Ab wann Eingreifen ?

Hallo Leute,

da hier öfters mal Fragen von Leuten auftauchen, wie sie mit Freunden umgehen sollen, die in andere, z.T. bisher wenig bekannte Religionsgemeinschaften wechseln wollen, würde mich mal interessieren, ab wann ihr meint, dass man versuchen sollte hier Einfluss zu nehmen, also ab wann wird es in euren Augen quasi „brenzlig“ ?

Ich würde mich insbesondere über Antworten freuen, die nicht von der christlichen Weltanschauung als Maß ausgehen würden, sondern bin auf der Suche nach quasi allgemeingültigen Standards. Also bitte keine Ratschläge wie: Wenn er alles verschenkt und ins katholische Kloster geht, ist alles in Ordnung, wenn er alles verschenkt und in ein anderers Kloster geht, dann ist Einsatzbedarf.

Gruß
Marion

Hallo Marion,

mein Freund Christoph Martin Wieland empfiehlt 1789, in einem solchen Fall überhaupt nicht einzugreifen, und begründet dies wie folgt:

„… es gibt Leute, die in ihrem Werke gestört werden, sobald Licht kommt; es gibt Leute, die ihr Werk unmöglich anders als im Finstern oder wenigstens in der Dämmerung betreiben können; - z.B. wer uns schwarz für weiß geben oder mit falscher Münze bezahlen oder Geister erscheinen lassen will, oder auch (was an sich etwas sehr Unschuldiges ist), wer gerne Grillen fängt, Luftschlösser baut und Reisen ins Schlaraffenland oder in die glücklichen Inseln macht, - der kann das natürlicherweise bei hellem Sonnenschein nicht so gut bewerkstelligen als bei Nacht oder Mondschein oder einem von ihm selbst zweckmäßig veranstalteten Helldunkel. Alle diese wackern Leute sind also natürliche Gegner der Aufklärung, und nun und nimmermehr werden sie sich überzeugen lassen, daß das Licht über alle Gegenstände gebracht werden müsse, die dadurch sichtbar werden können; ihre Einstimmung zu erhalten, ist also eine pure Unmöglichkeit; sie ist aber, zu gutem Glücke, auch nicht nötig.“

(Zitiert in der Orthographie von „Wieland-Lesebuch“, insel 1983, Hg. Heinrich Bock)

Jeder Glaube, jede Religion, jede Überzeugung beruht wenn nicht auf Unwissen, so auf einer freien Entscheidung. Warum diese nicht respektieren? Wer die Argumente des anderen sucht, wird seine Überzeugung zur Diskussion stellen.

Schöne Grüße

MM

Hallo Marion,

ich würde dann eingreifen, wenn ich merke, dass der andere unglücklich ist oder andere aktiv unglücklich macht (z.B. durch Verschleuderung fremden Vermögens, Vernachlässigung Abhängiger, lästige Sektiererei o.ä). Alles andere ist Bevormundung und ist der Energie nicht wert.

Jeder hat schließlich das Recht auf seinen eigenen, gepflegten Wahn:wink:

Grüße
Jürgen

Hallo,

eine gute Frage stellst du da.
Ich bin auch selbst und durch freie Entscheidung zu meinem persönlichen Glauben gekommen und ich bin sehr froh dass mir dabei niemand reingeredet hat.

Wie schon jemand vor mir geschrieben hat, man sollte diese Leute ganz einfach ihren weg gehen lassen.
Ich würde dir eher empfehlen dich ein wenig damit auseinanderzusetzen und nachzuvollziehen warum deine Freunde ausgerechnet dieser Gruppe beitreten wollen.

Solange niemand dabei zu schaden kommt finde ich eigentlich jede Form von Religion gut.

bye io

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Hallo Martin,

nettes Zitat.

Jeder Glaube, jede Religion, jede Überzeugung beruht wenn
nicht auf Unwissen, so auf einer freien Entscheidung. Warum
diese nicht respektieren? Wer die Argumente des anderen sucht,
wird seine Überzeugung zur Diskussion stellen.

Hier muß ich aber widersprechen!

Was bitteschön ist denn eine „freie Entscheidung“? Entscheidungen basieren auf Beeinflussung (und ob es einen „freien Willen“ überhaupt gibt ist noch ein ganz anderes Thema - das will ich hier gar nicht anschneiden). Keine irgendwie geartete Entscheidung wird „spontan“ gefällt sondern ist zwangsläufig Folge von Informationen (i.w.S.). Die Übermittlung von Information im zwischenmenschlichen Kontext ist immer auch Beeinflussung.

