Guten Abend!
Meine Liebhaberei Dorfchroniken, zeitgenössische Schulbücher und Zeitungen laßt Zeitgeist pur schnuppern. Dabei bemerkt man, daß das Deutsche Reich auch nach 1918 in seiner Befindlichkeit noch ein Kaiserreich war, ein obrigkeitlicher Staat ohne verwurzeltes demokratisches Bewußtsein. Die Weimarer Republik war eher ein Betriebsunfall nach dem 1. Weltkrieg, eine Verlegenheitslösung ohne größeren Rückhalt in der breiten Bevölkerung. Typische Verhältnisse z. B. in Mecklenburg waren von großen Gütern adeliger Familien geprägt, in deren Umgebung bis in die 40er Jahre faktisch Leibeigenschaft herrschte. Das war kein Boden, auf dem Gedanken an eine Demokratie vom Zuschnitt der heutigen Bundesrepublik entstehen konnten. (Anm.: In abgelegenen, dörflichen Gegenden Westdeutschlands fanden sich ausgesprochen feudalistische Strukturen bis in die 50er Jahre!).
Die sich ab 1920 aus kleinen Anfängen formierende NSDAP verstand es im Laufe der Zeit, für breitere Kreise anziehend zu wirken, als es untereinander zerstrittene Kommunisten und Sozialisten vermochten. Bei den Nazis fühlten sich schließlich große Teile der Arbeiterschaft wohl und ein striktes Führerprinzip mit klaren Verhältnissen, wo oben und unten ist, war dem Landadel allemal lieber als etwa Sozialdemokratie.
Die NSDAP kam 33 nicht durch Putsch und Gewalt an die Macht, sondern durch Wahlen. Nach 1933 wurden die Rüstungsbeschränkungen von Versailles ignoriert, es wurde aufgerüstet, dem Militär Priorität eingeräumt. Im Dt. Reich entsprach es langer Tradition, daß viele Wehrmachtsoffiziere dem Adel entstammten. Diese Kreise identifizierten sich mehrheitlich mit der wachsenden Bedeutung des Militärs. Spätestens nach dem schnellen Polen-Feldzug waren die meisten Deutschen schier besoffen; von nur einer herrschenden Partei konnte keine Rede mehr sein, es war tatsächlich Nazi-Deutschland.
Der Rassenwahn mit abstrusen Zügen, die organisierte Vernichtung von Minderheiten und der jüdischen Bevölkerung sind Ideen der Nazis, nicht jedoch der Antisemitismus, der schon viele Jahrhunderte alt ist und im Dt. Reich mehr oder weniger zum Alltag gehörte.
Vor dem Hintergrund dieser Prise Zeitgeist läßt sich mit Sicherheit sagen, daß die Leute um Graf v. Stauffenberg keinen Umsturz in Richtung Demokratie planten und sich wenig an Mord- und Vernichtungsaktionen störten. Sie hatten nur früher als der Gröfaz eingesehen, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Sie wollten dem aussichtslosen Krieg ein Ende setzen, aber gewiß nicht dem Dt. Reich, vermutlich nicht einmal der Diktatur. Ein Waffenstillstand und Friedensverhandlungen waren die Ziele, während es über Details des Staatswesens bestenfalls diffuse Vorstellungen gab. Es waren Militärs, aber politische Amateure.
Wollten sie mit den :anglo-amerikanischen Truppen :kollaborieren, die ja, wie :wir wissen, „für Deutschland“ :kämpften…
Die Alliierten wollten ihren Gegner vernichtend geschlagen sehen und hatten Vorstellungen über die Aufteilung ihrer zukünftigen Einflußbereiche. Für Dt. lief da rein nichts, jedenfalls nicht bis zum Kriegsende und einige Zeit danach. Jede andere Erwartung wäre weltfremd.
Wir müssen letztlich heilfroh über den Einsatz aller Alliierten einschließlich der Russen sein, insofern kämpften sie tatsächlich für Deutschland, ohne es zunächst selbst zu wollen oder zu wissen. Weder die Attentäter v. 20. Juli 44 hatten Demokratisches im Sinn, noch hätte es dieses Volk absehbar aus eigener Kraft zustande gebracht, sich aus seiner obrigkeitlich-feudalistischen Tradition zu lösen. Unsere heutige parlamentarische Demokratie beruht in ihren Anfängen auf einer von den Alliierten verordneten „Revolution“. Von innen aus eigenem Antrieb fand dieses Volk keinen Weg zu demokratischen Strukturen.
Ich halte die Glorifizierung der Attentäter v. 20 Juli 1944 für zweischneidig. Mindestens trifft die Bezeichnung „Widerstandshämpfer“ nicht den Kern. Es war nämlich mitnichten Widerstand gegen das Regime, mit dem man sich ansonsten zu arrangieren verstand; es war kein Widerstand gegen Diktatur, nicht gegen die Vernichtung von Juden und Minderheiten, ja nicht einmal Widerstand gegen den Krieg, denn gegen Krieg mit der Unterwerfung anderer Völker hatte keiner der Herren etwas einzuwenden. Es war nur Widerstand gegen die Fortsetzung des aussichtslos gewordenen Krieges. Das alles mit dem Ziel, das Deutsche Reich in seiner Vorkriegs(staats)form zu erhalten.
Gruß
Wolfgang