Hallo Lyra,
Könnte mir bitte mal jemand darüber Auskunft geben, wer
Antidepressiva verschreiben darf/ das normalerweise tut??
Allgemeinmediziner?
Therapeut?
jede Apotheke??
Kein Plan - bitte um Hilfe! Hab übrigens keinen Hausarzt, oder
wie das heißt, zu dem ich immer hin gehe oder so…
Hier noch ein paar Ergänzungen zu den bisherigen Zuschriften:
a) Ein Antidepressivum ist ein recht kräftiges Medikament, und für die Verschreibung sind ausschließlich Ärzte zuständig.
b) Als erstes müßte der Arzt aufgrund eines ausführlicheren Gespräches feststellen, ob bei Dir wirklich eine klassische Depression vorliegt - es kann sich theoretisch z.B. auch um Stimmungsschwankungen bei einer sogenannten „emotional instabilen Persönlichkeit(sstörung)“ vom Borderline-Typus, um eine Angsterkrankung oder um ein anderes Krankheitsbild handeln, dann wäre u.U. eine Psychotherapie wichtiger als ein Medikament.
c) *Wenn* eine Depression besteht, müßte der Arzt zusammen mit Dir herausfinden, ob diese „aus heiterem Himmel“ entstanden ist und in zeitlich klar abgegrenzten „Phasen“ verläuft (früher sprach man hier von „endogenen“, d.h. hauptsächlich durch Stoffwechselstörungen im Gehirn und nicht so sehr lebensgeschichtlich bedingten Depressionen) oder ob sie vielmehr im Zusammenhang mit psychosozialen Belastungen und lebensgeschichtlichen Konflikten steht.
Nur im ersteren Fall wären Antidepressiva die Behandlung der Wahl, im zweiten Fall stattdessen eher eine gute Psychotherapie.
Natürlich gibt es auch Mischformen, nach dem Motto: jemand hat sowieso schon eine Anlage zu Depressionen, aber erst die gegenwärtigen Probleme auf der Schule oder in der Familie haben das Faß zum Überlaufen gebracht; dann wäre eine Kombination aus Antidepressivum *und* Psychotherapie zu erwägen.
d) Mit anderen Worten: je nach Art und Entstehung Deiner Probleme ist vielleicht eher eine ambulante Psychotherapie angesagt als Medikamente. *Wenn* jedoch tatsächlich ein Antidepressivum, dann muß dies sorgfältig ausgewählt werden. Von der in diesem Board aufgebrachten Idee, sich ein Antidepressivum illegal zu besorgen, halte ich überhaupt nichts - das kann mehr schaden als nützen und sogar gefährlich sein. Auch der Vorschlag, „Kreislaufmedikamente einzuschmeißen“, ist Blödsinn.
e) Das ebenfalls erwähnte „Aktivanad“ enthält die Vitamine B1, B2, C, Nicotinamid und (sic!) Koffein! Es ist zugelassen für die Indikationen „Förderung der Genesung nach Erkrankungen, Operationen und Geburten, Abgeschlagenheit und Erschöpfung und Leistungsschwäche“.
Bestenfalls wirst Du Dich dadurch (und es ist teuer!) ein paar Tage lang etwas frischer und vitaler fühlen, das ist aber auch alles.
Eine spezifische *antidepressive* Wirkung hat dieses Mittel nicht.
Was das von manchen ins Gespräch gebrachte, nicht verschreibungspflichtige Johanniskraut betrifft, so ist eine Wirksamkeit bei leichten bis allenfalls mittelschweren Depressionen nachgewiesen. Wichtig ist, daß man es in hoher Dosierung (ab 425 mg pro Tag, am besten noch mehr!) und regelmäßig einnimmt. Es dauert zwei bis drei Wochen, bis Du eine deutliche Wirkung verspürst. Hauptsächliche Nebenwirkung ist die sogenannte
„Photosensibilisierung“. D.h., man bekommt leichter Sonnenbrand (in dieser Jahreszeit wohl ziemlich irrelevant, es sei denn, Du gehst ins Solarium…). Immerhin wirkt das Johanniskraut spezifischer als Dein pflanzliches *Beruhigungsmittel* Sedariston, was auf Dauer ja auch keine Lösung sein kann und nicht von ungefähr 54,7 % Alkohol enthält!
