Hallo Patrick,
gleich vorweg, ich muss mich hier wohl ebenfalls angesprochen fühlen, daher will ich ein paar Worte dazu schreiben. Dies soll jedoch keine Rechtfertigung für meine Kritik am ZdJ sein, eine solche halte ich per se nicht für notwendig, solange, wie durch mich erfolgt, eine Begründung für die Argumentation an sich vorliegt.
ich las gerade unten stehende Threads zum Thema des
Hitlervergleiches und der Äußerungen Möllemanns.
Und dabei ist mir folgendes schmerzlich bewusst geworden:
Deutschland ist wirklich nicht weit davon entfernt,
antisemitisch zu sein!
Ich denke, dass gerade eine Diskussion wie die hier erfolgte Deutschland auf den Weg zu weniger Antisemitismus führen kann. Schließlich muss man in einer Demokratie alle das Land betreffenden Themen diskutieren und diskutieren dürfen. Dieses Recht erkämpft man sich gerade auch beim Thema jüdische Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland. Natürlich findet diese Diskussion kontrovers statt, allerdings sollte man nicht die alten Fehler wiederkäuen, indem man Leute, die von der 50 Jahre lang gelebten Ansicht abweichen, pauschal als Antisemiten beschimpft. Wir haben noch keine Lobby wie die politisch korrekte Lehrerschaft und den ZdJ, die für uns Klage führen könnte, daher müssen wir uns auf guten Diskussionsstil berufen, was ich hiermit nochmals tue.
Alleine das Augenmerk, welches wir auf die Intervention des
Zentralrates der Juden richten (im Vergleich zu öffentlichen
Äußerungen anderer offizieller Organe) ist ein Symtom für eine
solche Haltung.
Nein, das ist eher ein Symptom für die Notwendigkeit dieser Diskussion. Schließlich liegt ebendieses Augenmerk auf beiden Seiten…
Auch die Reaktion auf solche Äußerungen (die sollen sich
raushalten bzw. sich nur in die Dinge einmischen, welche sie
wirklich angehen bzw betreffen) ist ein weiteres Symtom.
Das ist mir persönlich zu undifferenziert.
Hier soll sich niemand „raushalten“, allerdings muss man auch oder vor allem von einer Institution wie dem ZdJ erwarten dürfen, dass man sich fair verhält. Und genau diese Fairness ist in der Argumentation von Bubis, Spiegel und Friedmann (bedingt auch bei Knobloch) absent.
Und wie werden solche Menschen kategorisiert? Nach Funktion,
Amt, Stattsangehörigkeit? Nein, sie werden als erstes als
Juden kategorisiert.
Sie kategorisieren sich vornehmlich selbst als „Juden“, als „noch nicht integriert“, als „von neuem Antisemitismus bedroht“ u.ä.
Wie soll man darauf reagieren? Kritiklos? Betroffen?
Ich denke, man muss solchen Ansichten entgegentreten, denn wir alle wissen, dass die Deutschen keine Antisemiten sind und auch nicht vorhatten Bubis` Grabstein anzumalen.
Auch sind die Vorwürfe überwiegend gegen die Form, nicht gegen
den Inhalt gerichtet.
In meinem Fall sind die „Vorwürfe“ v.a. gegen den Inhalt, aber natürlich auch gegen die Form gerichtet.
Aber hat Friedmann - selbst wenn man ihn
aufgrund seines zugegebenen arroganten Auftretens nicht mag -
inhaltlich nicht recht?
Natürlich nicht.
Der (alte) Vorwurf Möllemanns, eine
antisemitische Haltung werde vor allem durch das Verhalten
durch Mitglieder der jüdischen Gemeinde erzeugt ist doch
tatsächlich pure Polemik und im Übrigen nichts anderes als
faschistische Stimmungsmache.
Nein, das ist die bittere (Teil-)Wahrheit.
Das funktioniert auf die selbe Weise bei ausländischen Straftätern, mit denen gesetzestreu lebende Ausländer schnell in einen Topf geworfen werden. Das hat gar nichts mit „Polemik“ oder „faschistischer Stimmungsmache“ zu tun. Vielmehr geht es hier um elementare Kommunikationsmechanismen.