Ja, man muß die Entscheidung respektieren! Aber man hat zumindes alles Recht der Welt vor der definitiven Entscheidung Einfluß zu nehmen auf deren Ausgang. Immerhin leben wir in enger sozialer Abhängigkeit miteinander und nicht nebeneinander her!

Zudem ist es ein Gewinn, Überzeugungen (vor allem auch die eigenen!) immer wieder infrage zu stellen.

Kurzum, wenn mir selbst etwas daran liegt, was der andere macht, sollte ich mich einmischen. Dabei darf ich aber den anderen nicht verletzen, nicht behindern, nicht entwürdigen. Der „Kampf“ muß konstruktiv und offen sein. Ich muß offen sein, auch meine Einstellung zu hinterfragen und ggf. auch meine Ansichten zu ändern. Und abschließend muß ich die Entscheidung akzeptieren.

Schöne Grüße
Jochen

Hallo,

ich habe gerade Martin schon was dazu geantwortet. Hier möchte ich auch noch eine paar Anmerkungen machen:

und ich bin sehr froh dass mir
dabei niemand reingeredet hat.

Nicht immer ist der leichte Weg der „gute Weg“.

Ich würde dir eher empfehlen dich ein wenig damit
auseinanderzusetzen und nachzuvollziehen warum deine Freunde
ausgerechnet dieser Gruppe beitreten wollen.

Ganz genau. Und warum sollte man sich nicht mit der betreffenden Person damit auseinandersetzen.

Solange niemand dabei zu schaden kommt finde ich eigentlich
jede Form von Religion gut.

Solange niemand dabei zu schaden kommt finde ich eigentlich
jede Form von „Einflußnahme“ gut.

Viele Grüße,
Jochen

hi Marion

Eingreifbedarf sehe ich erst dann, wenn:

  • der andere dazu gedrängt (!!!) wird, Schulden zu machen oder sein Erspartes anzugreifen
  • Zunehmende Abkapselung vom alten Freundeskreis, Verschlechterung der innerfamiliären Verhältnisse, sowie des Verhältnisses zu Berufskollegen
  • plötzliche Anfälle „religiösen Wahns“ wie Hetze (!!!) gegen Naturwissenschaftliche Erkenntnisse, penetrante (!!!) Missionierungsversuche, Endzeitdenken… kombiniert mit zunehmender Humorlosigkeit.
  • Fehlende Selbstbestimmung, wenn man merkt, dass die Person keine eigenen Entscheidungen über die Fragen des täglichen Lebens trifft, sondern diese Entscheidungen von anderen vorgegeben werden.
  • Bemerkt man bei dem Anderen ein zunehmend schlechtes Gewissen, wenn er privat irgendetwas ausserhalb seiner spirituellen Organisation unternimmt.

Sprich: Es kommt für mich auf Verhaltensveränderungen zum Schlechteren an. Eine religiöse Orientierung kann einen Menschen tatsächlich zum besseren Verändern, aber totalitäre Sekten können einen Menschen vollkommen zerstören.

Allerdings wird man kaum mehr tun können als ihnen in diesem Fall eine helfende Hand anzubieten und ein paar deutliche Worte zu sagen.

Gruß
Mike

Hallo Jochen,

einverstanden:

Zudem ist es ein Gewinn, Überzeugungen (vor allem auch die
eigenen!) immer wieder infrage zu stellen.

Kurzum, wenn mir selbst etwas daran liegt, was der andere
macht, sollte ich mich einmischen.

Mir liegt allerdings daran, den Unterschied zwischen einerseits Infragestellen und Einmischen und andererseits Eingreifen und Beeinflussen (diese beiden Begriffe standen am Anfang) zu unterstreichen. Die letzten beiden klingen mir zu erziehungsberechtigt.

Eine Auseinandersetzung über die Freyheidt eines Christenmenschen oder die Freiheit der Entscheidung generell sprengt wohl diesen Rahmen; sie zunächst als gegeben anzunehmen halte ich für einen zweckmäßigen Arbeitstitel insbesondere dort, wo Zusammenleben in einer sozialen Organisation gefragt ist.

