Vielleicht geht es ja um ‚Zeugnisablegung‘
Hi Iris,
vorweg:
Ich glaube, die Frage danach, „wie man reden darf“ wird in Religionen auch als Frage des „Zeugnisablegens“ bezeichnet. Das ist nur eine schwache Erinnerung von mir, da ich seit langen Jahren Atheist bin. Dennoch bitte ich (die Mod.) um Zulassung meines Beitrages im Sinne eines Dialoges auch mit Atheisten.
Nunmehr zur Sache:
Wenn Herr Friedmann Kritik an seiner Person als
„antisemitisch“ betrachtet, nimmt der Mann sich arg wichtig.
Darum ging es bei der Diskussion nicht - siehe auch Brett
Politik „Inland“, sondern um den Sachverhalt, daß von
Möllemann gesagt wurde, das Verhalten von Friedman bzw.
Scharon fördere Antisemitismus hierzulande.
In diesem „Rückwirkungsstreit“ scheint mir der Kern der ganzen Kontroverse zu liegen. Ich nehme zur Kenntnis, dass es eine politische Definition eines historisch-politischen Antisemitismusbegriffs gibt, der die Behauptung einer Rückwirkungsmöglichkeit von Verhalten (staatlichem, von Organisationen oder Personen, die irgendwie auch jüdisch verortet sind oder verortet werden) auf „den Antisemitismus“, als „Bedienung einer antisemitischen Stereotype“ definiert.
Ich sage, eine politische Definition, nicht etwa eine „jüdische Definition“, zumal mir diese Definition eher spitzfindig-deutsch als sonstwie anmutet. Das mit dem spitzfindig-deutsch, müssten die Deutschen jetzt mal wegstecken.
(Bräuchten sie eigentlich nicht, aber solange es als nicht als heikel gilt, die Formel „typisch deutsch“ ausschliesslich bei negativ gemeinten Charakterisierungen anzuwenden, mache ich da mal einfach mit. Wäre das allerdings mal explizites Thema, dann würde ich das auch mal explizit anprangern.)
Im Sinne seiner bestimmten politischen Definiertheit gewinnen Friedmann und alle, die das so sehen wollen, natürlich jedes Wortspiel um die Frage, ob jemand sich antisemitischer Ressentiments bedient, wenn er Sharon oder sonst wen zeiht, die antisemitische Karte zu spielen. Dieses Sprachspiel bin ich bereit zu respektieren, in dem Sinne, dass ich es vermeide, weil ich es für intellektuell blöde halte.
Wenn ich allerdings irgendwie zum Ausdruck bringen möchte, dass ich der Meinung bin, Sharon schade der Sache Israels, dann möchte ich gerne ein anderes Sprachspiel spielen, als das, wie das, des oben beschriebenen historisch-politisch definierten Antisemitismusbegriffs.
Mein Sprachspiel folgt den Regeln, nach denen man sagen kann, dass Figuren wie Idi Amin, oder Majestät Bokassa der Sache Afrikas, das Sache des Antikolonialismus, ja vielleicht sogar der Sache des Antirassismus geschadet haben. Ich kenne keinen Schwarzen, der sagt, dass eine solche Behauptung, Ressentiments einer „Anti-Negritude“ (Negritude im dem Sinne, wie ihn der senegalesische Politiker und Poet Senghor geprägt hat) benutze, adressiere oder nähre. unjd ich wüsste auch nicht, dass Schwarze, die sagen, Amin oder Bokassa seien a shame for the black people, dahingehend angegangen würden, sie redeten einem angepassten Uncle Tom Leitbild das Wort.
Ich kann die Frontstellung, die viele Juden gegen jedwede „Empfehlung“ zu Anpassung und Wohlverhalten einnehmen, aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Wie komme ich als Nichtjude denn dazu? Nun, ich habe einmal eine längere Geschäftsreise mit einem jüdischen Kollegen (polischer Familienherkunft) durch Polen unternommen. Der Kollege ist von seinem Verhalten her ein ausgesprochen zurückgenommener, „profilscheuer“ und um jedwede Aneckungsvermeidung bemühter Mensch. (gewesen, vielleicht hat er sich geändert). Die „Bilanz an Antisemitismus“ bei unseren polischen Gesprächspartnern war verheerend. So etwas hatte ich noch nie vorher erlebt. Fast jeder Pole, mit dem wir gesprochen hatten, fand irgendeine „Gelegenheit“, mich zu fragen, warum ich mich denn „mit Polen“ abgeben oder einlassen würde, was die denn inzwischen in Deutschland alles zu sagen hätten usw. Es war eine echte Katastrophe, nervlich, völkerfreundschaftlich, sozial, persönlich, freundschaftlich und geschäftlich. Ich habe darüber ein sehr schwieriges Gespräch mit dem Kollegen geführt und wir haben beschlossen, die nicht vertuschbare (geschäftliche) Dimension des Desasters als mangelnde Reife des polnischen Marktes für unsere tollen Produkte nach oben auszugeben. Da hatte es Pech, der polnische Markt und musste noch etwas warten auf die Segnungen westlicher Produkte. Aus dieser Erfahrung heraus, empfinde ich die Abneigung vieler Juden gegenüber jedweder „Konformitätsempfehlung“ als eine, die ich auch an den Tag legen würde.
