Zu kurz gedacht
Hallo Joachim,
Deine Aussage zur Versandapotheke täte es gewiß auch eine
Schuhnummer kleiner, denn so wahnsinnig bedeutungsvoll sind
diesbezügliche Entscheidungen ja nun wirklich nicht.
Sie sind bedeutungsvoll.
Warum soll es falsch sein, ein Medikament da einkaufen zu
dürfen, wo es am preiswertesten zu haben ist?
Das ist nicht falsch. Das ist sogar sehr richtig. Doch muss man sich überlegen, warum die Preise von Versandapotheken günstiger sind: Versandapotheken sitzen im Ausland, Beispiel Doc Morris. Damit unterliegen sie keiner deutschen Preisbindung - für die ohnehin momentan großartige deutsche Wirtschaft nicht wirklich gut. Wenn man sich zusätzlich vor Augen hält, daß erst durch den Internethandel gefälschte und minderwertige Medikamente in Europa wirklich boomen konnten, man also oft genug für das gesparte Geld gepanschte Waren bekommen WIRD, relativiert sich der Preis ein zweites mal. Dabei geht es heute wesentlich professioneller zu: eine gefälschte Packung Aspirin (oder im schlimmsten Fall) nahezu wirkungslose Herzmedikamente erkennst Du nicht mehr. Die dadurch notwendigen Kontrollen würden Kosten verursachen, die noch gar nicht abzusehen sind. Es sei denn, man lässt alle Sicherheitsbestimmungen sausen und senkt die Medikamentensicherheit - bei der Deutschland weltweit ganz vorne liegt - rapide ab. Das heisst allerdings auch, daß Schadensersatzansprüche für den geprellten Patienten recht schwierig werden. Gut für den Verbraucher?
Warum soll es falsch sein, den Käufer selbst entscheiden zu :lassen, ob und wie er sich beraten lassen will? Wozu brauchen wir :in Deutschland Monopole? Wozu ist es erforderlich, daß an mancher
städtischen Straßenkreuzung an jeder Einmündung eine Apotheke
steht? Und schließlich: Wie nur kann man auf die Idee kommen,
die Aufrechterhaltung staatlicher Reglementierung zu
verlangen?
Falsch gedacht. Die Apotheken an der Straßenecke wird es nicht treffen - die haben Laufkundschaft. Es wird die Landapotheken treffen, Apotheken, die noch im Einzugsbereich von Menschen mit Internetanschluss liegen, aber für eine dynamische Laufkundschaft zu weit ab sind. Für die Menschen mit Internetanschluss ist die Versandapotheke ganz wunderbar, für die Omi ohne Netscape, den Opi ohne Notebook oder ganz einfach jeden Nicht-Städter ohne Internet ist das eine andere Sache. Die wird es treffen. Man rechnet noch nicht einmal mit einem großen Marktanteil der Versandapotheke - die zweistellige Prozentzahl wird das alles nicht erreichen. Trotzdem haben Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt, daß hier in Deutschland im Zuge dieser Sache wohl etwa 5000 Apotheken schliessen werden müssen, nur wenige davon in größeren Städten. Gut für den Verbraucher?
Ein Apotheker mag das alles anders sehen. Er vertritt seine
ureigenen Interessen, wird das allerdings nie zugeben, sondern
stets etwas von seinem Dienst an der Allgemeinheit
vorschieben. Diese Art der Besitzstandswahrung ist einer der
wesentlichen Gründe für den Stillstand in Deutschland und für
das stetige Wachstum in diesem Fall der Kosten des
Gesundheitswesens.
Natürlich sieht ein Apotheker das anders. Natürlich vertritt er seine Interessen - da werfe doch bitte jemand den ersten Stein. Und trotzdem: wie weiter oben geschrieben, Deutschland liegt in der Medikamentensicherheit weltweit ganz vorne. Das System von Zuzahlungen und Befreiungen ist ausgeklügelt und schlüssig. Nacht- und Notdienste sorgen für Medikamentenversorgung rund um die Uhr. Aber jetzt wird es ja erst lustig: im Falle eines Medikamentenrückrufs - falscher Inhaltsstoff, kaputte Verpackungen, plötzliche Probleme bei mehreren Verbrauchern - ist das deutsche Apotheken- und Arzneimittelvertriebssystem innerhalb von einer Stunde in der Lage, das betreffende Medikament komplett vom Markt zu räumen und den Verbraucher z.B. durch Aushänge in den Apotheken oder durch sofortige Rücksprache mit den Ärzten, die wiederum ihre Patienten benachrichtigen, zu informieren. Die Versandapotheke ist davon natürlich nicht betroffen - und hält sich, wie die Vergangenheit gezeigt hat, auch nicht an solche Rückrufaktionen, da diese kaum europaweit stattfinden. Sie liefert ein fehlerhaftes Medikament (!) fröhlich an den möglicherweise uninformierten Patienten weiterhin aus. Gut für den Verbraucher?
Und jetzt geh´ mal zum Arzt und lass´ Dir ein Rezept ausstellen, vielleicht für ein Medikament mit hoher Zuzahlung. Das Rezept schickst Du natürlich an eine Versandapotheke, bezahlst - und dann kommt nix. Schon mal im Ausland bestellt, geprellt worden und das Geld flott zurückbekommen? Obwohl man zugeben muss: das kann bei eBay natürlich auch vorkommen. Aber: möchtest Du Deine Medikamente bei eBay kaufen? Und: gut für den Verbraucher?
Unser Alltag ist vollgestopft mit von Interessengruppen
festgehaltenen Sonderrechten. Das reicht vom Meisterzwang der
Handwerkskammern bis zur Hilfe in Steuerdingen nur durch
Angehörige der steuerberatenden Berufe. Natürlich alles zum
Schutz des Verbrauchers, der angeblich so entsetzlich blöde
ist, daß er niemals selbst entscheiden kann. Die Deutschen
scheinen mächtig viel dusseliger als z. B. Niederländer oder
beinahe alle anderen Menschen weltweit zu sein. Diese Art der
Reglementierungen sind nämlich eine deutsche Spezialität.
Deutschland wird europaweit erst das dritte oder vierte Land sein, das die Versandapotheke zulässt. Wie viele Länder hat Europa? Warum haben es, wenn das so toll ist, noch nicht alle eingeführt? Oben genannte Probleme sind massiv in allen Ländern mit Versandapotheke beobachtet worden. Und doch spielt die Gesundheitsministerin hier massiv mit Arbeitsplätzen, arbeitet gegen die deutsche Wirtschaft und sorgt tatsächlich für die Gefährdung des Patienten.
Liberalisierung ist ein schönes Wort, doch muss man aufpassen, in welchen Bereichen man sich selbst um Kopf und Kragen liberalisiert. Eine Versandapotheke ist in Deutschland nicht nötig. Wir sind nicht in den USA mit weiten Landstrichen ohne eine einzige Apotheke - die hiesige Apothekendichte garantiert eine einwandfreie Versorgung, die Arzneimittelpreise liegen unter denen vieler anderer Länder, auch wenn sie nicht konkurrenzlos günstig sind. Versuche dafür aber mal, in einem südfranzösischen Bauerndorf nachts um drei Herztabletten zu bekommen. Ist halt alles sehr liberal dort.
Gruss, Joachim - der übrigens kein Apotheker ist.