Hi,
mal ehrlich, das hast Du frueher schon geschrieben und hier reinkopiert. Ich nehme saemtliche (auch impliziten) Vorwuerfe der Unmenschlichkeit zurueck. Nach meiner Meinung bist Du viel weiter, als die VWL-Religion, aber noch nicht radikal genug. Genaueres dazu weiter unten in meiner Diskussion mit Mathias, „75% Arbeitslose wollen einen Job“ bzw. was ich mit diesen Diskussionen selber versuche zu verstehen: http://www.krisis.org , zuerst vielleicht die Geldartikel von 95, „Die Himmelfahrt des Geldes“…, und zum philosophischen Hintergrund die „noch-marxistischen“ von Peter Klein zur Demokratie. Das liest sich weniger schrecklich, als es das Tabu-Wort „Marx“ suggeriert.
Nur noch kurz und nebenbei:
denn mal „Butter bei die Fische“: Thema ist die zu hohe Zahl
an Arbeitslosen. Diese sind bei steigender Produktivität nur
über Wirtschaftswachstum in Lohn und Brot zu bringen. Wo soll
das Wachstum realisiert werden?
Das ist die Gretchenfrage des Kapitalismus.
(das Wort Parasit vermeide ich,
obwohl es passender wäre)
Ich wuerde es nicht mal denken. Ist so ein Ventil erst mal da, ob es nun Parasit, Sozialschmarotzer, Spekulant, islamischer Terrorist, juedischer Volksfeind,… heisst, dann hat es die Tendenz, sich unkontrolliert und irrational auszuweiten. Die Konsequenzen wurden schon oefter durchgespielt.
[Ruestung]
volle Zustimmung
alte
Industrien um jeden Preis am Leben zu erhalten, beschert uns
seit vielen Jahren viele Millionen Menschen, für die es keine
Arbeit gibt.
Das solltest Du noch mal ueberdenken. Zumindest dem Wortlaut nach klingt es paradox. Erhaltung von Arbeitsplaetzen schafft Arbeitslose.
Wenn die alten Industrien entweder auf dem absteigenden Ast
oder in der Marktsättigung sind, brauchen wir eben neue
Betätigungsfelder. Diese Betätigungsfelder sind all das, was
die Natur- und Ingenieurwissenschaften hergeben, von der
Medizin, über Chemie, Elektrotechnik, Elektronik,
Umweltschutz…
Aber bieten diese wirklich Vollbeschaeftigung? Wer soll das bezahlen, das sind doch meist auch (wert-)verbrauchende Taetigkeiten wie Umweltschutz, Infrastruktur, Bildung, Verwaltung, Gesundheit,…
Dafür brauchen wir wirklich niemanden, der nur betet, daß
unser Bildungssystem das beste der Welt sei. Dieses Gebet
wurde seit Jahrzehnten gesprochen und ob es je stimmte, weiß
ich nicht.
Ich denke schon. Der Stand der humanistischen Bildung war hoch, aber auf die oberen Staende beschraenkt. Als die Staende sich aufloesten, hat das in die Breite gestrahlt, einfach durch das Beharrungsvermoegen der alten Lehrplaene, bevor die Vermassung, derr Konformismus das Niveau wiederr runterdrueckte. Ich denke, die „goldene Zeit“ war so um die Wirtschaftswunderzeit, bis in die 80er machten Leistungskurse noch Sinn,…
Einerseits sind so
zahlenmäßig um viele Zehnerpotenzen zu wenige Fachleute
rekrutierbar und man reißt anderweitig empfindliche Löcher,
was bei näherem Hinsehen auch nicht unser längerfristiges
Interesse sein kann.
Dir ist das qualitativ neue dieser Notwendigkeit bewusst? Dass ein Arbeitsmarkt, auf dem Arbeitskraft gegen Lohn getauscht wird, bei aller Anpassung, zu primitiv werden koennte?
Unterentwickelte Volkswirtschaften sind
Empfänger von Ernährungsprogrammen. Wir brauchen aber
Handelspartner für Industrieprodukte, die als Bezahlung mehr
zu bieten haben, als volkstümliche Teppiche und Felle.
Dann muesste dort investiert werden. Damit kommt das Standortproblem zum Tragen, die ganze industrielle Infrastruktur, angefangen bei einer stabilen Stromversorgung, Strassen nach Autobahnmassstaeben,… und noch lange nicht endend bei einem stabilen Justizsystem. Das kann inzwischen nicht mal mehr in den Industrienationen ausreichend finanziert werden, und die Komplexitaet steigt.
Das ist alles nichts für Politiker, die es gewohnt sind, sich
vor einem neu gestylten Auto mit der neuesten Farbgebung und
veränderter Form der Scheinwerfer den Kameras zu präsentieren.
DAS ist genau die Aufgabe von Politikern in einer repraesentativen Demokratie, zu repraesentieren und nebenbei noch etwas Interessenausgleich zu betreiben. Utopien haben da nix zu suchen. Politik reagiert, agiert nicht.
