keine absoluten ethischen Normen
Hi Michael
Es ist sozusagen ein Kennzeichen der Geschichte der Ethik bis einschließlich heute, die Frage nach der Möglichkeit absoluter ethischer grundsätze zu behandeln. Die Antwort heißt allerdings, wie du auch vermutetest: Nein, es gibt keine Möglichkeit, eine solche Norm zu begründen.
Man hat versucht, solche Grundsätze zu finden aus der Beobachtung von Normsetzungen aller Kulturen, von denen man weiß, oder vor allem auch, sie irgendwie aus einem allgemeingültigen Begriff vom Menschen abzuleiten (hierzu mag man mal unter dem Stichwort „Naturrecht“ suchen). Das würde eine Antwort auf die Frage „was ist der Mensch?“ voraussetzen, die sich aber ebenso als unmöglich erwiesen hat, zumal sich klassische (sogenannte metaphysische) Fragestellungen vom Typ „was ist X?“ als nur bedingt sinnvoll erwiesen, und von manchen philosophischen Richtungen und Schulen auch komplett abgelehnt werden. Eine solche grundsätzliche anthropologische Frage müßte den Begriff „Mensch“ irgendwogegen negativ bestimmen, zum Beispiel als Gegensatz gegen etwas anderes… lange Zeit schien sich der Begriff „Natur“ dafür zu eignen, aber wie man leicht sieht (heute) ist das nicht sehr sinnvoll, weil der Begriff „Natur“ wiederum nur im Gegensatz gegen „Mensch“ bestimmbar ist und im übrigen auch gar kein Gegensatz ist, denn Natur gehört zum Menschen auch dazu, zumindest wegen seiner Körperlichkeit. Diese Probleme machen heute sog. bioethische Fragen so extrem schwierig.
Und wie kann man solche ethischen Normen erkennen und
beweisen.
Ethische Normen ganz allgemein (nicht nur absolute) sind eben solche Angelegenheiten, die nicht einem Beweis unterliegen können. Das haben sie übrigens mit Axiomen in der Mathematik und in der theoretischen Physik gemeinsam.
Man kann nur aus ihnen ableiten. Und was man aus ihnen ableitet, das sind Kriterien für die moralische Bewertung von Handlungen: wenn eine Handlung eine ethischen Norm entspricht, dann ist sie moralisch gut, wenn sie ihr wiederspricht, dann moralisch schlecht.
Da aber Normen immer kuturabhängig sind, umgekehrt sogar zur Bestimmung einer bestimmten Kultur beitragen (auch so ein Problemchen für sich!), fast immer also traditionsbedingt sind, deshalb wird es nur selten Handlungsbewertungen geben, die in allen Kuturen und unter allen Bedingungen gleichlauten.
Es zeigt sich aber das das nichteinmal für so allgemeine Grundsätze wie „jeder Mensch hat unter allen Bedingungen Recht auf Leben“. Erstmal wird der Begriff „Mensch“ allein schon durch biologische Erkenntnisse problemamtisiert, was zu Komplikationen z.B. in der Abtreibungsfrage führt: ist eine Morula (befruchtete Eizelle nach den ersten Teilungen) ein Mensch oder nicht? Sicher ein sog. „möglicher Mensch“, aber ist eine nur „möglicher“ Mensch ein Mensch? Denn auch eine unbefruchtete Eizelle und eine Spermie ist ein möglicher Mensch. Aber wenn nun der Grundsatz hieße: Man darf mögliches menschliches Leben nicht verhindern (das wäre zum Beispiel eine „Ableitung“ aus dem Grundsatz „jeder Mensch hat Recht auf Erhaltung des Lebens“), dann führt das zu Komplikationen: es wäre dann z.B. „moralisch schlecht“, wenn ein Mensch auch nur einen kleinen Augenblick lang NICHT mit der Befruchtung von Eizellen beschäftigt wäre, weil er eben dann mögliches menschliches Leben verhindert hätte.
Aber wenn man z.B. folgern würde, eine Morula sei kein Mensch, weil er den Begriff „Mensch“ biologisch erst später ansetzen würde, dann wäre die Abtreibung eine Morula nicht moralisch schlecht. Aber selbst dann hätte er die Aufgabe, die Grenze zwischen Morula und Mensch zu bestimmen. Das aber könnte er, wenn überhaupt, nur rein bioplogisch machen. Was aber hat eine rein biologische Begriffsbestimmung mit Ethik zu tun?
Also, das soll zeigen, daß ethische Normen nie etwas anderes sein können, als genstände der Auseinandersetzung, der Diskussion und dann - in Folge - Sache der vorübergehenden (und daher auch korrigierbaren) Vereinbarung zu sein.
Unser ethisches
System ist die Frucht eines langen Entwicklungsprozesses und
spiegelt unser System des menschlichen Zusammenlebens wieder.
Somit sind die ethischen Normen auch heute noch einem Wandel
unterworfen.
So ist es, und so wird es auch weitgehend in der Ethik gesehen. Das Problem ist, daß unsere ethische Basis auf sehr alten Traditionen beruht, und die Alten hatten einfach ein paar Probleme nicht, die wir heute haben. Das hat zur Folge, daß wir für Fragen der Abtreibung, der Organverpflanzung, der Genmanipulation und allse das heute keine traditionellen ethischen Normen zur Verfügung haben. Ich folgere perslich daruas: wir müssen sie schnellstens ansetzen - notfalls ohne Tradition.
Daß es keine absoluten Normen gibt, wußten offenbar übrigens schon die antiken Kulturen: denn diese Normen wurden inder Regel nachträglich als von einem Gott eingeführt erklärt. Dadurch haben sie zumiondest eine mythologische Begründung. Und deshalb eben auch eine „quasi“-absolute: sie waren „absolut“, aber nur für die Anhänger dieses Gottes-Kultes.
Grüße
M.G.