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin,

auch von mir ein *chen für diesen schönen Text, der mir aus dem Herzen spricht, denn grundsätzlich bin ich gegen das Missionieren - vorallem wenn es um Religionen geht.

viele Grüße
grilla

hi,

ab wann ihr meint, dass man versuchen
sollte hier Einfluss zu nehmen

jeder mensch hat das recht so zu leben wie er es für richtig hält. wenn er alles verkauft und ins kloster geht - warum nicht. wenn er deiner meinung nach wirre ideen hat - warum nicht. wenn er sich eigenartig kleidet und eigenartige rituale verrichtet - warum nicht. jede einflußnahme ist anmaßend.

also ab wann wird es in euren
Augen quasi „brenzlig“ ?

wenn er dritte dadurch gefährdet also zb. öffentlich verkündet sich irgendwo im namen seines gottes in die luft zu sprengen. aber wenn es einmal soweit ist, dann bist du sowieso per gesetz verpflichtet einzuschreiten.

gruß
datafox

hi,

Eingreifbedarf sehe ich erst dann, wenn:

  • der andere dazu gedrängt (!!!) wird, Schulden zu machen
    oder sein Erspartes anzugreifen

automarken drängen mich dazu mein erspartes anzugreifen und schulden zu machen. der eine macht schulden für ein auto, der andere für sein seelenheil. ist es deine aufgabe darüber zu richten?

  • Zunehmende Abkapselung vom alten Freundeskreis,
    Verschlechterung der innerfamiliären Verhältnisse, sowie des
    Verhältnisses zu Berufskollegen

ist jedem seine sache mit wem er umgang hat und welche freunde er hat.

  • plötzliche Anfälle „religiösen Wahns“
    wie Hetze (!!!) gegen
    Naturwissenschaftliche Erkenntnisse

das ist deine meinung. jeder sieht es anders. auch wenn jemand noch so sehr an unsinn glaubt, hat er das recht dazu.

penetrante (!!!)
Missionierungsversuche

auch du kannst dir aussuchen mit wem du umgang hast.

Endzeitdenken…

meinungsfreiheit. jeder darf jede meinung vertreten, sei sie noch so ein blödsinn.

  • Fehlende Selbstbestimmung, wenn man merkt, dass die Person
    keine eigenen Entscheidungen über die Fragen des täglichen
    Lebens trifft, sondern diese Entscheidungen von anderen
    vorgegeben werden.

das ist jedem seine sache.

  • Bemerkt man bei dem Anderen ein zunehmend schlechtes
    Gewissen, wenn er privat irgendetwas ausserhalb seiner
    spirituellen Organisation unternimmt.

dito.

jeder lebt wie ER es für richtig hält, solange er keine dritten damit belästigt oder schädigt. das ist freiheit und da bin ich recht „fundamentalistisch“ :smiley:

gruß
datafox

Hallo
Hättest Du weitergelesen, hättest Du gesehen, wie ich mein Eingreifen vorstelle…
Zwang werde ich nicht ausüben, niemals.
Aber ich werde auch nicht sprachlos zusehen, wie ein Freund oder Freundin ins Verderben rennt.
Du hast vermutlich noch nie mit einem Sektengeschädigten zu tun gehabt…

Mike

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Hallo Marion!

ab wann ihr meint, dass man versuchen
sollte hier Einfluss zu nehmen, also ab wann wird es in euren
Augen quasi „brenzlig“ ?

Gibt es eigentlich so eine Art rote Liste? Also eine Warnung des Bundes vielleicht, wo gefährliche oder bedenkliche Gemeinschaften oder Sekten aufgeführt sind?
Von solchen mal abgesehen, bin ich tolerant. Das eigene Seelenheil ist jedermanns/fraus persönliche Sache, die mich nichts angeht. Toleranz ist freilich ein wenig schwach, Respekt wäre treffender.

Gruß
Junktor

hi,

Du hast vermutlich noch nie mit einem Sektengeschädigten zu
tun gehabt…

das nicht, aber ein pyramidenspiel ist mir einmal untergekommen, in das bekannte hineingezogen wurden. eines abends waren wir die geladenen gäste und potentiellen opfer. überzeugen nutzt da nichts. polizei einschalten nutzt auch nichts. wir haben in diesem falle als interessierte getan, visitenkarten eingesammelt und diese dann ans fernsehen gefaxt. ums geld wird noch prozessiert.

bei sekten ist es nicht so einfach zu unterschieden zwischen glaubensgemeinschaft und krimineller vereinigung. nur weil jemand „weltfremd“ wirkt, neue freunde hat und unübliche weltanschaaungen vertritt, heißt das noch lange nicht, daß die organisation deswegen kriminell ist.

gruß
datafox

Hallo Junktor,

Gibt es eigentlich so eine Art rote Liste? Also eine Warnung
des Bundes vielleicht, wo gefährliche oder bedenkliche
Gemeinschaften oder Sekten aufgeführt sind?

