Zweitspracherwerb

Hallo!
Habe im Internet mehrere Aufsätze und Artikel über den Zweitspracherwerb gelesen, wo es durchweg hieß dass es für Nicht-Muttersprachler kaum möglich sei, eine Fremdsprache so zu sprechen, als wenn er sie von klein auf gelernt hätte. Das heißt im Klartext dass wissenschaftlich (EEG u.a. Messungen) nachgewiesen werden konnte, dass das Gehirn des Muttersprachlers weniger „Rechenleistung“ (=Anstrengung) vollbringen muss als bei einem angelernten Zweitsprachler. Da ich selbst nur Erfahrung mit Schul-Englisch/Französisch habe würde mich die Meinung dazu von jemandem interessieren, der fließend / akzentfrei andere Sparchen außer Deutsch (die er später gelernt hat) spricht, v.a. im Hinblick darauf, wie viel er während des Sprechens nachdenken muss. Für Antworten bin ich schon im Voraus dankbar!

Servus

Hallo Servas,

v.a. im Hinblick darauf, wie viel
er während des Sprechens nachdenken muss. Für Antworten bin
ich schon im Voraus dankbar!

Es geht ja gar nicht so sehr um das ‚bewusste Nachdenken‘.
Ich denke oft in Englisch, merke gar nicht, dass ich mit
Deutsch anfange und wenn meine Kinder dann englisch mit mir
reden, ich auf Englisch weitermache.
Aber: wenn ich muede werde, wird mein Akzent ausgepraegter.
Bin ich hellwach, werd ich im Allgemeinen fuer eine Suedafrikanerin
gehalten (ausser von Suedafrikanern!). Je mehr Alhohol drin ist,
je mehr stolpert man - weniger ueber Ausdruecke - als ueber
fremde Buchstabenkombinationen (‚very wise‘ wird dann bei mir immer,
zum grossen Amuesement meiner Freunde ‚wery vise‘).

Ein gutes literarisches Beispiel findest du bei Elias Canetti
(dessen Sprachrezeption auf jeden Fall sehr interessant ist).
Obwohl er relativ spaet(mit 8!) und erst als fuenfte Sprache zu
Deutsch gefunden hat, hat er darin seine Meisterwerke geschrieben
(spaeter war er dann allerdings auch auf Englisch literarisch
taetig) - er hat ein Ohr fuer deutsche (bzw. wienerische) Sprach-
floskeln entwickelt, das einem Muttersprachler auf diese
Weise nicht zur Verfuegung steht.

Von daher glaube ich nicht, dass man ein ‚bewusstes Mehrdenken‘
bei sich selbst beobachten kann, wenn man die Zweitfrage fliessend
spricht - es sich aber trotzdem, um ein anderes Sprach-Handhaben
handelt. Interessant faende ich in dem Zusammenhang Untersuchungen
von Kindern die zweisprachig aufgewachsen sind - ob man z.B. bereits
Unterschiede feststellen kann, zwischen Kindern, die durch verschieden-
sprachige Eltern von GEburt an zwei Sprachen gehoert/gelernt/gelebt
haben, und Kindern, die von gleichsprachigen Eltern aber in einer
anderen Sprachwelt aufgewachsen sind (z.B. meine: wir sprechen deutsch,
aber unsere Freunde waren schon immer vorwiegend englischsprachig,
die Kinder hatten von Anfang an englischsprachige Freunde, gingen
in englischsprachige Kindergruppen, Kindergarten, Schule, etc.).

Gruesse, Elke

Also, ich habe während meiner Schulzeit zweimal 6 Wochen in den USA verbracht. Vor dem ersten Mal hatte ich eine 6 in Englisch. Als ich wiederkam, hatten unsere Nachbarn Schotten zu Besuch. Die wollten mir nicht glauben, dass ich Deutsche sei. Als ich das zweite Jahr in den USA war, lebte ich auf einer Farm. Ein Fremder kam zu besuch und hielt mich für eine Texanerin. Zeigt das nicht, dass ich damals perfekt gesprochen habe? Ich musste mich in keinster Weise anstrengen und muss es heute auch in vielen Bereichen immer noch nicht. Manchmal fehlt mir auch heute sogar noch die deutsche Vokabel für einige Wörter. Ich habe damals in Englisch geträumt und wenn ich heute Konversationskurse gebe, die über ca. 2 Stunden gehen oder mich sonst wie länger Englisch unterhalte, bin ich sofort wieder so tief in der Sprache drin, dass ich zum Teil auch wieder Englisch träume.
Ich glaube, die haben bei ihren Studien zwar einen representativen Querschnitt ausgesucht, aber dabei die Ausnahmen vergessen. Und die gibt es überall. Und wie mir ergeht es sicher vielen, davon bin ich überzeugt und nicht, dass ich irgend etwas Besonderes bin.

