An die 'Katholen-Hasser'

Hallo Wolfgang,
die wenigsten sind wohl ernst zu nehmende Katholenhasser, die rk Kirche als eine vermeintlich eindeutige Institution (weiter oben schrieb jemand, die ev. Kirche sei ja weniger eindeutig zu fassen) eignet sich nur als gut als Feindbild. Letztlich sind da Mechanismen im Gange, die die gesamte Menschheitsgeschichte zu gut kennt: Man sucht einen Sündenbock, Zudem kann man sich selbst als intellektuellen Widerstandskämpfer, rationalen Denke etc. gerieren, weil man ja so tapfer gegen eine böse Macht kämpft. Es ist zwar eigentlich wohl eher ein Mainstreamdenken, eben jahrtausende alt: Irgendjemand muß Schuld sein. Ich habe nur das Titelbild des letzten Sterns gesehen: Die Kreuzzüge - Wie das Christentum den Hass säte. Wir haben also wieder einen Schuldigen! All unsere Probleme, der moderne Terrorismus, hätten wir offenslichtlich nicht, wenn es die Christen nicht gäbe. Immer mehr DIskussionen über das Dritte Reich verlaufen auch so, keine Nazis ohne christlichen Antijudaismus. Dem würde ich ja noch zustimmen können, aber Du wirst bemerken, daß das immer mehr eine Monokausalität wird. Ich vermute, dahinter steht das Bedürfnis nach der eigenen Unschuld. Man kann mit den Fingern auf andere zeigen, man kann sein Entsetzen über menschliche Grausamkeit allgemein kanalisieren und sich selbst frei sprechen von der puren Möglichkeit.
Dahinter steckt oft eine Menge Unkenntnis, man nimmt sich heraus, was gerade passt. Man spricht die rk Kirche schuldig, weil sie fehlbare Heilige hat. Vielleicht zu Recht, aber in dieses simple Denken passt nicht hinein, sich z.B. mit Einrichtungen der Kirche(n) zu beschäftigen, die sehr wohl damit beschäftigt sind, aus der Geschichte lernend Verantwortung zu übernehmen.
Der Glaube an die eigene Unschuld und Rationalität wird mit einer erstaunlichen Aggressivität geschützt. Daß jeder Christ sich an jedem Sonntag öffentlich seiner eigenen Schuld stellt (oder stellen sollte), wird nicht gesehen (wohl auch nicht gewußt) - und wenn, dann ist dies natürlich nur ein Mittel der Kirchen, um Angst zu machen o.ä.
Menschen, die so existentiell am Postulat ihrer individuellen Unschuld hängen, können wohl nicht ertragen, wenn andere im Bewußtsein ihrer SChuld einen anderen Lebensweg einschlagen, der auch das Aushalten von Widersprüchen (historischen wie aktuellen) beinhaltet. Draufhauen ist einfacher.

Ich finde es eigentlich für den gesellschaftlichen Prozeß sehr schade, daß manch einer seine Energie darauf verschleudert, in Selbstgerechtigkeit zu hassen. Was wirklich zu kritisieren wäre, wo ich als Mitglied einer Kirche dankbar wäre für mehr gesellschaftlichen Druck - das scheint keiner zu sehen.

Ich bin übrigens der Überzeugung, daß es irgendwann wieder „in“ sein wird, kirchlich zu sein. Irgendjemand anderes ist dann wieder schuld an allem:wink:

Frohe Ostern,
Taju

Hallo Taju,

ich misch mich mal hier mit ein, daDu mich ja teilweise quasi zitierst.

Es ist zwar
eigentlich wohl eher ein Mainstreamdenken, eben jahrtausende
alt:

Um… Bei 50 Millionen Christen in Deutschland ist es wohl eher kein Mainstreamdenken, oder?

Irgendjemand muß Schuld sein. Ich habe nur das Titelbild
des letzten Sterns gesehen: Die Kreuzzüge - Wie das
Christentum den Hass säte. Wir haben also wieder einen
Schuldigen!

Mit Schuld oder Unschuld hat das nichts zu tun. Es ist einfach eine Tatsache, dass der Hass auf die westliche Gesellschaft sich immer noch aus den damaligen Untaten speist. Und wie gesagt, mindestens die rk tut ihren Teil dazu, indem sie sich nicht von ihren Taten distanziert.

Man spricht die rk Kirche schuldig,
weil sie fehlbare Heilige hat. Vielleicht zu Recht, aber in
dieses simple Denken passt nicht hinein, sich z.B. mit
Einrichtungen der Kirche(n) zu beschäftigen, die sehr wohl
damit beschäftigt sind, aus der Geschichte lernend
Verantwortung zu übernehmen.

Zwei Dinge: „Fehlbar“ finde ich als Attribut für einige dieser „Heiligen“ verharmlosend. Und wenn man sich schon so sehr bemüht aus der Geschichte zu lernen, wieso schafft man dann nicht diese „fehlbaren“ Heiligen ab? Ich wohne auch in der Stresemannstraße und nicht in der Adolf-Hitler-Allee.

Der Glaube an die eigene Unschuld und Rationalität wird mit
einer erstaunlichen Aggressivität geschützt.

Rationalität ja, Unschuld nein. Der Hang sich unbedingt von aller Schuld befreien zu müssen ist etwas zutiefst religiöses (wobei die christliche Kirche da auch eine besonders extreme Stellung einnimmt). Mir ist es eigentlich egal ob ich „schuldig“ oder „unschuldig“ bin. Und wer definiert das überhaupt?