Das ist
nichts für ein Volk von Sachbearbeitern, die möglichst schnell
eine Karriere als Versorgungsempfänger erträumen.
Damit sind sie aber voll zum System konform: Moeglichst viel erreichen ohne viel zu tun. Das Extrem wird staendig lauthals beworben: „Lassen Sie Ihr Geld fuer sich arbeiten!“ Jeder weiss oder ahnt, dass es Unfug ist, trotzdem gehoert es zu den Wahrheiten dieser Gesellschaft.
Und schließlich ist das alles nur
finanzierbar, wenn man sämtliche Armeen der EU abschafft und
durch eine einzige, kleine aber feine, gut ausgebildete und
gut ausgerüstete Eingreiftruppe ersetzt.
Wozu braucht man dann noch eine industrielle Wirtschaft, einen Nationalstaat? Ok, das ist ein extremer Standpunkt, aber lesenswert. Wie oben: „Der Knall der Moderne“
Mehrstellige Milliardenbeträge
sind erforderlich und die müssen irgendwo herkommen.
Sehr richtig, auch ohne gleich die Weltrevolution zu verlangen (ob es allerdings am Ende nicht ohne sie geht, ist eine andere Frage)
Die
Aufwendungen sind so gewaltig, daß dafür eine spürbarer Umbau
der Ausgabenstruktur unseres Staates nötig ist, daß man die
bisher größten Haushaltsposten angreifen muß, nämlich
Personalausgaben des Staates, der dafür verschlankt werden
muß; Sozialausgaben, was zu mehr Eigenverantwortung des
Einzelnen führen muß und Verteidigung, wobei ich die
nationalen Streitkräfte in der EU für anachronistisch halte.
Du verlangst also eine vollstaendige Aenderung der gesamten verfassten Struktur unserer Gesellschaft. Das hat man mal der PDS zum Vorwurf gemacht.
Das alles ist nicht von jetzt auf gleich zu haben, aber es muß
wenigstens begonnen werden. Wir müssen uns endlich fragen (und
die Antworten finden), weshalb die wesentlichen Teile unserer
PCs in den USA entwickelt wurden,
Stimmt nicht. Die Prinzipien stammen alle aus Europa, produziert wird in Asien/pazifischem Raum. „Lediglich“ die Periode der Miniaturisierung fand wesentlich in den Staaten statt.
weshalb das meistverwendete
Betriebssystem ein amerikanisches Produkt ist,
Gepresst und verpackt wird es in Irland, verkauft in D von einer deutschen Firma (auch wenn diese Mikrosoft Deutschland heisst).
weshalb
wichtigste Schlüsselprodukte der Elektronik aus den USA
kommen,
Ist das sicher? Ich dachte da eher an Japan und Taiwan.
weshalb praktisch die gesamte Unterhaltungselektronik
Deutschlands vor die Hunde gegangen ist,
Weil in Ungarn nebenan billiger produziert werden kann? Weil es bei der erreichten Produktivitaet nur noch wenige Produktionszentren geben kann, weil der Weltmarkt zu klein wird? Nichts gegen Deine Trauer um den deutsche Standort, aber es sieht nirgendwo viel besser aus.
weshalb auf Produkten
der Meßtechnik Anritsu oder Tektronix steht, weshalb viele
Ist das nun amerikanischen oder japanischen Ursprungs?
weshalb mancher
Abiturient mit einem Dreisatz überfordert ist.
Schlimmer. Ehemaliger Waldorfschueler und jetzt Physikstudent, muss u.a. die Grundlagen der Bruchrechnung muehsam nacharbeiten.
Wir sollten uns
fragen, ob wir uns Lehrer leisten können, die Fortbildung als
schwierig organisierbar bezeichnen, weil dafür Unterricht
ausfallen muß (auf die Idee, die Schulferien dafür zu nutzen,
will niemand kommen) und wir sollten uns fragen, ob
Kann es sein, dass die Lehrer frustriert sind, weil die Schueler so absolut nicht motiviert sind? Kann es sein, dass die Schueler zunehmend demotiviert sind, weil sie immer frueher den Zynismus dieser Welt begreifen? Z.B. dass der Hunger auf der Welt von heute auf morgen (naja, fast) beseitigt werden koennte, wenn da nicht das Geld dazwischenkaeme?
Alptraum von über 4 Millionen
Hat heute frueh einer runtergerechnet. Wenn man nur die zaehlt, die wirklich frei dem Arbeitsmarkt zur Verfuegung stehen (was immer das in Zeiten wachsender Anforderungen bedeuten mag), dann bleiben etwa gut 2 Mio. uebrig.
Andererseits, wenn man den Staat verschlankt, die Buerokratien „entschlackt“ und noch Dunkelziffern beachtet (z.B. Hausfrauen), koennte man sehr schnell auf ueber 10 Mio. kommen, die fuer den Arbeitsmarkt (mittelfristig) mobilisiert werden koennten. Es bleibt kompliziert.
Ciao Lutz