Hallo Stucki,
Daß die jahrhundertelange Praxis von Christen
(und nicht nur Kirchen im Sinne von Organisationen) gegenüber
Juden eine ewige SChande sein wird, …
Steht das nicht auch in der Bibel, dass sie und alle bis in
ewigen Zeiten verdammt sind? Oder hat das einer von den frühen
Kirchenvätern gesagt?
Im JohEv findest Du viele Aussagen, die man so verstehen kann. Ein berühmter Kirchenvater, der Reden die Juden gehalten hat, ist Johannes Chrysostomos (4.Jh.). Auch bei Paulus finden sich im Röm-Brief feindliche Aussagen, aber eben auch: „Es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen (= Heiden); es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“
Es ist nichts schwarz und weiß. Zudem mußt Du gerade für die biblische Zeit bedenken, daß sicherlich niemand dort etwas geschrieben hat, damit 1900 Jahre später Juden getötet werden. Die Christen als zunächst jüdische Sekte wurde von den Etablierten (und das waren ihre Familie, Freunde, Lehrer) abgelehnt. Gerade im JohEv findest Du eigentlich Spuren eines ABlösungsprozeß, auch bei Paulus, der ja selbst Pharisäer war. Daher findest Du auch neben feindlichen Aussagen auch neutrale und gegenteilige, sagen wir, daß Christentum war in der Pubertät. Auch ein Joh. Chrysostomos sieht in den Juden eine religiöse Konkurrenz, ebenso wie damalige Heiden, genannt sei Libanios von Antiochia, gerade in den Christen den Untergang des Abendlandes sah. Auch der wolte aber nicht alle Christen getötet wissen, vielmehr sollte man sich die Rhetorik dieser Zeit ganz genau anschauen, es ist immer gefährlich, Texte, vor allem solche, die in einem anderen historischen und kulturellen Kontext geschrieben wurden, wörtlich zu nehmen.
Das ist ja auch in Ordnung. Wie ich aber sagte, wird es heute
noch von christlichen Organisationen kolportiert. Als meine
Tochter mal vom CVJM - eine, wie ich dachte, sonst wohl eher
unverdächtige Organisation - nach Hause kam, sagte sie im
Rahmen einer Diskussion, „… die Juden haben Jesus ermordet
…“ - ich bin bald vom Stuhl gefallen (ist schon ein paar
Jährchen her). Das ist das was mich nicht nur aufregt, es
entsetzt mich!
Mich auch.
Ja natürlich. Nur in der Kirche und in Verlautbarungen von
kirchlichen Organisationen und Zeitschriften (z.B. „Chrismon“,
Beilage der „ZEIT“) hört, liest man immer nur das Erste! Und
schreibt dann mal einer über „das Unheilige in der heiligen
Schrift“ (Gerd Lüdemann, Ex-Theologe in Göttingen) wird er
ohne viel Diskussion rausgeworfen.
Die evangelischen Kirchen Deutschlands befinden sich derzeit in einer Diskussion, das theologische Prä Israels in ihren Statuten festzuhalten, um zukünftig anderen Tendenzen Vorschub zu leisten. Judaistische Lehrstühle (d.h. Lehrstühle, die sich mit der Geschichte des Judentums beschäftigen, keine „religiösen“) sind an einigen Universitäten nur noch erhalten, weil die Kirchen dafür sorgen. Ich leide beständig unter „meiner“ Kirche, aber daß sie sich nicht dieser Vergangenheit bewußt ist, glaube ich nicht. SChau mal bei Ev. Akademien und Erwachsenenbildungsstätten nach, ich denke, daß Du siehst, daß nicht nur von Nächstenliebe gesprochen wird.