Soweit also d’accord. Nur folgt daraus nicht, der nach meinem Empfinden allzu simple Umkehrschluss, jeder Mensch sei, wenn er ein Jude ist, (Staaten, Organisationen analog) mithin per se von jedweder Anlastbarkeit eigenen Verhalten freizustellen, weil die Antisemiten halt sowieso hassen, wie sie wollen. Sicher, es gibt solche Leute, aber es gibt nicht nur solche Leute. Ich vermute, dass es ein paar Leute gibt, die in völliger „Naivität“ sich enie Meinung über Israel nicht anders bilden, als die es bei Uganda tun. (Ich vergleiche hier nicht Sharon mit Idi Amin, sondern die unterschiedliche Zulässigkeit einer Zurechnung von Politikerverhalten zum „Staatsimage“) Diese Leute, die vielleicht sagen, dass sie keine Produkte aus einem Land kaufen wollen, von dessen Staatschefpolitik ihnen graut, die haben sicher eine Debatte über den Sinn und Unsinn von Boykotten verdient und Hinweise darauf, dass eh immer die Falschen leiden. Nur in dem Fall, dass ihre Boykottidee mal Israel trifft, passiert etwas völlig anderes. Da werden sie auf einmal in die Tradition nationalsozialistisch-antisemitischer Boykotthetze a la “Kauft nicht bei Juden“ gestellt.
Die Ungleichheit in der Zulässigkeit, eine Rückwirkung von Verhalten auf „Image“ annehmen zu dürfen, an dieser „Sonderlogik“ entzündet sich der Streit. Ich rechne diese Sonderlogik ausdrücklich nicht einem „jüdischen Denken“ zu, sondern sehe sie viel eher als ein akademisches Projekt der deutschen (z. Tl. auch europäischen) intellektuellen Linken. Was die Linke macht, ist mir egal, die kann sich von mir aus schaden, wie sie will. Soweit das ganze als „intellektuell“ gelten soll, halte ich es für einen Skandal und sage das dort, wo man intellektuell sein will. Soweit es doch als ein Teil „jüdischer Identität“ gelten soll, soweit ist es mir auch egal, weil es eine dann wohl wirklich eine „jüdische Angelegenheit“ ist, die mich als tief überzeugten Atheisten nicht zu scheren hat. Soweit sich allerdings das Ganze zu einer Debatte auswächst, von der ich den Eindruck habe, dass der Platz, den sie einnimmt, anderen Themen schmerzhaft fehlt, versuche ich deutlich zu machen, wie diese Debatte sich auflädt, und warum sie zu nichts führt. Ich war mal religiös. Damals hätte ich diese Debatte als gotteslästerlich charakterisiert. Gut, dass diese Schärfe weg ist.
Der Antisemitismusbegriff ist eine Sache seiner Anhänger. Die, die ihn nicht kennen und trotzdem benutzen, fallen natürlich rein, machen sich lächerlich und können dann leicht von Friedmann und anderen Menschen, denen Medienwirksamkeit nachgesagt wird, „vorgeführt werden“. Die ganz schlichten Naturen fühlen sich dann gegängelt und gemein behandelt, anstatt mal in einem guten Rhetorikbuch nachzulesen, wie man so etwas macht.
Und am Ende haben wir einen völlig unheiligen Streit, bei dem die antiantisemitische Kritik auf alles dann schießt, was sich bewegt, wenn die Stereotypsensoren Berührung melden, was sie tun, sobald ein kritisches Wort auf eine jüdische Angelegenheit und deren „Imagewirkung“ Bezug nehmen will.
Ich erkenne an, dass die Monströsität der Erfahrung der Shoah, nach schützenden Tabus verlangt. Das nehmen andere Gruppen bei (weit) weniger mönströsen Leiderfahrungen auch; in Anspruch; Schwule, Frauen (soweit von feministischem Selbstverständnis) Behinderte, Schwarze, alle die, die Verfolgung, Diskriminierung und Leid in einer Ecke von Minderheit oder Marginalisierung erfahren haben. Das bildet dann eben die allgemeine Kultur der politischen Korrektheit, zu der jeder die Haltung finden mag, die zu ihm passt.
Nur: Die semantische Konstruktion des Antisemitismusbegriffs lässt den Nichtkennern keine Chance einer stereotypfreien kritischen Kommunikation.
Tausende von Menschen verschören sich Jahr für Jahr gegen oder für etwas (stellen jedenfalls US-Gerichte fest) Sind unter diesen Menschen auch Juden? Wenn „ja“ dann ist die Antwort, eine Überführung des Beantwortenden, das antisemitische Stereotyp einer „jüdischen Verschwörung“ zu bedienen. Wenn „nein“, dann haben wir einen Fall von Philosemitismus, einer raffinierten nachkriegsdeutschen sekundär-antisemitischen Variante.
Die Leute durchschauen das Spiel nicht, fallen auf die Nase und sind beleidigt. Und dann kommen die Möllemänner und sagen, ey Leute, ist doch doof, das man uns immer so vorführt.
Und die Friedmänner sagen, da haben wir es, schon wird wieder für die Antisemiten zu sammeln geblasen.
Wie gesagt, soweit das als intellektuell gelten soll rechne ich mit diesem begrifflichen in-sich-Geschäft in aller Schärfe, soweit es eine staatsräsonpolitische Konsequenz aus der Geschichte sein soll auch. Was mich enttäuscht, aber das ist mein privates Bier, ist dass ich meine hohe Meinung vom jüdischen Humor (ohne Anführungsstriche) irritiert fühle. Wer die Torheit der Welt so vorführen kann, der müsste über solchen Sprachspielen stehen. Ob Friedmann einen jüdischen Witz kennt? Ich finde, daran begründet er Zweifel.
Mich würde wirklich eine Antwort von dir interessieren. Anderen Leuten habe ich auch schon weniger geschrieben, weil mich da eine Antwort weniger interessiert hatte.
„Stimmt es dass die Juden so reich sind?
Das will wohl sein, wo sie doch für alles bezahlen müssen“
Das finde ich zehnmal souveräner und weiser als uns „Hoppla, Friedman“; übrigens auch bei anderen Themen.
Mehr Chuzpe!
Thomas