Vermutlich, aber das hilft mir nicht wirklich weiter. Ich denke, das Problem sind nicht unbedingt die religiösen Gruppen, sondern die Persönlichkeit des einzelnen. Ein entsprechend „labiler“ Mensch kann unter ungünstigen Umständen auch in nicht als bedenklich eingestuften Gemeinschaften abdrehen. Ich möchte nur mal an die zwei Frauen erinnen, die kürzlch mit einem nackten Kleinkind im Koffer zu einer christlichen Kirche unterwegs waren, um dieses „gesundbeten“ zu lassen.

Jedoch denke ich, dass es in bestimmten Gemeinschaften Strukturen gibt, die bestimmten Veranlagungen entgegenkommen oder diese sogar verschärfen. Da ich bezüglich der jeweiligen Gemeinschaft aber meistens zu wenig Ahnung habe, bleibt mir nur das andere Ende der Fahnenstange, nämlich der Feund/Verwandte, um den ich mich sorge. Draum geht es mir.

Gruß
Marion

Moin,

wenn er dritte dadurch gefährdet also zb. öffentlich verkündet
sich irgendwo im namen seines gottes in die luft zu sprengen.
aber wenn es einmal soweit ist, dann bist du sowieso per
gesetz verpflichtet einzuschreiten.

Ehrlich gesagt finde ich das ein wenig zu spät, da solch ein Ereignis kaum jemand vorhersehen kann. Das müsste man in diesem Fall aber können, um es zu verhindern.

Gruß
Marion

Hallo Martin,

schöner Spruch, aber ist dieser nicht ein wenig realitätsfern ?

Jeder Glaube, jede Religion, jede Überzeugung beruht wenn
nicht auf Unwissen, so auf einer freien Entscheidung. Warum
diese nicht respektieren?

Damit unterstellst du, dass freie Entscheidung grundsätzlich möglich ist. Das sehe ich etwas kritischer. Insbesondere denke ich hier z.B. auch an Kinder, die in restriktiven Gemeinschaften mit totalitären Zügen groß werden (müssen). Diese haben selten (auch später nicht) überhaupt eine echte Chance, sich frei zu entscheiden.

Gruß
Marion

Moin grilla,

auch von mir ein *chen für diesen schönen Text, der mir aus
dem Herzen spricht, denn grundsätzlich bin ich gegen das
Missionieren - vorallem wenn es um Religionen geht.

Und siehst du das auch noch so, wenn Kinder damit reingezogen werden ? (Und das ist fast automatisch der Fall, wenn Kinder da sind). Wie stehst du zu Familien, deren Kinder aus „religiösen Gründen“ z.B. nicht an Schulausflügen oder Sportunterricht etc. teilnehmen dürfen oder sich bereits im Kindesalter anderen Auflagen unterwerfen müssen, welche der Glauben ihrer Eltern eben so mit sich bringt ?

Gruß
Marion

Moin Jürgen,

ich würde dann eingreifen, wenn ich merke, dass der andere
unglücklich ist oder andere aktiv unglücklich macht (z.B.
durch Verschleuderung fremden Vermögens, Vernachlässigung
Abhängiger, lästige Sektiererei o.ä). Alles andere ist
Bevormundung und ist der Energie nicht wert.

Ich sehe hier das Problem, dass ich das manchmal schwierig auseinander zu halten finde. Kürzlich las ich einen Bericht über eine 40-jährige, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, einmal beim NY-Marathon teilzunehmen. Es begann eine monatelange Vorbereitungszeit mit Lebensumstellung, täglichem Training die dann verletzungsbedingt auch noch ziemlich häufig zum Arzt führte. Die ganze Familie wurde mit eingespannt und Geld für das Ereignis in NY gespart. ABER, die Frau war glücklich, als sie dann endlich teilgenommen hatte.

Ich frage mich z.B., ob ich versucht hätte Einfluss zu nehmen, wenn es sich dabei um eine Freundin von mir gehandelt hätte. (Was wenn das Zeil z.B. letztendlich nicht erreich worden wäre ?)

Jeder hat schließlich das Recht auf seinen eigenen, gepflegten
Wahn:wink:

Vorsicht, Steinschlag *g*.
Gruß
Marion

Wenn er/sie die Beziehungen zu seinen Bekannten abbricht, oder sogar die Arbeit hinschmeisst, bzw vorhat sie demnächst hinzuschmeissen, dann ist es komiisch

Gruss
Beat