Liebe Irene, liebe andere Interessenten,
Lieber Herr Dr. Müschenich,
diese beiden letzten off topic Ausführungen in der Anfrage von
Lyra sind für mich auch sehr interessant und hilfreich, vor
allem (wieder) wegen der schönen Zusammenfassung. Danke.
Ich habe sie mit Vergnügen gelesen (vielleicht nicht das
richtige Wort angesichts des ernsten Themas, aber so ist es).
Das freut mich.
Es wäre mir direkt ein Anliegen, dies so weit wie möglich zu
verbreiten, angeregt durch einen aktuellen Anlass (im privaten
Umfeld), der mir sehr, sehr im Magen liegt. Ich darf das als
Illustration kurz schildern:
Junger Mann, etwa 22, begann vor gut zwei Jahren sich nach und
nach zurückzuziehen. Erst aus dem Studium, dann von seinen
Freunden und von Freizeitaktivitäten in Gesellschaft und auch
allein, zuletzt von seiner Familie.
Er war nächtens wach, sah fern, hing am Computer oder fuhr mit
dem Wagen durch die Gegend und verschlief die Tage.
Eltern kritisierten sein Verhalten, weigerten sich aber, darin
etwas Bedenkliches zu sehen. Vater begann dann, sich Gedanken
zu machen, Mutter leugnete weiter. Erst als der junge Mann
eines Nachts mit dem Auto eine rote Ampel überfuhr (weil eh
alles wurscht ist), prompt einen Unfall verursachte, legte ihm
der Vater nahe, Hilfe zu suchen.
Ich habe in der Akutpsychiatrie in dreistelliger Anzahl andere junge Männer gesehen, die dem von Ihnen geschilderten Fall sehr gleichen. Meist steckte eine beginnende schizophrene Psychose dahinter (Sie haben typische Krankheitszeichen bzw. Frühsymptome beschrieben, wie z.B. sozialer Rückzug, Leistungsknick, zunehmende Unfähigkeit zur Tagesstrukturierung und mangelnde Kritikfähigkeit), obwohl die erwähnte Symptomatik auch noch mit einer depressiven Entwicklung vereinbar sein könnte. Da Sie keine weiteren Einzelheiten nennen und auch nicht die Art der später verschriebenen Medikamente (Neuroleptika oder Antidepressiva?) erwähnen, muß das hier offen bleiben.
Natürlich hat auch Herr Walter recht, daß man per Internet letztlich keine Ferndiagnosen stellen kann und soll.
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut verordnete
Medikamente
*Welche*??
und begann begleitend mit Gesprächstherapie. Nach
14 Tagen setzte der junge Mann die Medikamente ab.
Also gerade dann, wenn sie (im Falle von Antidepressiva) gerade anfangen zu wirken…
Vater bedauerte dies. Kommentar der Mutter, als ich sie auf
das Absetzen der Medikamente ansprach: Gott sei Dank!
Dass damit auch die Psychotherapie beendet war, brauche ich,
glaube ich, nicht extra zu erwähnen.
Solchen Reaktionen wie der dieser Mutter bin ich leider sehr oft
(= *zu* oft!) begegnet! Die meisten schizophrenen Psychosen (ich beziehe mich hier auf die Patienten, die *ich* kannte - ohne sagen zu können, was mit dem konkreten jungen Mann los ist, den Sie kennen)
entwickeln sich schleichend über mehrere Jahre und bei Männern bevorzugt gerade in der Adoleszenz (Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen).
Laut BERGER (aktuell das führende Lehrbuch, Quelle siehe unten!)
vergehen zwischen Erstmanifestation der Schizophrenie und erster
Diagnosestellung und Behandlung bzw. erstem Klinikaufenthalt in der Regel *mehrere Jahre*! Mit anderen Worten: da die Frühsymptome so unspezifisch sind, neigen die Eltern meist dazu, jahrelang alles auf „ungerechte Lehrer“ oder auf eine protrahierte „Pubertätskrise“ zurückzuführen. Wenn die Familie den Betroffenen dann erstmals zum Psychiater oder ins Krankenhaus bringt, ist das Krankheitsbild mittlerweile häufig schon ziemlich chronifiziert. Oftmals haben die Eltern massive Schuldgefühle und schämen sich: „Um Gottes Willen,
*unser* Sohn soll eine *Geisteskrankheit* haben? Das kann und darf nicht sein! Aber was haben wir bloß falsch gemacht, Herr Doktor? Vielleicht hätten wir den Jungen nicht immer so verwöhnen sollen“…
Die meisten Eltern haben aufgrund vorwissenschaftlicher Vorstellungen
Angst, die Psychiater und Psychologen könnten *ihnen* die Schuld an der Krankheit geben und den Patienten gegen sein Elternhaus
„aufhetzen“. Das ist natürlich Quatsch, denn die meisten Psychiater sehen die produktiv-psychotischen Symptome einer Schizophrenie als Ausdruck einer „Stoffwechselstörung“ der zerebralen Neurotransmitter und sind weit davon entfernt, den Eltern etwa vorzuwerfen, ihr Sohn sei nur deshalb erkrankt, weil sie vor 20 Jahren in der Kindererziehung etwas falsch gemacht hätten (darum empfinden es die meisten Angehörigen als ungeheure Erleichterung und Entlastung, wenn der Arzt ihnen erklärt, daß der Sohn unter einer
„Stoffwechselerkrankung“ leidet…).
