielerinnen haben: Es ist schließlich super-peinlich, wenn man als einzige die Stücke nicht kann!

Zusammenfassend denke ich, dass eine Erlaubnis ein Signal wäre wie: Wir glauben daran, dass du alt genug bist, gewisse Entscheidungen für dich selbtst zu treffen und dazu zu stehen. Wir möchten dich ermuntern, auch bei Rückschlägen nicht den Mut zu verlieren, nochmal neu anzufangen. Es ist keine Schande, hinzufallen - aber man muss wieder aufstehen.

Viele Grüße
Katharina
(P.S. ich kenne die Dramen schon auch; mein Sohn singt in einem Knabenchor und hat auch oft keine Lust zu üben - aber die Gruppe motiviert ihn doch ziemlich stark)

Hallo,
also meine eltern haben mir immer gesagt, dass ich wenn ich etwas anfange es auch fertig machen muss… inkl. ÜBEN… btw bin heute keyboarderin in einer band, auch wenn ich meine eltern oft verflucht habe und oft das teil in die ecke schhmeißen wollte… denke mal das „fertig machen“ ist ein guter Ansatz, finde ich aber eigentlich für alles gut zu gebrauchen. Sag doch deiner Tochter sie soll Probeunterricht nehmen, sagen wir mal 6 Wochen und wenn sie dann immer noch will gibt es eine Art Jahresabo, dass sie aber fertig zu machen hat…
LG

Hallo Charly,

ich möchte einfach mal erzählen, wie das bei mir war.
Ich wollte schon immer Querflöte spielen.
Mit 6 wurde ich dann in der Musikschule angemeldet, es hiess aber, ich sei noch zu klein, um Querflöte zu lernen, ich solle doch mit Blockflöte anfangen. Das hab ich dann auch gemacht, und hab auch immer Spass dran gehabt, und auch die meiste Zeit fleissig geübt.
Mit 12 konnte ich dann zur Querflöte wechseln. Ich bekam also eine neue Lehrerin und hatten den Unterricht zusammen mit meiner besten Freundin. Alles perfekt, oder?
Nach nicht mal einem Jahr hatte ich keine Lust mehr zu üben, wenig später habe ich die Lehrerin gewechselt und nochmal ein halbes Jahr später habe ich aufgehört, weil ich einfach nicht zufrieden war.
Meine Eltern haben mich zwar schon zum Üben ermahnt aber nicht gezwungen, wenn ich nicht wollte.
Nachdem ich aber aufgehört hatte mit dem Querflötenunterricht, hat es mir schon irgendwie gefehlt, Musik zu machen.
Ich hatte ungefähr ein Jahr lang keinen Unterricht mehr gehabt, als meine Musiklehrerin mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, Geige zu lernen. Aber Geige war irgendwie nie so das Instrument gewesen, was mich interessiert hätte.
Da aber die Schule den Unterricht bezahlen wollte und ich die Geige leihen könnte, habe ich mir das dann doch mal angeguckt.
Und, oh Wunder, ich habe festgestellt, dass die Geige absolut mein Instrument ist. Ich hab zwar extrem spät damit angefangen (mit 15), dafür um so fleissiger geübt und im Urlaub gelitten, dass ich sie nicht hatte mitnehmen können. Die ersten Bücher hatte ich ruckzuck durch und konnte nach einem Jahr schon im Schulorchester mitspielen.

Und das alles, obwohl ich vorher den Querflötenunterricht aufgehört hatte, weil ich keine Lust mehr hatte und auch nicht geübt habe.

Also, ich würde es mit der Klarinette nochmal versuchen, am besten den Unterricht erst mal testen und die Klarinette leihen, vielleicht ist es ja genau das richtige.
Trotzdem sollte vorher in einem Gespräch geklärt werden, was ihr erwartet und dass regelmässig geübt werden muss und nicht nach einem halben Jahr alles keinen Spass mehr macht.

Unterricht in der Gruppe oder zu zweit kann sehr motivierend sein, genau wie das Mitspielen in einem Ensemle (die Musikschule bei uns hat auch Orchester angeboten in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, bei denen man zusätzlich zum Unterricht kostenlos mitspielen konnte, auch schon nach einem halben Jahr Unterricht, wenn man dann besser wurde, konnte man ins nächsthöhere aufsteigen).

Ich hoffe, meine Antwort hilft dir ein bisschen.