f) Wie andere auf diesem Board gesagt haben, muß der Arzt natürlich auch organische Ursachen ausschließen. Es gibt z.B. Fälle, wo eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache der Depressionen war. Auch die Anti-Baby-Pille kann, je nach Präparat, depressive Verstimmungen auslösen, genau wie eine Vielzahl anderer Medikamente und natürlich erst recht Drogen wie Alkohol, Cannabis, Ecstasy usw.
g) Ein Antidepressivum wird vorzugsweise von einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie verschrieben, die kennen sich am besten damit aus (es hat nämlich auf dem Gebiet der Antidepressiva in den letzten 15 Jahren mehr neue Entwicklungen gegeben als in den 100 Jahren davor). Prinzipiell *kann* es auch ein Hausarzt verordnen, doch zeigen alle Studien, daß Hausärzte - es sei denn, Du findest einen ganz besonders kompetenten - Depressionen sehr oft übersehen oder wenn, dann häufig mit den falschen Medikamenten oder in zu geringer Dosierung behandeln, und *Psychotherapien* werden von Hausärzten noch seltener in die Wege geleitet.
Psychologen dürfen keine Medikamente verschreiben, und Apotheken natürlich erst recht nicht. Selbst „ärtzliche Psychotherapeuten“ haben - anders als es in diesem Brett angedeutet wurde - in der Regel keine Kassenzulassung, um Antidepressiva zu verschreiben. Am besten ist also ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (u.U. lange Wartezeiten – deshalb stellst Du Dich bei der Anmeldung am besten als „Notfall“ vor).
h) Es hat schon seine Gründe, warum solche Medikamente nur vom Experten verordnet werden sollten! Nicht von ungefähr waren z.B. trizyklische Antidepressiva in den USA, wo man leichter drankommt als bei uns, jahrelang die Todesurache Nummer 1.
In Amerika haben sich nämlich mehr Leute mit Antidepressiva suizidiert (oder sind an Neben- und Wechselwirkungen verstorben) als im gesamten Staßenverkehr ums Leben gekommen sind!!!
i) Nur ein kompetenter Arzt kann beurteilen, welches Mittel und welche Dosierung für Dich das richtige ist, und ob Kontraindikationen bestehen (wenn Du z.B. zu epileptischen Anfällen neigst, darfst Du bestimmte Antidepressiva nicht einnehmen). Wenn er gründlich und sorgfältig arbeitet, wird er auch Kontrolluntersuchungen veranlassen, z.B. regelmäßige Gespräche mit Dir in den nächsten Wochen, Blutuntersuchungen, EEG usw.
Die Vorstellung, zu einem Arzt, der nicht umsonst 15 Jahre lang die Diagnostik und Behandlung von Krankheiten gelernt hat, hineinzuspazieren und zu sagen „ich glaube, ich habe X, also verschreiben Sie mir bitte Y!“, klingt etwas anmaßend…
k) Was bisher noch gar nicht angesprochen wurde, ist, daß Du nicht schwanger werden darfst, solange Du Antidepressiva einnimmst.
Aufgrund der Gefahr von Mißbildungen sollen Antidepressiva nämlich in der Schwangerschaft in der Regel sofort abgesetzt werden.
l) Ein weiteres Problem ist, daß Du minderjährig bist.
Für gewöhnlich sollten die Erziehungsberechtigten damit einverstanden sein, daß Du Medikamente einnimmst: wenn nicht und Du - was statistisch unwahrscheinlich ist - schlimme Nebenwirkungen bekommen oder Dich mit dem Mittel gar umbringen solltest, könnte der Arzt ziemlichen Ärger kriegen.
Ich habe mich bei der Ärtzekammer nach der Rechtslage erkundigt.
Ein Frauenarzt darf z.B. einer 15jährigen durchaus die Pille auch ohne Wissen der Eltern verschreiben, wenn ihm das Mädchen „erwachsen genug“ erscheint. Wie es mit Psychopharmaka aussieht, wußte die Ärztekammer am Telefon nicht sofort. Man will mir nun entsprechende Unterlagen zuschicken - wen das speziell interessiert, der kann in ein paar Tagen nochmal bei mir nachfragen.
m) Du siehst an allen diesen Punkten also, daß die Sachlage etwas komplexer ist und eine „Selbstmedikation“ ziemliche Gefahren in sich birgt. Du solltest also wirklich (evt. über den bereits angesprochenen Zwischenschritt Vertrauenslehrer, Beratungsstelle udgl.) baldmöglichst einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufsuchen, vielleicht kannst Du neben den „Gelben Seiten“ ja auch Empfehlungen einholen, wer gut und vertrauenswürdig ist - möglicherweise wäre Dir ja eine Frau lieber als ein Mann.