Vater verzweifelt, aber machtlos. Mutter glaubt, es werde
schon ein Wunder geschehen, Hauptsache, er nimmt keine
Medikamente mehr.
Im BERGER (dem ersten Psychiatrie/Psychotherapie-Lehrbuch, das ganz und gar empirisch abgesichert ist und auf den Grundlagen der
„Evidence Based Medicine“ basiert) steht auf Seite 499:
„Ohne Antipsychotika erleiden ca. 75 % der Patienten innerhalb eines Jahres ein Rezidiv, unter Antipsychotika nur 15 %“.
Da dreht sich mir der Magen um!
Hier wäre eine Aufklärung mehr als notwendig! Aber wie?
Das sehe ich ähnlich wie Sie!
Kritisch ist, daß durch die Scham und Schuldgefühle der Angehörigen so viel wichtige Zeit verplempert wird. Wenn Schizophrene gleich nach der Erstmanifestation in Behandlung kommen würden, wäre die Chance sehr gut, daß sie ein weitgehend normales Leben führen können.
Wenn die Krankheit jedoch mit 18 beginnt und man erst mit 22 zum Arzt geht, ist sie oft schon so chronifiziert (und der Betroffene so sehr aus seinen sozialen Bezügen herausgefallen), daß sich die Prognose deutlich verschlechtert.
Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: sehr wichtig wäre eine bessere Aufklärung der Bevölkerung. *Mir* dreht sich immer der Magen um, wenn ich sehe, wie psychische Krankheiten und Psychiater in Fernsehfilmen dargestellt werden. Fast immer ist der Psychiater oder Psychologe selber ein verschrobener und arroganter Kauz, während der Schizophrene „gemeingefährlich“ ist, unter einer „gespaltenen Persönlichkeit“ leidet (Dr. Jekyll und Mr. Hyde…) und einen „irren Blick“ hat. Die psychiatrische Klinik ist eine „Klapsmühle“ oder „Irrenanstalt“ mit lauter kräftigen Muskelpaketen als „Wärter“ (und nicht etwa „Fachkrankenpfleger“…), wo die Patienten zunächst in eine Zwangsjacke, später dann in eine Gummizelle gesteckt und mit Hilfe der „chemischen Keule“ ruhiggestellt werden…
Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich sagen, daß ich in acht Jahren Tätigkeit in verschiedenen psychiatrischen Kliniken nicht eine „Gummizelle“ oder eine „Zwangsjacke“ gesehen habe!
Und das mit dem „Ruhigstellen“ und der „chemischen Keule“ habe ich ja in meinem letzten Posting bereits kritisiert (wer an meinen Worten zweifelt, möge sich einmal ansehen, wie klischeebehaftet die BILD-Zeitung seit Wochen darüber „berichtet“, daß sich der Fußballprofi Sebastian Deisler wegen einer Depression in stationärer Behandlung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München befindet…).
Nicht zur Kenntnis genommen wird in der Öffentlichkeit offenbar die Tatsache, daß es im Bereich der Psychopharmaka in den letzten 15 Jahren mehr neue Entwicklungen gegeben hat als in den 100 Jahren davor bzw. als in jedem anderen Gebiet der Medizin!
Man kann so z.B. die modernen „atypischen Neuroleptika“ wie Clozapin (Leponex), Olanzapin (Zyprexa), Risperidon (Risperdal) und Amisulpirid (Solian) in fast keinerlei Hinsicht mehr vergleichen mit den ersten konventionellen Neuroleptika der 1950er Jahre; sie wirken viel spezifischer, sind wesentlich besser verträglich und haben deutlich geringere Nebenwirkungen.
Mir wäre viel daran gelegen, wenn diese öffentlichen Vorurteile abgebaut würden. Das war auch der Grund dafür, daß ich hier diese Diskussion über Nutzen, Wert und Gefahren von Psychopharmaka (und deren Verhältnis zur Psychotherapie) angeregt habe - siehe meine letzten Postings in diesem Brett!