denken
servus servas!

v.a. im Hinblick darauf, wie viel
er während des Sprechens nachdenken muss. Für Antworten bin
ich schon im Voraus dankbar!

nun, um ehrlich zu sein: ich spreche es nicht akzentfrei. dennoch muss ich, wenn ich spanisch spreche, nicht nachdenken, um einen allgemeinsprachlichen satz (oder auch mehrere) hinzukriegen.

gleichwohl versuche ich, während des sprechens - vielleicht auch schon vorher - zu denken, dies sogar, wenn ich deutsch spreche :smile:

lg
tabaiba

vorher denken (off topic)

gleichwohl versuche ich, während des sprechens - vielleicht

auch schon vorher - zu denken, dies sogar, wenn ich deutsch
spreche :smile:

Womit du, tabaiba, die Ausnahme bist.
Die meisten schreiben ja nicht mal, ohne vorher nachzudenken.

Gruesse, Elke

Hi!

In wie fern ich mich dazu zählen darf, weiß ich nicht.

Aber als erstes: Ich wuchs 2-sprachig auf: Katalanisch und Spanisch. Im zarten alter ;o))) von 8 fing ich an, Französisch in der Schule, auf freiwilligerbasis, zu lernen, was ich bis einschl. Abiturklasse dann machte (irgendwann mal war es aber dann Pflicht!). Als ich mit ca 18 meine Neugier zwang, Europa zu erkunden, lernte ich ein bißchen Englisch. Und genau am meinen 20. Geburtstag fing ich an, Deutsch zu lernen. Danach kam ich als au-Pair Mädchen nach München und ein paar Jahre später verbrachte ich nochmal 1 Jahr in Massachusetts. So weit so gut.

Und nun zu Deiner Frage:

Eigentlich wenn jemand mich eine Frage stellt, versuche ich, wenn möglich, in derselben Sprache eine Antwort zu geben. Natürlich wenn es geht. Ich glaube der Vorgang in meinem Hirn läuft so, daß ich erst die Antwort überlege (jetzt denke ich sie meistens auf Deutsch!!!) und dann diese übersetze.

Allerdings, wenn ich in meiner Heimat bin, schaltet sich irgendwas im Gehirn ein (wenn ich mich so salopp ausdrücken darf!) und schon denke ich nicht mehr auf Deutsch sondern wahlweise Spanisch oder Katalanisch, je nachdem auf welche Sprache ich angesprochen wurde. Dieses „Ein- oder Umschalten“ dauert immer ein paar Tage. Danach läuft alles automatisch ab. Und ich fühle mich sehr unbeholfen wenn ich etwas (sogar ganz simples) ins Deutsch übersetzen muß, denn es fällt mir, unglaublicherweise, sehr, sehr schwer. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber ich habe öfters dasselbe gehört: Es soll angeblich immer so oder ähnlich sein.

Doch Akzent- bzw. Fehlerfrei rede und schreibe ich nur Katalanisch und Spanisch, eben meine Muttersprachen. Ich glaube, daß es so ist, liegt in erster Linie daran, daß wir eben dieses Akzent vom Geburt an gehört und uns irgendwie damit identifiziert haben. Dieses Akzent ist in späteren Jahren sehr schwer/unmöglich ganz abzulegen.

Aber zu Deiner Hauptfrage: Wenn ich in Deutschland bin und mindestens 3 Tage nach einer Auslandsaufenthalt vergangen sind, „schaltet sich“ dieses „Knöpfchen“ ein, und schon denke ich auf Deutsch. Ich bin der Meinung, daß wenn ich dauernd übersetzen würde, wäre meine Sprache so voller Fehlern, daß mich keiner verstehen würde. Denn allein die Satzstellung in Deutsch ist ganz anders wie in die römischen Sprachen.

Dieses wissenschaftlichen Ergebnis von dem du redest:
„das Gehirn des
Muttersprachlers weniger „Rechenleistung“ (=Anstrengung)
vollbringen muss als bei einem angelernten Zweitsprachler“
kann ich schon u.U. bei meinem kleinen Sohn bereits feststellen: Er wächst zweisprachig auf, Deutsch und Spanisch und soweit ich von anderen Menschen höre bzw. selber merke, das „wenige“ was er redet ist akzentfrei, unabhängig davon, welche Sprache er gerade benutzt.