Wie in diesem Brett bereits gesagt wurde, sind die in der Regel sehr nett und einfühlsam, denn die Beratung von Menschen in seelischen Notlagen ist ja ihr tägliches Brot, und wer da unfreundlich und kalt auftritt, der kann bald seine Praxis schließen, weil sich sowas rumspricht…
Wenn es wirklich auf die Verschreibung eines Antidepressivums hinausläuft, so gibt es da - wenn richtig angewandt - heute sehr effiziente und verträgliche Präparate. Die brauchen alle eine Anlaufzeit von ca. zwei Wochen, aber dann wirken sie sehr gut. Auch die meisten Nebenwirkungen (je nach Mittel z.B. leichte Übelkeit, leichter Durchfall) treten, wenn, dann in den ersten Tagen auf, später dann meist nicht mehr, da sich der Körper an die neue Substanz gewöhnt hat.
Wichtig ist (denn viele haben dieses Vorurteil), daß Antidepressiva *nicht abhängig* machen und die neueren (meist so genannte SSRIs) auch nicht „ruhigstellen“ oder zu Müdigkeit führen - es sei denn, dies ist erwünscht, weil der Patient starke Schlafstörungen hat.
Eine (schwere) Depression ist ein ernstzunehmendes Krankheitsbild (15 % der Betroffenen bringen sich früher oder später um!) und gehört richtig behandelt, bevor sie chronisch wird oder immer wieder auftritt.
Ob aber ein Medikament oder vielleicht doch eher eine gute Psychotherapie die richtige Behandlung ist, kann nur ein Experte beurteilen (im letzteren Fall würde der Facharzt Dir z.B. auch helfen, einen geeigneten Psychologen zu finden).
n) Daß Ärzte „nur für körperliche Leiden zuständig“ sind, ist natürlich Blödsinn. Die gesamte Forschungs- und Literaturlage der letzten Jahre läuft darauf hinaus – und das ist auch jedem erfahrenen Arzt bekannt -, daß psychische Erkrankungen (und psychische Mitbedingtheit körperlicher Krankheiten!) extrem häufig und auch schon bei Minderjährigen weit verbreitet sind - es gibt also keinen Grund, sich dafür zu schämen.
Im Gegenteil: *wenn* Du Deine Hemmschwelle überwindest und Dich einem Fachmann oder einer Fachfrau anvertraust, sind die Chancen sehr viel größer, daß es Dir bald wieder besser geht, als wenn Du bloß darauf wartest, daß dies von allein geschieht…
o) Zum Schluß möchte ich - für Interessierte - noch erwähnen, daß fast alle Medikamente (also nicht nur Psychopharmaka) so gut wie gar nicht an Minderjährigen erforscht worden sind! Dies liegt wohl u.a. daran, daß niemand bereit ist, sein Kind für Pharmastudien zur Verfügung zu stellen, und daß die Rechtslage da hinsichtlich der Einwilligungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen sehr kompliziert ist. So verständlich das auch ist, so traurig sind doch die Konsequenzen: das bedeutet nämlich, daß der Kinderarzt im Grunde gar nicht genau weiß, wie die aus der Erwachsenenmedizin bekannten Präparate bei Minderjährigen wirken.
Man könnte ja - „Pi mal Daumen“ - denken: okay, ein 70 kg schwerer Erwachsener braucht *eine* Tablette dieses Bluthochdruckmittels, also wird für ein 35 kg schweres Kind auch eine halbe Tablette pro Tag reichen… So etwas ist aber Quatsch! Manchmal ist es sogar so, daß ein Kind eine *höhere* Dosis braucht, weil die kindliche Leber diesen Wirkstoff viel schneller verstoffwechselt als ein Erwachsener! Hier besteht also großer Nachholbedarf…
Generell ist man bei der Behandlung psychischer Krankheiten von Minderjährigen viel vorsichtiger - die Hemmschwelle zur dauerhaften Einnahme eines Medikamentes ist zum Glück wesentlich höher als bei Erwachsenen.
Für Dich selbst, liebe Lyra, ist das jedoch kaum relevant, denn als 16/17jährige wirst Du wahrscheinlich praktisch den Stoffwechsel einer Erwachsenen haben.
Jedenfalls hoffe ich, Dir mit diesen ergänzenden Anmerkungen weitergeholfen zu haben.
Für die Zukunft alles Gute!
Dr. Stefan Müschenich