Tschüs,

Eva

Hallo Charly,
Ich hab eine aehnliche Instrumenten-Karriere hinter mir.
Angefangen mit Blockfloete, weil es das damals in der Grundschule umsonst als Wahlfach gab und das im Klassenverband natuerlich ein Riesenspass war.
Dann Klavierunterricht, den ich mit Begeisterung angefangen und recht schnell hassen gelernt habe. Da lag ich mit meinen Eltern auch fast 2 Jahre lang im Dauerstreit wegen der Ueberei bis ich in der 6. Klasse dann endlich aufhoeren durfte. Mit 15 hab ich mir dann in den Kopf gesetzt dass ich umbedingt Gitarre lernen will. Da waren meine Eltern sehr skeptisch, aber als Belohnung fuer gute Schulleistungen haben sie dann doch zugestimmt. Und inzwischen war ich auch in einem Alter wo sie mir das Ueben selber ueberlassen haben, was wohl mit der Hauptpunkt war warum mir die Sache richtig Spass gemacht hat. Ich bin 2 Jahre lang bei der Gitarre geblieben und hab dann zu E-Gitarre gewechselt, weil zu dem Zeitpunkt jeder in meinem Freundeskreis in einer Band spielte :wink:
Naja und dann nach 4 Jahren Gitarre war irgendwie die Luft raus und ich wollte einfach nochmal was anderes lernen. So bin ich zum Saxophon gekommen…
Zusammenfassend kann ich sagen, dass bei den Instrumente bei denen ich auch im Orchester bzw. Gruppen mitgespielt habe am meisten geuebt habe. Und sobald der Zwang zu ueben von meinen Eltern mal weggefallen ist habe ich gerne aus freien Stuecken geuebt. Denn nichts ist peinlicher als wenn man dem Lehrer das Stueck nach der 3. Woche immer noch nicht fehlerfrei vorspielen kann.
Und dafuer dass ich so viele Instrumente ausprobieren durfte bin ich meinen Eltern echt dankbar. Ich beherrsche zwar keines 100%ig, aber ich habe im Nachhinein selbst am Klavierspiel wieder Spass gefunden.
Gruss Claudia

Servus Charly,

also, ich wurde sehr autoritär erzogen und bekam meist nicht mal die erste chance. War gar nicht toll und …
Deshalb erziehe ich meine Kinder wohl weniger autoritär, bespreche mit ihnen ihre Wünsche und Anliegen, stelle dann möglichst klare Regeln auf und laß sie ausprobieren - denn das ist auch Erfahrung sammeln.
Klar, kostet Geld, hab auch keins, aber irgendwie gehts doch.

Meine Empfehlung: sieh es bitte nicht als „zweite chance“ denn das ist schon negativ - weil lastender Rückblick. Ermögliche ihr einen neuen Start und wache nur insoweit darüber, daß sie spaß daran hat.

Gruß Richard

na gut!
Aslo, erstmal Dankeschön für die vielen Antworten. Jaaaaa, ich denke, das werden wir so machen. Eindringlich drüber reden und klar machen, dass wir von ihr Engagement erwarten. Und vor allem, dass SIE selbst alleine dafür verantwortlich ist. Das wird am Anfang auch sicherlich gut klappen. Sie sind ja 3 oder 4 Mädels zusammen. Sie haben auch schon mit dem Musiklehrer in der Schule geredet usw. Also den Mädels liegt da schon was dran. Es gibt ja auch das Bläserensemble in der Schule, was dann auch einen Anreiz bildet, langfristig. Ich hoffe halt, dass hier ein „positiver“ Gruppenzwang aufkommt. Das heißt. dass Sarah sich schämt, wenn sie nicht übt…
Ich berichte euch mal bei Glegenheit, wie’s läuft…
Charly

Hallo Charly

ich bin Lehrerin, Musikerin und auch Musiklehrerin und würde dir folgendes raten:

  • Treffe mit deiner Tochter verbindliche Vereinbarungen, was die Übungszeit anbelangt. Mache auch ganz klar die Konsequenzen ab, wenn sie sich nicht an die Vereinbarungen hält, oder du dich jedesmal auf Diskussionen einlassen musst. Lasse ihr aber auch ein paar Möglichkeiten offen, die Übungszeiten in besonderen Fällen zu umgehen: zum Beispiel einen „Gutschein“ pro Woche od. zwei Wochen, wo sie die vereinbarte Übungszeit an einem Tag fallenlassen darf, ohne dass sie eine Begründung dafür abgeben muss.

-ebenfalls helfen auch zeitlich festgelegte Übungszeiten. Z.Bsp. gleich nach der Schule eine halbe Stunde Pause, danach 30 Min. üben.
Sie sollte bei der Festlegung dieses Stundenplans auch mitreden können und somit selbst Verantwortung übernehmen.

  • Vielleicht kann sie ihrem starken Wunsch Ausdruck verleihen, indem sie sich finanziell mit einem kleinen Betrag (!), mehr symbolisch an den Kosten des Musikunterrichtes beteiligt. Damit übernimmt sie auch etwas mehr Verantwortung.

  • die bereits genannte Idee der Probezeit finde ich auch ganz sinnvoll.

  • Rede mit dem/der Musiklehrer/In über Auftrittsmöglichkeiten. Bevorstehende Vortragsübungen motivieren auch zum Üben und man kann sich auch gleich an den anderen Schülern messen.

Gruss
Andrea

Musik ist eine Weltsprache, denn da spricht Seele zu Seele.

Hallo Charly,

Das Üben!!! Das wurde superschnell zumZankapfel jeden Tag, die ganze :Woche!

probier bloß nigs aus, mach nur was du sicher weißt

Mit Sieben ist ein Kind nur zum Ausprobieren auf der Welt. Zwang und Verpflichtung sind was die dauerhafte Motivation zu einer Sache angeht extrem kontraproduktiv. Mit dreizehn ist das etwas anderes, da kann ein Kind schon abschätzen, was Üben bedeutet, schließlich hats ja Hausaufgaben.
Ansonsten seh ich die Aufgabe der Eltern auch darin, den kindern den rahmen zu schaffen, dass sie sich frei ausprobieren dürfen, ob mit Geige spielen, Reitunterricht oder Ballett. Erst das Spielen mit Möglichkeiten und das (sanktionsfreie) Verwerfen der auf Dauer doch nicht so spannenden Aktionen lässt dein Kind sich frei und ungehemmt entwickeln.

Gruß
Burkh