Wir stehen nämlich vor der merkwürdigen Situation, daß die Psychopharmaka generell ein schlechtes Image besitzen, gleichzeitig aber enorm viel eingenommen werden (oftmals von denselben Leuten, die öffentlich darüber schimpfen)!!!
Auf Parties und manchmal selbst in manchen Psychologenkreisen hat fast jeder eine Anekdote dazu beizutragen, warum er oder sie „von Psychopharmaka nichts hält“. Man müsse - so heißt es - vielmehr durch „Psychotherapie“ herausfinden, wo in der Kindheit des Betroffenen die (spezifische) „Ursache“ für die jetzige psychische Erkrankung zu suchen sei. Abgesehen davon, daß diese naive Vorstellung von der Pathogenese und Behandelbarkeit komplexer psychischer Störungsbilder schon aus rein pragmatischen Gründen an ihre Grenze stößt (in den Kliniken gibt es viel zu wenig Personal, um jeden Patienten intensiv psychotherapieren zu können, und in der ambulanten Versorgung muß man in meiner Wohngegend zur Zeit mit Wartefristen von bis zu einem Jahr rechnen, bevor man eine Psychotherapie beginnen kann, und danach bekommt man eine 50minütige Sitzung pro Woche!), werden diese Klischees natürlich auch von den Medien tradiert - wie z.B. in Hitchcock-Filmen wie „Marnie“, wo die gesamte Kleptomanie, Dissozialität und Frigidität (sic!) der Hauptdarstellerin just in dem Moment verschwindet, wo sie unter
„forcierter Anleitung“ von Sean Connery auf kathartische Art und Weise dasjenige Kindheitstrauma wiedererlebt, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist. *So* stellen sich die meisten Bürger „Psychotherapie“ vor, und sie meinen, daß dieses Prinzip auf jede Art psychischer Krankheit anwendbar sei.
Jeder erfahrene Psychotherapeut weiß nun allerdings, daß solche kathartischen Aha-Erlebnisse (wonach der Patient seine gesamte Psychopathologie aufgeben kann) eher die große Ausnahme als die Regel sind. Bei den meisten psychischen Krankheiten gelingt es in dem zur Verfügung stehenden Rahmen *nicht*, ein spezifisches Kindheitstrauma als Ursache der Krankheit zu identifizieren. Bei akuten schizophrenen Psychosen ist diese Vorstellung ebenso naiv wie z.B. bei Manien (in der psychiatrischen Literatur *gibt* es keine neurotischen, also erlebnisreaktiven Manien - alle Autoren sind sich darüber einig, daß hier in erster Linie eine Störung des Hirnstoffwechsels vorliegt), Demenzen oder anderen hinorganisch (mit)bedingten Störungsbildern, die primär ganz klar eine Domäne der Pharmakotherapie und nicht der Psychotherapie sind.
Wie ich die Situation hinsichtlich des Verhältnisses von medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung bei Depressionen und Angststörungen beurteile, habe ich bereits in meinem letzten Posting dargelegt.
Manchmal frage ich mich (und jetzt Euch!), woher wohl diese laienhafte Vorstellung kommt, daß jede psychische Krankheit dadurch geheilt werden könne, daß das verursachende unbewußte Kindheitsrauma wieder aufgedeckt wird??
Es *stimmt* nunmal einfach nicht, daß jede körperliche Krankheit ausschließlich körperliche Ursachen und jede psychische Krankheit ausschließlich psychosziale Ursachen hat (und daraus eine rein somatische oder eine rein psychische Behandlung folgen würde)!
Noch grotesker ist es, wenn man sich vergegenwärtigt, daß zwar jeder über Psychopharmaka schimpft, sie aber fast jeder einnimmt (wenn man sogar noch psychotrope Substanzen wie Koffein, Nikotin, Alkohol,
Cannabis, Kokain, Heroin, Ecstasy und LSD hinzuzählt, dürfte der Bevölkerungsanteil, der chemische Substanzen zum Zwecke einer Besserung des eigenen Befindens konsumiert, gegen 100 % tendieren).
Mit anderen Worten: alle sind sich einig darüber, was für ein Teufelszeug diese „Chemie“ doch ist, gleichzeitg aber sind Psychopharmaka in Deutschland nach Aspirin und Schleimlösern (bei Husten und Bronchitis) die am meisten konsumierten Medikamente überhaupt!!
Man muß z.B. schon suchen, bis man eine Frau über 70 oder gar eine Altersheimbewohnerin findet, die *keine* Schlaf- und Beruhigungsmittel einnimmt…
Passend zu dieser ambivalenten Einstellung der Bevölkerung unterscheiden sich auch die konkreten Patienten in der Praxis
hinsichtlich ihrer Behandlungswünsche.