Ich hoffe ich habe Dir damit ein bißchen weiter geholfen!

Schönen Gruß
Helena

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hoi, Elke,

bist du sicher, dass du diesen Satz so meinst, wie er hier geschrieben steht?

Die meisten schreiben ja nicht mal, ohne vorher nachzudenken.

Oder wolltest du doch eher sagen, dass die meisten schreiben, ohne nachzudenken. Oder wolltest du demonstrieren, wie es ist: Primum scribere, deinde philosophari?

Beste Grüße Fritz

Ich habe mir eine Seite mit Haggisrezepten angeguckt. Vielleicht … ?

wo es durchweg hieß dass es für
Nicht-Muttersprachler kaum möglich sei, eine Fremdsprache so
zu sprechen, als wenn er sie von klein auf gelernt hätte. Das
heißt im Klartext dass wissenschaftlich (EEG u.a. Messungen)
nachgewiesen werden konnte, dass das Gehirn des
Muttersprachlers weniger „Rechenleistung“ (=Anstrengung)
vollbringen muss als bei einem angelernten Zweitsprachler.

hi,

worauf willst du jetzt hinaus? auf das akzentfreie sprechen oder die rechenleistung? ich denke das sind zwei paar schuhe! das akzentfreie sprechen hat etwwas mit musikalischem talent (gehör) zu tun. unmusikalische menschen haben ewig einen akzent, musikalische imitieren sogar sprachen perfekt, die sie gar nicht können! im gegensatz dazu: auch wenn man einen heftigen akzent hat und wenig wortschatz, heißt das ja noch lange nicht, daß „es ständig im kopf übersetzt“. bei mir übersetzt nichts im kopf, denn ich denke immer in der sprache in der ich grade spreche, nur eben auf unterschiedlicher entwicklungsstufe.

gruß
datafox

Wirren der Forschung…
Hallo Servas,

von einer Uni stammend, die in der Linguistik nichts anderes als Zweitsprachenerwerb und Bilinguismus erforscht, kann ich Dir vielleicht noch ein kleines Detail zu der Frage liefern.
So wie ich mich erinnere bezieht sich diese Untersuchung auf den Sprach- erwerb (in BS wars zumindest so). D.h. dass die Rechenleistung alleine beim Erwerb der Sprache im Alter höher liegt, als bei einem Kind, oder beim Erstsprachenerwerb. Und dieses Resultat (CT’s, MRI’s etc) deckt sich ja auch mit der Forschung der Kinderentwicklung, da Kinder erwiesenermassen Dinge schneller lernen, weil ihre Synapsen noch nicht so streng verkabelt sind, wie bei Erwachsenen (simplistisch ausgedrückt).

Gruss

Yseult

gilt Dialekt bzw. Hochdeutsch als Zweitsprache?

Das
heißt im Klartext dass wissenschaftlich (EEG u.a. Messungen)
nachgewiesen werden konnte, dass das Gehirn des
Muttersprachlers weniger „Rechenleistung“ (=Anstrengung)
vollbringen muss als bei einem angelernten Zweitsprachler.

Hallo!
Mir ist gerade noch etwas eingefallen, was diese These
belegen wuerde.
Zuhause wurde bei uns in der Familie und in der (Klein-)
Stadt breiter Dialekt geredet. Sozusagen meine Muttersprache.
Hochdeutsch kam erst spaeter hinzu.

Als meine Mutter uns vor Jahren in Suedafrika besuchte,
gingen wir ins Kino (ich weiss es noch, es war E.T.). Sie
konnte kein Wort Englisch und ich musste synchron uebersetzen.
Mein Englisch war gut genug, aber die Situation des Synchron-
uebersetzen ungewoehnlich, dazu kam das Fluestern-Muessen, weil
sich die Leute ringsrum sonst beschwerten (logo!). Ergebnis:
ich uebersetzte von Englisch ins (Hoch-)Deutsche, ausser wenn
es sehr schnell ging und viel wichtiger Text kam bzw. die "pssst"s
um uns rum lauter wurden, dann fiel ich in Dialekt (nicht nur
Aussprache, auch Ausdruecke). Fuer mein Hirn wahrscheinlich
der kuerzeste und direkteste Weg.

Das alles hat IMHO nichts damit zu tun, ob man in einer
Sprache denkt oder gar traeumt. Die eigene Anstrengung beim
Sprechen einer Sprache zu beurteilen, ist bewusst, glaube ich,
nicht moeglich.

Gruesse, Elke