Das verstehe ich schon, nur kann man Leute nicht vor sich
selbst beschützen. Wer auf Abdrehkurs ist, wird auch eine
Titanic finden, auf der er fahren kann. Ist es keine religiöse
Gruppe, dann halt etwas anderes…
Dem darf ich aber mal vehement wiedersprechen!
Als ehemaliges Mitglied einer religiös mißbräuchlichen Vereinigung kann ich klar bestätigen, daß man oftmals überhaupt nicht weiß, was da mit einem geschieht. Die Leute in Jonestown waren sicher nicht alle suizidgefährdet und haben nur auf den Befehl zum Umkippen gewartet. Nein, die Gedankenkontrolle, derer sich ideologische Vereinigungen oftmals bedienen, kann einem Menschen glauben machen, er glaube etwas was er eigentlich garnicht glaubt. Klingt konfus, ist aber einfach so.
Ohne in Goodwin’s Law stoßen zu wollen, möchte ich darauf hinweisen, daß viele Leute in einem kontrollierenden System Opfer sind, auch wenn sie selbst der Ansicht seien, das Richtige innerhalb des Systems zu tun. Und das hat uns die Geschichte auch oft genug bewiesen.
Es geht nicht darum, daß ein psychich labiler Mensch sich seine eigene Titanik sucht sondern oftmals *machen* Sekten (und nicht nur die religiösen, auch andere!) aus ihren Mitgliedern psychisch labile Personen, auch wenn sie es vorher garnicht waren. Okay, eine Tendenz ist oftmals da, aber dann werden andauernd Kerbe in eine Lücke geschlagen, bis es zum Bruch kommt. Und solange es keinen Bruch gab, kann man vieles ungeschehen machen. Danach - geht nichts mehr.
Verstehe dich schon, leider habe ich wenig positive
Erfahrungen in dieser Hinsicht. Man macht sich solche Leute
eher zum Feind, als dass man sie von etwas überzeugt.
Das hängt sehr davon ab, wie die Beziehung aussieht. Und natürlich auch davon, daß man weiß, was man tut.
Ich weiß wie sauer ich auf meine eigenen Eltern war, daß sie einen Pfarrer herbeizitiert hatten um mich aus meiner Sekte rauszuholen, und der Mensch fing gleich an, mich als psychisch labil, als unselbständig, als blah blah blah darzustellen. Und das entsprach nicht im Mindesten dem, was ich über mich selbst dachte und ich empfand es als tödliche Beleidigung! Mittlerweile sehe ich, daß dieser Pfarrer einfach seine Informationen aus einem allgemeinen Handbuch über Sekten bezogen hatte und dann etwas komplett Unzutreffendes auf mich projizierte. Das darf man nicht machen, damit vergrämt man die Leute sofort!
Beste Idee ist es, sich ein wenig (vorsichtig!) schlau zu machen was es mit der Gruppe auf sich hat, evtl. sogar ein paar mal hinzugehen, immer Notizen zu machen und alles was merkwürdig erscheint, GENAU zu merken und dann entsprechende Nachforschungen anzutreffen.
Eine informierte Konversation, die den Gesprächspartner respektiert und einbezieht, kann sehr wohl Erfolge haben (wenn auch nicht am ersten Tag!) aber wenn man uninformiert einfach seinen Gesprächspartner konfrontiert mit einem „Du bist in ner Sekte!“ dann ist das Gespräch vorbei, bevor es begonnen hat.
Aber eine Sache ist absolut notwendig, wenn man mit Leuten in Sekten spricht, dann in einem *neutralen* Umfeld - in einer Umgebung, die sie nur im Entferntesten an die Sekte erinnert, können automatisch psychologische Block- und Abwehrmechanismen einsetzen, die ein Gespräch untergraben.
Die Selbstverantwortung kann man niemand abnehmen. Manchmal
braucht man auch „negative“ Erfahrungen, an denen man lernen
und wachsen kann. Das Problem, du hast es ja schon gesagt ist
der Mensch selbst, nicht etwaige Gruppierungen.