Auf der einen Seite des Extrems finden sich diejenigen, die trotz objektiv bestehender schwerer Krankheit hartnäckig die Einnahme von Medikamenten verweigern, weil sie nunmal „keine Chemie in [ihren] Körper lassen“ wollen. Diese Leute setzen ausschließlich auf Psychotherapie und müssen dann leider oft feststellen, daß sie erstmal neun Monate lang auf einen Psychotherapie-Platz zu warten haben und dann der Therapeut zunächst einen ausführlichen „Antrag auf Kostenübernahme“ an die Krankenkasse stellen muß (dessen Bearbeitung weitere Monate dauern und der auch abgelehnt werden kann). Häufig
stellt sich eine deutliche Symptomlinderung erst nach längerem Psychotherapie-Verlauf ein, und die ganze Zeit leiden die Patienten, müssen immer wieder krankgeschrieben werden, Partnerschaften gehen zu Grunde, Arbeitsplätze werden verloren usw.
Das ganze wäre u.U. erheblich einfacher gewesen, wenn die Betroffenen
vorbereitend oder zusätzlich zur Psychotherapie ein Medikament eingenommen hätten, von dem sie schon nach wenigen Wochen eine deutliche Besserung verspürt hätten. Eine vorübergehende Behandlung mit Antidepressiva kann z.B. manch einen Patienten (der es vorher wegen seines Antriebsmangels und seiner sozialen Ängste kaum geschafft hätte, regelmäßig zur Psychotherapie zu kommen) erst
„psychotherapiefähig“ machen oder eine solche unterstützen.
Auf der anderen Seite des Spektrums sehen wir das umgekehrte Beispiel, also Patienten, die trotz eines zweifelsfrei bestehenden Zusammenhangs ihrer Depressionen und Ängste mit einem gravierenden Partnerschaftskonflikt partout nichts von Psychotherapie wissen wollen, sondern stattdessen erwarten, daß ihnen der Arzt gefälligst eine „Pille“ gibt, damit die Symptome nachlassen. Auch dieser Typus ist weit verbreitet, und es wäre eine Illusion zu glauben, daß jeder Mensch an sich arbeiten und die „krankheitsaufrechterhaltenden lebensgeschichtlichen Einflüsse“ wirklich verändern *wolle*…
Mit anderen Worten: ich würde vor dem skizzierten Kontext gerne eine allgemeinere Diskussion über die Vor- und Nachteile von Psychopharmaka und Psychotherapie anregen und hören, was die anderen zu diesen Themen zu sagen haben.
Persönlich würde ich mir mehr sachliche Aufklärung wünschen, damit die oben aufgeführten Vorurteile nicht mehr so viel Schaden anrichten.
Wahrscheinlich liegt es mit an der deutschen Geschichte (und der
„Behandlung“ von vermeintlich psychisch Kranken in der Zeit des Nationalsozialismus und der SED bzw. DDR), daß psychische Krankheiten
und der Umgang damit hierzulande wesentlich stärker stigmatisiert sind als beispielsweise in Egland, Holland, Skandinavien und den USA
(wie ist es übrigens in Österreich, Irene?).
Wenn die Öffentlichkeit besser informiert wäre, würde vielen psychisch Kranken mehr Verständnis entgegengebracht, und es würde nicht so viel Leid und (individueller, aber auch volkswirtschaftlicher…) Schaden dadurch angerichtet, daß psychische Krankheiten übersehen bzw. viel zu spät richtig behandelt werden
- jedenfalls *hoffe* ich das…
Z.B. arbeiten die Chefs der Psychiatrischen Universitätskliniken
in den letzten Jahren verstärkt daran, Aufklärungskampagnen bei Eltern und Lehrern zu initiieren, damit die unspezifischen
„Frühwarnsymptome“ schizophrener Psychosen bereits bei Schülern und Lehrlingen früher erkannt und rechtzeitig behandelt werden.
Aber auch das ist nicht jedem recht. Viele befürchten z.B. eine zunehmende „Pathologisierung der Gesellschaft“, wenn jetzt schon bei Minderjährigen systematisch nach psychischen Auffälligkeiten gefahndet werde - was meinen die anderen Teilnehmer dazu??
Eine Frage noch an Sie, Irene: was meint Metapher damit, wenn er schreibt: „Geh ich recht in der Annahme, daß du eine ganz andere Perspektive zu dem Ganzen hast?“ - und wie lautet Ihre Antwort darauf?
Zum Schluß noch die erwähnte Literturquelle.
Berger, Mathias: „Psychische Erkrankungen - Klinik und Therapie“, Urban und Fischer Verlag (Imprint der Elsevier GmbH), München 2004.
Viele Grüße,
Dr. Stefan Müschenich