Abschied nehmen

Hallo zusammen,

Es gibt zur Zeit eine Sache um die ich mir große Sorgen mache, und ich hoffe, dass mir hier vielleicht jemand Tipps geben kann wie ich besser damit umgehen kann und der betroffenen Person vielleicht helfen kann.

Ein Bruder meines Freundes ist in der letzten Woche überraschend gestorben. Er ist in einem Einkaufzentrum einfach umgekippt, wurde ins Krankenhaus gebracht und dort am offenden Kopf operiert und lag anschließend im künstlichen Koma.
Innerhalb einer Woche bekam er mehrere Schlaganfälle, schließlich setzte das Gehirn aus und ganz am Ende hörte das Herz von allein auf zu schlagen.

Für meinen Freund war das ein riesen Schock, weil es so plötzlich passierte und er kann es eigentliich immernoch nicht richtig begreifen, dass er ihn nie wieder sehen wird.
Kurz vor dem Tod war mein Freund im Krankenhaus. Er hat ihn geküsst und „ich liebe dich“ gesagt, hat sich sozusagen von ihm verabschiedet, aber was seit dem Tod seinen Bruders mit meinem Freund passiert macht mir sorgen.

Mein Freund war noch nie ein Mensch der gut schläft. Es war schon immer so, dass er nachts ab und zu mal wach wird und es ihm schwer fällt wieder einzuschlafen, aber er hatte immer ausreichend schlaf.
Seit dem Tod seines Bruders läuft das allerding so ab:

Er wacht nachts auf, ihm wird kalt, dann heiß und er bildet sich ein Schatten oder Sillouetten eines Mannes zu sehen (in dem Fall am wahrscheinlichsten sein Bruder).
Er kann kaum noch schlafen, weil er zwanghaft versucht sich wach zu halten. Er geht bereits mit der Angst in Bett, dass es wieder passieren könnte und er hat angst allein im dunkeln zu sein.
Er findet das alles selber lächerlich, aber es passiert trotzdem.

ich habe mich diesbezüglich bewusst nicht an die Leute gewandt, die tatsächlich an Geister glauben, weil ich der festen überzeugung bin, dass das alles in seinem Gehirn passiert.

Nur möchte ich ihm gern helfen, besser damit klarzukommen und ihm vielleicht dabei helfen, die ganze Sache besser zu verarbeiten.

Ich hoffe, dass hier jemand ist, der sich wirklich mit der Psyche des Menschen auskennt und mir erklären kann, warum das passiert.
Dann kann ich es ihm erklären und wenn er vesteht, was da in ihm passiert, dann hört es vielleicht von ganz allein auf.

Vielen Dank für eure Hilfe.
Gruß
Peggy

Du hast recht. Der Schatten oder die Siluette eines Mannes, die Dein Freund beim Aufwachen zu sehen glaubt, ist ein Erzeugnis seiner Psyche. Dass Dein Freund den Schatten ‚Außen‘ zu sehen glaubt, stellt also eine Selbsttäuschung dar… ihre Entstehung könnte sich versuchsweise anhand einer Abneigung oder Furcht des Ichs erklären lassen, sich mit dem ‚Innen‘ der eigenen Psyche auseinanderzusetzen. Warum genau das so ist (angenommener Weise) läßt sich nicht ohne weiteres sagen. Ganz allgemein ist es aber so, dass im ‚Innen‘ oder sog. „Unbewussten“, neben vielem weiteren, auch alle Kindheitserfahrungen abgespeichert wurden, darunter wahrscheinlich die Beziehung zu dem Bruder (sofern er und Dein Freund gemeinsam aufwuchsen). In dieser Beziehung könnte nun irgend etwas schief gelaufen, mit Furcht besetzt und anschließend vom Bereich des Ich/Bewussteins verdrängt worden sein…

Das Beste für Deinen Freund wäre demnach, sich ganz gezielt mit den Inhalten seines Unbewussten zu befassen, um die darin bislang anscheinend verdrängt gewesenen Probleme nachträglich zu verarbeiten; dann bekäme er seinen Seelenfrieden zurück.

Ansonsten bliebe nur: Abwarten, bis das ICH Deines Freundes den Tod des Bruders restlos realisiert hat (Trauerprozess); parallel dazu würden sich die emotionelle Erschütterung legen und die davon durchlässig gemachte Verdrängungsbarriere erneut verfestigen. In dieser Alternative bleiben freilich die Probleme weiterhin unverarbeitet, und kann man damit rechnen, dass sie sich in der nächsten schweren Ausnahmesituation abermals in solcher oder einer ähnlichen Weise melden…

…vielen Dank für deine Antwort!

Hallo Peggy!
Was Wolf geschrieben hat, war wirklich toll.

Hinzufügen möchte ich noch:

Dann kann ich es ihm erklären und wenn er vesteht, was da in
ihm passiert, dann hört es vielleicht von ganz allein auf.

Es ist leider nicht automatisch so, dass, wenn man etwas verstanden hat, sich dann alles wieder normalisiert. Manchmal ist auch das ein längerdauernder Prozess, der auch mit einer Begleitung leichter wird.

Alles Gute dir und deinem Freund!

LiebeGrüßeChrisTine

Hallo Peggy,

ich denke, Dein Freund sollte sich professionelle Hilfe suchen und gönnen. Der Tod eines nahe stehenden Menschen ist nicht leicht allein zu verarbeiten.

