Moin Camilla,
leider wirfst du hier nur mit relativ inhaltslosen Pauschalisierungen herum. Wenn das das Ergebnis von den vielen Büchern zum Thema ist, die du gelesen hast, dann frag ich mich doch, um welche Bücher es sich dabei gehandelt haben mag.
- Die Verallgemeinerung passt leider doch. In den Zeiten des
Nazionalsozialismus waren nicht gerade viele Menschen in
Deutschland, die nicht nazionalsozialistisch waren
Nationalsozialismus ist eine sozialistische Strömung, die den nationalen mit dem sozialistischen Gedanken zu verbinden sucht. National mögen die Deutschen Anfang des 20. Jhd. gewesen sein, womit sie sich aber nicht von den meisten anderen Europäern unterschieden. Dass sie mehrheitlich jedoch gleichzeitig sozialistisch eingestellt gewesen sein sollten, halte ich jedoch schlichtweg für einen Witz. Entweder war man damals nationalistisch oder international/sozialistisch. Es kam nicht von ungefähr, dass Hitler die internationalen Sozialisten als einen seiner ärgesten politischen Feinde ansah.
Falls du aber mit deiner Aussage oben andeuten wolltest, dass die meisten Leute die NSDAP gut fanden, muss ich dich wiederum enttäuschen. Die Wahlergebnisse der letzten Reichstagswahlen vor dem Ermächtigungsgesetzt finden sich beispielsweise hier: http://www.gonschior.de/weimar/Deutschland/RT5.html
Im Vergleich dazu schau dir doch mal die Ergebnisse der letzten freien Wahlen in Italien von 1924 an.
nicht immer aus Überzeugung, sondern oft aus Feigheit. Der
Grund ist aber relativ unwichtig.
Mit letzterem täuscht du dich ganz gewaltig. Es ist immer leicht, gegen etwas zu sein, was einen benachteiligt. Aber wer ist schon gegen etwas, von dem man im Wesentlichen profitiert ? Das hat mit Feigheit überhaupt nichts zutun, eher schon mit Gleichgültigkeit.
Wenn es dir tatsächlich darum geht, aus der Geschichte zu lernen, sind Gründe für ein bestimmtes Verhalten das Allerwichtigste. Gründe sind nämlich im Gegensatz zu bestimmten geschichtlichen Konstellationen zeitlos.
- Dass in Deutschland immer noch Antisemitismus herrscht,
kann man fast täglich in der Tagespresse nachlesen.
Tatsächlich ? Hier herrscht Antisemitismus ? Er ist also in Deutschland dominierend ? Wie kommt es dann, dass eine Partei einen Abgeordneten ausschließt, weil er vermeintlich Antisemitisches äußert ? Ist es nicht eher so, dass in Deutschland Antisemitismus als gesellschaftliche Randerscheinung vorkommt? Ja, sicher…und ? In Deutschland werden auch täglich Frauen vergewaltig (kann man fast täglich in der Tagespresse nachlesen), dennoch würde ich nicht sagen, dass Vergewaltigung die herrschende Interaktion zwischen Männern und Frauen in D ist.
- Italien hat hiermit nichts zu tun. Aber wenn du darüber
reden willst, bitte: Ich bin gegen Berlusconi, gegen
Mussolini, gegen die Faschisten und die Nationalisten. Und
zwar in jedem Land.
Das ist zwar lieb, dass du das sagst, aber entweder man redet über Antisemitismus und Faschismus (was kein national begrenztes Phänomen ist) oder man redet über deutsche Geschichte. Also worüber wolltest du reden ? Oder bist du der Meinung, es gibt heutzutage einen ganz speziellen deutschen Antisemitismus, der sich von dem Antisemitismus anderer Länder unterscheidet ? Das fände ich mal einen interessanten Diskussionsansatz. Wäre aber vielleicht dann einen neuen Thread wert.
Nur zur Erinnerung: wir leben hier und jetzt im Jahr 2003
nicht zwischen 1933 und 1945, das ist Geschichte!
Ach, ja, das übliche bequeme Argument. Dann vergessen wir
alles, wir haben damit nichts zu tun, es geht uns gar nichts
mehr an.
Das kannst du halten wie du willst. Entscheidend für die Menschen heute ist jedoch was heute passiert, und ein paralysiertes Starren in die Vergangenheit wird heute niemanden vor Verfolgung retten. Es ist im Gegenteil sogar recht bequem, denn über die Vergangenheit lässt es sich vortrefflich „schockiert“ sein, ohne dass man möglicherweise der Unbequemlichkeit nachgeben muss, in irgend einer Weise zu handen.
Ich nehm dir im übrigen nicht übel, dass du deutsche Vergangenheit sehr mit deutscher Gegenwart verknüpfst, das ist nichts ungewöhnliches bei Menschen, die sich nur mit wenigen (hauptsächlich geschichtlichen) Aspekten eines Landes auseinandergesetzt haben. (Umgekehrt passiert das ja häufig auch, die USA werden z.B. vielfach mit Sklaverei, Genozid an den Ureinwohnern etc. in Verbindung gebracht und GB häufig mit dem Commonwealth und Kolonialismus). Allerdings musst du dich dann auch nicht wundern, wenn ab und an der mehr oder weniger dezente Hinweis kommt, dass man heute das Jahr 2003 schreibt.
Und wenn du dann noch dich über Antisemitismus in D „nicht wunderst“ und zudem noch versuchst, eine historische Verbindung herzustellen („Ich leide an Halluzinationen und Deutschland ist nicht und war noch nie antisemitisch.“) ich befürchte, dann bewegest du dich in ziemlich flachen Gestaden. Schade eigentlich.
Gruss
Marion