Wenn ich eine Bürokraft brauche…
… Wenn es schwer ist, Schreibkräfte mit Computerkenntnissen :zu finden…
Hallo Ralf,
das Eingehen auf alle anderen Punkte Deines Postings kann ich uns ersparen, weil die Aussage am Anfang schon die ganze Problematik beinhaltet. Ich schrieb etwas von Bürokraft und Du machst eine Schreibkraft daraus. Dazwischen liegen Welten, die beiden Anforderungsprofile haben nicht einmal Ähnlichkeiten.
Am Arbeitsmarkt finden sich tatsächlich genügend Leute, die eine einzige Tätigkeit ausfüllen können. Das sind die Menschen, die bei geringfügiger Veränderung des Anforderungsprofils hinten herunter fallen. Um im Beispiel zu bleiben: Reine Schreibkräfte wurden tatsächlich früher gebraucht. Ganze Räume voller Schreibkräfte in Gerichten, Firmen, überall. Das leistet sich heute niemand mehr, das kann sich niemand mehr leisten. Die Menschen müssen heute deutlich breiter qualifiziert sein. Die Fähigkeit, einen Brief nach Diktat oder Band zu schreiben, reicht zum Broterwerb nicht mehr.
Jede Kraft kostet einschließlich Krankheit, Urlaubskosten und Sozialversicherung 60.000 DM im Jahr. Um das bezahlen zu können, muß man in meiner Branche den Überschuß aus 300.000 DM Umsatz verwenden. Ja, zum Teufel, wo soll denn das alles herkommen? Ein kleiner Betrieb - und das ist nun einmal das Gros unserer Wirtschaft - schafft eine oder wenige Mio Umsatz p. a… Da ist einfach nichts übrig, um Leute durchzufüttern, die unzureichend einsetzbar sind. Ich kann auch nur jeden Unternehmer davor warnen, sich mit solchen Leuten zu belasten, weil die nämlich das Jahresergebnis auffressen.
Die betriebsspezifischen Dinge muß jeder Betrieb natürlich selbst leisten und vermitteln. Damit ist er bis an die Halskrause belastet. Wenn ein Betrieb Ausbildung leisten will und kann, muß er einen Auszubildenden einstellen, aber keine voll zu bezahlende Kraft.
Wer heute noch glaubt, auf schmaler Spur sein Berufsleben hinter sich bringen zu können, ist gründlich schief gewickelt. Das gilt übrigens auch für die von Dir erwähnten Friseure oder Verkäufer. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Kunde sich nicht einfach nur die Haare schneiden lassen will, sondern vorher auf dem PC-Bildschirm sein Konterfei samt neuem Haarschnitt sehen möchte. In wenigen Jahren sind alle Supermärkte heutiger Art verschwunden. Dann brauchst Du keine Kassiererinnen und keine Regalauffüller mehr, dann gehst Du durch die Gänge, von jedem Artikel steht dort genau ein Stück, das der Kunde nur antippt und wenn er den Laden verläßt, steht dort die Tüte mit der Ware und das Geld ist von der Geldkarte abgebucht.
Die Altersstruktur der Bevölkerung wird es absehbar für Betriebe unumgänglich werden lassen, auch ältere Arbeitnehmer einzustellen, so sie denn nicht völlig verknöchert nur noch an Rente denken. Wer heute 50 Jahre alt und arbeitslos ist, sollte ruhig noch einmal etwas ganz Neues lernen, immerhin sind es noch volle 15 Jahre bis zur Rente, wahrscheinlich sogar eher mehr.
Das alles können nicht die Betriebe leisten. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe und eine Aufgabe für jeden Einzelnen. Wenn wir uns dieser Aufgabe nicht schleunigst, mit aller Kraft und sehr viel Geld stellen, gibt es nichts, was uns davor bewahrt, binnen kurzer Frist auf dem Wohlstandsniveau Portugals oder Polens zu landen. Wir können es uns nicht länger leisten, daß junge Leute die Schule verlassen und gerade noch ihren Namen schreiben können. Wie wichtig übrigens die von mir erwähnten Kenntnisse unseres wirtschaftlichen und sozialen Systems sind, zeigt sich bei einem Blick auf Struktur und Personalstärke des öffentlichen Dienstes und auf Deine Postings. Mit dem Wissen, daß wir nur ausgeben können, was zuvor erwirtschaftet wurde, wäre es nie zur vorhandenen aufgeblähten öffentlichen Verwaltung gekommen. Mit dem gleichen Wissen käme auch niemand auf die Idee, dem Freiberufler oder selbständigen Handwerker die Grundlagenausbildung der Arbeitnehmerschaft aufbürden zu wollen.
Gruß
Wolfgang