Gruß
Demenzia

Hallo Peggy,

vielleicht hilft es Deinem Freund ein wenig, zu wissen, dass es manchen Trauernden so geht, dass sie in der ersten Zeit den Verstorbenen vor sich sehen. (Und dann fürchten, sie werden „verrückt“.) Ich erkläre mir das so, dass die Seele einfach noch nicht wahrhaben will, dass der Mensch gestorben ist und sich sein Bild (so wie ein Traumbild) vor Augen holt.

Ich selber kenne auch eine ähnliche Angst: Als ein mir sehr lieber Mensch gestorben war, hatte ich nachts im Dunkeln häufig die angstvolle Vorstellung, es läge ein Toter in meinem Bett. („Der Tod rückt mir auf den Leib“?) Mit der Zeit und mit fortschreitender Trauer hat sich das gegeben.

Alles Gute Euch beiden!

Jule

Nachtrag

Er findet das alles selber lächerlich, aber es passiert trotzdem.

Lächerlich finde ich das gar nicht: Er setzt sich auf diese Weise mit dem Tod auseinander. Dass das Angst(-bilder) machen kann, finde ich nicht erstaunlich. Es ist ein gewaltiges Thema, das sich in diesen nächtlichen Erscheinungen äußert.

Jule

kann passieren
hi,

das ist nichts ungewöhnliches mit dieser nachterscheinung. man begegnet ihr auch dadurch sinnvoll, indem man intensiv trauert und sich in dem wissen, dass es nichts gefährliches oder verrücktes ist, hinlegt. für das nächtliche aufwachen empfehle ich ein foto unter´m kopfkissen zu platzieren, dass mann dann nachts rausholen kann, um eine wirklich schöne szene von sich umd dem verstorbenen auzusehen, vielleicht aus einem urlaub oder von einer party, etwas wirklich lustiges, das einem das schmunzeln auf´s gesicht treibt. mit einer solchen erinnerung holt man sich die „positiven geister“ heran.

das alles geht vorbei, nicht dagegen ankämpfen!

Hallo Peggy,

deinem Freund geht es nicht alleine so. Als mein Opa gestorben ist, den wir alle sehr liebten, weil er ein herzenzguter Mensch war, sahen meine Oma, meine Mutter und meine Schwester ihn nachts.

Ob das nun die Psyche ist oder tatsächlich eine Geisterscheinung sei dahingestellt. Wichtig ist zu wissen, dass dein Freund mit diesem Erlebnis nicht alleine ist. Wie hier schon geschrieben wurde, würde ich empfehlen ein Foto einer schönen Situation mit dem Verstorbenen unters Kopfkissen zu legen und dies anzuschauen, wenn man von seinem „Erscheinen“ wach wird. So verbindet man mit dieser Situation etwas schönes positives und ängstigt sich nicht mehr so sehr.

Gruß

Samira

Trauma
Hallo Peggy,

die von Dir beschriebene Situation ist gar nicht so selten.
Dein Freund ist traumatisiert, er leidet an einem Trauma:
http://de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie)
Wenn Du diese Einschätzung teilst und ihm helfen möchtest, es aber nicht vermagst, dann solltest Du vielleicht mit ihm darüber reden (…dass Du eben meinst, dass er traumatisiert ist, Du ihm nur zu gerne helfen würdest, dies aber nicht vermagst…) und ihm vorschlagen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt gute Ärzte, bzw. Spezialisten (ich denke Psychotherapeuten wären die richtigen Ansprechpartner), welche ihm dabei helfen können (man muss nicht verrückt sein, um die Hilfe von Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen). Vermittel ihm auch, dass Du Dir Sorgen um ihn machst.

Ich fürchte, weiter können wir Dir hier nicht helfen.

Ich hoffe, dass diese Einlassung hilfreich im Sinne der Anfrage war

Freundliche Grüsse
Ray

Hallo Peggy, hallo Ray,

hm. Ja, es kann durchaus sinnvoll sein, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen bei einem schweren Trauerfall, das ist schon ein guter Hinweis. Vielleicht ist es sinnvoll für ihn.
Aber: Es ist gerade erst eine Woche her. Da ist es ja kein Wunder, dass er völlig aus dem Takt ist - und es kann sein, dass er seinen Weg gut alleine findet, obwohl es ihm jetzt so schlecht geht. Ich halte es für das Gesündeste der Welt, dass er so reagiert bei einem so plötzlichen schweren Verlust. Lass ihm Zeit dazu.

Natürlich ist das in gewissem Sinn ein traumatisches Ereignis. Aber ich finde es schwierig, dass (meinem Eindruck nach) zur Zeit sehr schnell von Traumatisierung gesprochen wird. Das macht den Begriff so unscharf.

Ich will überhaupt nicht gegen psychotherapeutische Hilfe reden. Nur gegen die Zwangsläufigkeit. Trauern ist etwas, das Zeit braucht (viel Zeit!) und Kraft, das intensive Gefühle beansprucht, das das eigene Selbstverständnis betrifft und das Wohlbefinden sowieso. Und es gehört zum Leben dazu.

Es gehört auch dazu, dass man sich Hilfe holt bei lieben Menschen, bei Mittrauernden, bei Psychotherapeuten, in Trauergruppen (gibt es an manchen Orten auch für verwaiste Eltern und Geschwister!), so wie es einem gut tut.

Ich denke, dass es noch zu früh ist, das zu entscheiden, es sei denn, er hat das Bedürfnis, Hilfe von jemandem außerhalb in Anspruch zu nehmen.

Puh, das ist ja ein richtiges Bekenntnis geworden! Ich hoffe, es ist nicht fehl am Platz und es kommt einigermaßen rüber, was ich meine.

Viele Grüße,

Jule

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Vielen Dank für eure Hilfe und Anregungen.