Nein, dem kann ich nicht wirklich zustimmen. Bestimmte Menschen sind zwar anfälliger, aber wenn Du Dir mal anschaust, was zB. die Moonies alles an Rang und Titeln vorzuweisen haben, dann sollte einem doch klar werden, daß es primär um Täuschung und schrittweise Indoktrinierung geht.
Die Methoden der kultischen Gedankenkontrolle werden zB. auch in Nordkorea höchst effektiv angewandt, und wer behauptet, daß ein ganzes Volk nur aus labilen Menschen besteht, der geht doch etwas weit.
Evtl. sollte man sich mal schlau machen darüber, wie Indoktrinierung, „Gedankenreform“ überhaupt funktioniert, bevor man es auf das Opfer schiebt!
Das ist übrigens das allerletzte, was man als Opfer einer solchen Gruppe gebrauchen kann, daß einem noch gesagt wird man sei für alles allein verantwortlich! Weil genau DAS erzählen die einem drinnen auch andauernd! Das nagt am Selbstwertgefühl, das bringt zur Verzweiflung! Man wird manipuliert, kontrolliert, gesteuert und dann bekommt man doch noch gesagt, man muß seine Suppe alleine auslöffeln wenn was schiefgeht!
was sehr wichtig ist, ist einem in einer Sekte befindlichen Menschen ein Freund zu bleiben. Ihm zu zeigen, daß es nicht nur die Sekte ist, die zu ihm hält. Sonst fühlt er sich darin bestätigt, wenn die Gruppe ihm erzählt, daß alle Menschen „gegen ihn“ sind nur weil er die „neue Hoffnung trägt“. Man muß die Lehren einer irrlehrenden Gruppe durch Wort und Tat Lügen strafen, man darf sie nicht bestätigen!
Man muß einem Menschen sagen, daß er eben manipuliert wird wenn dies der Fall ist anstatt ihm vorzuwerfen daß es im Endeffekt seine eigene Schuld ist.
Man muß zu ihm stehen, nicht ihm sagen „Du mußt schon allein klarkommen“ wenn er dringend Halt braucht!
Sorry, so verliert man seine Freunde an die Sekten, und selbst wenn sie da jemals rausfinden, werden sie einem die vielen Jahre des Leidens und der Entbehrung vielleicht nie verzeihen, die man ihnen aufgebürdet hat weil man ihnen gesagt hat „Du mußt das alleine wissen“.
Bei mir war das der Fall. Ich weiß wovon ich spreche.
Die Bitterkeit gegenüber den Leuten, die mich in der Sekte ausgenutzt und manipuliert hatten, war schnell vergessen. Aber die Bitterkeit über die vielen Freunde, die mich haben abdriften sehen und mir nicht geholfen haben, das tut viel mehr weh!
Wem die Freundschaft etwas bedeutet, der bleibt immer ein Freund, egal was der Andere gerade tut.
An einem starken, selbstbewußten Menschen scheitern Einvernehmungen ohnehin.
Nicht ganz. Die Frage ist nur, wer was mit wem macht. Ein geschulter Psychologe könnte, so er denn wollte und das Umfeld hätte, (ein „guter“ würde es nicht mit seinem Berufsethos vereinen können, aber es gibt immer solche und solche) einen Menschen komplett umpolen - dazu ist nicht wirklich viel erforderlich außer der Kenntnis, wie man das machen muß.
Ab wann eingreifen ist eine schwere Frage, ich würde aber erweitern zu „nicht im Stich lassen“, mit oder ohne Gruppe.
Ein absolutes Muß, und darin sind wir uns einig 
Das Gefühl selbsloser um einen selbstdrehende Solidarität, hebt schlussendlich jede auf Ausnutzung ausgerichtete Tendenz aus den Angeln.
Auch da kann ich wiedersprechen. Das gilt für „normale Menschen“. Es gibt auch weniger normale Menschen. Aber im Allgemeinen hast Du recht.
Übrigens braucht dieses „aus-den-Angeln-heben“ manchmal sehr viel Zeit, eventuell sogar Jahrzehnte. Weil sehr vieles vom Umfeld und vom Charakter des Betreffenden abhängt.
Gruß,
Michael