Ursache und Wirkung sind in anderen Beispielen seit Jahrhunderten bekannt. Eines habe ich ja schon geliefert.
Nur in dem Fall der (zufällig jüdischen) Volksverhetzer Bubis und Friedmann soll das plötzlich anders sein? Naja…
Angesichts solcher Behauptungen des Politikers finde ich die
Reaktion z.B. des Zentralrates der Juden noch ziemlich
zurückhaltend.
Ich halte sie für unangemessen.
Was mich aber - wie gesagt am meisten stört: warum werden die
Äußerungen seitens des Zentralrates immer so besonders
kritisch gesehen.
Werden sie nicht. Die Argumentation beider Seiten, oder besser gesagt: aller Beteiligten, werden hier aus geschichtlichen Gründen sehr kritisch gesehen. Das gilt eben auch für den ZdJ. Für selbigen wird die Diskussion natürlich langsam schwieriger, da nach 60 Jahren nun einfach auch mal nachgehakt wird und nicht jede antideutsche These sofort kopfsenken angenommen oder zumindest akzeptiert wird.
Daran wird man sich jedoch gewöhnen müssen, denn kein mental gesunder Mensch meiner Generation wird sich ernsthaft vorwerfen lassen, für Naziverbrechen verantwortlich oder ein Antisemit zu sein.
Ich habe den Eindruck, die Oberen des ZdJ tun sich einfach schwer mit einer sachlichen Diskussionskultur. Diese wird aber immer mehr gefragt sein, wenn man wirklich daran interessiert sein sollte, auch(!) Juden als gleichwertige Mitglieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Mir scheint, die Deutschen sind es müde geworden, sich für
eine dunkle Vergangenheit verantwortlich zu fühlen,
rechtfertigen zu müssen und zu schämen (vielleicht sogar zu
Recht).
So ist es.
Aber: warum muss man - diese Vergangenheit immer noch im
Hinterkopf - auf Kritik, welche auch dieses schmerzliche Thema
betrifft, immer überreagieren?
Meines erachtens wurde keineswegs „überreagiert“, es wurde nicht sofort abgenickt. Das ist natürlich schwer zu vertragen, da bislang ja immer ohne die Gefahr der Gegenkritik gehetzt werden konnte.
Ist dies eine Form der
Verdrängung und damit verbundenen Gegenangriffs?
Das ist eine Form der sachlichen Diskussion.
Dann seid doch lieber ehrlich zu euch selber, Leute, und steht
auf und sagt euch: was vor 50 Jahren in Deutschland geschehen
ist, ist furchtbar und schrechlich gewesen (wenn diese Worte
ausreichend wären). Aber: Ich habe damit nichts zu tun. Und
ich sehe nicht ein, für das Tun und Handeln meiner Vorväter
zur Verantwortung gezogen zu werden. Ich distanziere mich von
solchen Taten - und bedaure diejenigen, welche damit
sympathisieren. Zwar bin ich ein Angehöriger des deutschen
Volkes und somit auch ein angehöriger der deutschen
Vergangenheit, aber ich verlange, als Mensch und nicht als
„Deutscher“ beurteilt zu werden.
Wenn Ihr diese Haltung für euch selber entwickeln könnt, dann
gelingt es vielleicht auch, andere in erster Linie als
Menschen und nicht als Vertreter einer Rasse oder Religion zu
sehen.
Ich habe eine sehr ähnliche Haltung. Lediglich die Komponente der „Verantwortung für die Vergangenheit“ definiere ich für mich sehr genau, denn ich möchte nicht, dass auf deutschem Boden oder sonst wo in der Welt, wo wir es verhindern können, jemals wieder Dinge geschehen wie von 1993 bis 1945.
Allerdings möchte ich auch nicht den Begriff „Verantwortung“ gleichgesetzt sehen mit „ewige Schuld“, „ewige Zahlungsverpflichtung“, „Unmöglichkeit des Verzeihens“ u.s.w.
Aus dieser Haltung heraus entstehen dann zwangsläufig Diskussionen wie die obige, sie werden nicht etwa vermieden. Das war Dein Denkfehler.
Grüße,
Mathias
P.S.: bitte bei einem evtl. Antwortposting nichts löschen, sonst sind die Eckpunkte der Debatte nicht mehr nachvollziehbar!