Zu Lüdemann: Lüdemanns Thesen sind so alt wie die historisch-kritische Forschung. Wissenschaftlich kaum originell und teilweise fahrlässig, provoziert er nun sehr gerne. Er stylisiert sich als Märtyrer einer ach so bösen, natürlich kirchlichen Gegnerschaft. Ich empfehle einen online-Blick in die Vorlesungsverzeichnisse Ev-Theol. Fakultäten inklusive dort angegebener Literatur…
Für das 3. Reich und seine Taten waren natürlich die Deutschen
verantwortlich - ohne Wenn und Aber! Nur hat in D inzwischen
ein kompletter Paradigmenwechsel in der Staatsbegründung und
-ordnung, seiner Verfassung und allem, was sonst noch dazu
gehört, stattgefunden. Die Kirche beruft sich aber nach wie
vor auf ihr 2000 Jahre altes „Grundgesetz“ und ihre Tradition.
Für die rk Kirche sind SChrift und Tradition, für die ev. „nur“ SChrift bindend. Die SChrift ist beständiger Interpretation unterworfen. Es ist nicht das „Grundgesetz“, was falsch ist, sondern die daraus gezogenen Konsequenzen, die vor Gott und den Menschen verantwortet werden müssen. Eine Religion, die sich auf das, was wir AT und NT benennen, beruft, kann niemals einen Völkermord geschweige denn dessen geistige Vorbereitung unterstützen. In den ev. Kirchen hat die sogenannte Barmer Theol. Erklärung von 1934 mittlweile den Rang einer Bekenntnisschrift (und auch wenn sie zu schwach in der Frage der Juden ist, so hätte das schon gereicht, um einiges zu verhindern). ISt das nicht auch ein Paradigmenwechsel?
Da hat es keinerlei Brüche im Bewustsein des Volkes und der
Kirchenführung gegeben! Und außer einer pauschalen
Entschuldigung des Papstes hat es nichts gegeben …
Es gibt die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945. Viel zu schwach teilweise, aber wohl zu diesem Zeitpunkt mehr als was aus dem Rest Dtlds kam. ZUdem siehe obige Entwicklungen…
ist einer der „Säulenheiligen“ - was vieles angeht, zu Recht!
Aber er hat den Juden vorgeworfen, „sie vergifteten Brunnen,
raubten christliche Kinder, um sie rituell zu schlachten“
(„Von den Juden und ihren Lügen“, 1543). Das hört man nie,
muss man aus geschichts- und ähnlichen Büchern herausfummeln.
Empfehle die Lektüre von MArtin Brecht und Lohse (Vorname entfallen), Examensvorbereitungslektüre zum THema…
Jeder kann sehen, das diese nichts mit der NPD am Hut haben,
gegen diese demonstrieren und bei Wahlen im Prinzip abstrafen.
Der Staat bekämpft die NPD im Rahmen seines Rechtssystems. Da
wäre es gut, wenn die Kirche das „Unheilige“ endlich auch mal
nennt und sich deutlich davon distanziert. Aber von den
Sprüchen Luthers wird nie etwas gesagt, und - andere
Baustelle, aber meine Lieblingsgeschichte - im Gottesdienst
wird uns „David und Batsebah“ als schöne Geschichte von der
Barmherzigkeit und Gnade Gottes und nicht als Geschichte von
Ehebruch und Mord erzählt.
Dann warst Du noch nicht in einer meiner Predten darüber:wink:
Aber hier sind wir an einem Punkt: Was würdest Du machen, wenn Dir jetzt trotzdem jemand mild lächelnd über Deine unendliche Naivität erklären würde, nein, nein, Ihr Deutschen seid alle Nazis, da sieht man es wieder…? Diese Diskussion könnte man dann ewig weiterführen, immer könnte man Dir etwas neues erzählen, weil es Deutsche Gruppen gibt, Deutsche an sich etc. die dies und jenes machen. Auch Du würdest irgendwann sauer werden, vor allem,wenn man dann auch noch Deine UNeinsichtigkeit als Dummerheit oder, wie hier auch schon geschehen, als „schwarze Theologie“ bezeichnen würde.
Genau, Theologen wissen das. Dem Volk wird nach wie vor
der zaudernde, die anwesenden Juden fragende Pilatus
dargebracht.
Das glaube ich von niemanden, der mit mir studiert hat!
Ich hoffe, ich habe mich nicht wieder vorbei benommen
)
Na, machst Fortschritte:wink:
Beste Grüße,
Taju