Ich bin übrigens der Überzeugung, daß es irgendwann wieder
„in“ sein wird, kirchlich zu sein. Irgendjemand anderes ist
dann wieder schuld an allem:wink:

Es ist leider immer noch „in“. Derzeitiger Stand: 50 Millionen in Deutschland, Tendenz erfreulicherweise fallend.

Grüße,

Anwar

Hallo Anwar,

Es ist zwar
eigentlich wohl eher ein Mainstreamdenken, eben jahrtausende
alt:

Um… Bei 50 Millionen Christen in Deutschland ist es wohl
eher kein Mainstreamdenken, oder?

Mainstream, damti war gemeint, daß man immer gerne einen Sündenbock hat. Wenn Dir „Schuld“ nicht gefällt: man sucht einen Verantwortlichen…

Mit Schuld oder Unschuld hat das nichts zu tun. Es ist einfach
eine Tatsache, dass der Hass auf die westliche Gesellschaft
sich immer noch aus den damaligen Untaten speist. Und wie
gesagt, mindestens die rk tut ihren Teil dazu, indem sie sich
nicht von ihren Taten distanziert.

Wenn Du auf den „hass“ in Teilen des Islam anspielst: Haben die wirklich etwas gegen die rk Kirche? Haben Sie nicht eher etwas gegen den westlich (amerikanischen) Kultur- und Sozialimeperialismus??? Die amerikanische Kultur ist zudem eine protestantische:wink:
Abgesehen davon: Das ist für nichts eine Entschuldigung. Sonst könnten wir ja ewig so weitermachen. Wer so argumentiert, argumentiert wie die Menschen zur Rchtfertigung der Kreuzzüge: Der alte Bernhard war auch nicht dafür, weil er sich dachte, ach, ermorden wir mal ein paar Muslime, sondern weil er von Übergriffen gegen christliche Mönche und Pilger im hl. Land hörte. Nicht zu vergessen die islamische Eroberung Nordafrikas im 7. Jahrhundert, die ein blühendes Land erst einmal zum Erliegen brachte und auch einen Kontinuitätsabbruch christlicher Intellektuelität zur Folge hatte, die, wenn Du so willst, auch die Stimmen der „Vernunft“ im Christentum zum Schweigen brachte.
Nichts rechtferigt „Hass“, vor allem nicht eine Argumentation aus der Vergangenheit.

Zwei Dinge: „Fehlbar“ finde ich als Attribut für einige dieser
„Heiligen“ verharmlosend. Und wenn man sich schon so sehr
bemüht aus der Geschichte zu lernen, wieso schafft man dann
nicht diese „fehlbaren“ Heiligen ab? Ich wohne auch in der
Stresemannstraße und nicht in der Adolf-Hitler-Allee.

Deine Frage ist berechtigt. Das rk katholische Traditionsverständnis ist wohl der Hauptgrund, warum ich nicht rk sein könnte. Aber rechtfertigt das einen „Hass“? Rechtfertigt das, alle Menschen in einen Topf zu werfen? Sollte man nicht fragen: Was bedeutet denn nun dieser Heilige konkret? Wird er zitiert, um Kriege des Vatikans zu rechtfertigen? Man kann durchaus sehr hart die rk Kirche kritisieren, ohne gleich alle mit Hass zu überziehen. Sie ist ein geschichtliches Phänomen, wie z.B. auch der deutsche, türkische, amerkikanisch Staat heute. Auch dort findest Du im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Wertvorstellungen, Regierungsformen etc. Als deutsche Staatsangehörige muß ich mir gefallen lassen, wenn man mich auf unzureichenden Umgang mit der Vergangenheit anspricht und meine Heimat kritisiert - aber hassen lassen muß ich mich nicht, sondern ich habe ein Recht darauf, daß man mich als Person ansieht.

Rationalität ja, Unschuld nein. Der Hang sich unbedingt von
aller Schuld befreien zu müssen ist etwas zutiefst religiöses
(wobei die christliche Kirche da auch eine besonders extreme
Stellung einnimmt). Mir ist es eigentlich egal ob ich
„schuldig“ oder „unschuldig“ bin. Und wer definiert das
überhaupt?

Ich habe den Begriff „Verantwortung“ vorgeschlagen: Du hast definiert, die rk Kirche hat Verantwortung für den Hass auf die westliche Gesellschaft… Ob die christliche Kirche besonders extrem ist, wage ich zu bezweifeln. Die Erkenntnis, daß der Mensch das Gute will, aber das Böse tut (d.h. gute Absichten können in Katastrophen führen), halte ich für empirisch nachvollziehbar, nicht nur religiös. Ich als Christin bezeichne das als „Schuld“ und der Umgang damit ist mein Versuch, ein verantwortliches Leben zu führen - ohen Selbstkasteiung. Das sollte respektiert werden können.

Es ist leider immer noch „in“. Derzeitiger Stand: 50 Millionen
in Deutschland, Tendenz erfreulicherweise fallend.

Ehrlich, so viel? Es erfordert aber dennoch keinen Mut, das Christentum und die Kirchen zu kritisieren:wink: Ist die WElt eine bessere ohne Kirche in D? Ider warum findest Du das erfreulich? Was wäre dann besser (ernste Frage)?

Grüße,
Taju