Selbstdiagnosen
Hi Ann
kann es sein, daß dieses borderline „nur“ eine ausrede dafür
ist, sich danebenbenehmen für dürfen wie eine wilde sau?
Hier meinst du vermutlich, daß eine bestimmte Person sich selbst unter dem Schutzmantel einer nur vorgeblichen (vielleicht angelesenen, siehe http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…) psychischen Störung Freiraum für ein antisoziales Verhalten verschaffen will? So nach dem Motto „ich bin Bordi, ich darf das“?
Nun ist gerade das KEIN charakteristisches Verhalten für BL. Denn zu der als die eigene empfundenen Problematik des Borderliners gehört gerade, daß ihm sein (immer) situationsgebundenes Ausrasten im Nachhinein entfremdet erscheint, OBWOHL er es zugleich aus der aktuellen Situation rechtfertigt. Er rechtfertigt sein Verhalten jedenfalls nicht aus der Tatsache, daß er (vorgeblich) Borderliner sei.
Sofern er sich selbst überhaupt als „krank“ empfindet (was selten vorkommt - anders gesagt: nur bei solchen, die von sich aus eine Therapie aufsuchen), bezieht sich das auf innerpsychische Vorgänge (die sehr unterschiedliche sein können), aber nicht auf sein interaktives Verhalten, das ja nicht ihm, sondern der Umwelt auf den Keks geht.
Andererseist deutet sich ja in deinem „wie eine wilde Sau“ an, daß eine Störung des Sozialverhaltens jedenfalls vorhanden ist. Der Ausdruck ist allerdings zu unspezifisch, um zu zeigen, in welche Richtung da zu denken wäre (zu „diagnostizieren“ natürlich sowieso nicht). Bei der sog. antisozialen PSt würde man es jedenfalls eher finden.
oder sagen das die psychotherapeuten, wenn ihnen nix anderes mehr einfällt?
Nach unserer Erfahrung kann man natürlich nicht sagen, daß das nie vorkommt. Andererseits darf man nicht übersehen, daß es bei so komplexen Angelegenheiten wie Persönlichkeitsstörungen für den Praktizierenden nicht immer einfach ist, eine personale Erscheinungsweise in das verhältnismäßig rigide Muster diagnostischer Kategorien abzubilden.
Es ist auch nicht durchgängig selbstverständlich, daß Therapeuten ihren Patienten eine diagnostische Kategorie outen, bevor sie überhaupt tiefer in die Gespräche eingestiegen sind.
also klipp und klar: ist borderline eine krankheit?
Man nennt Persönlichkeitsstörngen nicht „Krankheit“ sondern eben „Störungen“ - und faßt sie weitgehend als Störungen des interpersonalen Verhaltens auf.
(wobei sich natürlich gleich wieder lästerlicherweise die
frage aufdrängt, ob in dem fall nicht das familiäre umfeld des
borderliners eher zu bedauern als der kranke selbst?)
Das ist gar nicht lästerlich, es stimmt ja. Und daher ist es manchmal für die nähere Umgebung des Betroffenen leichter, ihn als „krank“ aufzufassen: Das hilft, die Attacken besser abfangen zu können und man kann vermeiden, sie unmittelbar auf sich zu beziehen. Und vor allem hilft es, die meist sinnlosen Grübeleien zu dämpfen, warum sich der Betreffende in einer gegebenen Situation so verhielt, wie er sich verhielt: Sein Verhalten läßt sich eben NICHT aus der Situation heraus ergründen.
mir scheint, daß borderline z.z. sehr hoch in mode ist.
Das ist zweifellos zu kurz gegriffen. Wie früher schon mal gesagt, ist nicht ganz klärbar, ob gewisse sich psychische Störungen mit Kulturentwicklungen synchron häufen, oder ob nur die Aufmerksamkeit der Diagnostizierenden verstärkt auf bestimmte Phänomene gelenkt wird. Oder ob man in Interpretation und Verständnis bestimmter Phänomene Fortschritte gemacht hat und sie daher eher erkennt als vorher. Für alle drei Möglichkeiten gibt es Beispiele.
Aber diese Frage hilft dir ja bei dem genannten Beispiel eh erstmal nicht weiter, denk ich?
Übrigens ist SVV allein kein Hinweis auf BL. Es kommt bei BL allerdings häufig auch vor.
mein problem ist einfach nur, daß ich es absolut nicht abgrenzen kann, wann es sich um eine krankheit handelt … und wann um eine modeerscheinung…
Das mit der Modeerscheinung kannst du vergessen. Es könnte manchmal eine Modeerscheinung sein, sich oder anderen bestimmte gehäuft im Umlauf befindliche Namen von Störungen anzudichten, aber nicht, diese Störungen zu haben und unter ihnen zu leiden. Wenn letzteres so wäre, würde es sich um ganz andere Störungen handeln als die vermeintliche.
Es kann aber vorkommen, daß jemand sich eine Störung andichtet, um Druck auf seine Umwelt (Schuldzuschreibungen z.B.) auszuüben.
oder noch anders ausgedrückt: wann ist es ein(e)
behandelbare(s) (behandlungs"würdige"?) krankheit/symptom -
und wann vielleicht für den kranken ein begriff, unter dem er
alles ablegen kann, mit was er sich nicht weiter
auseinandersetzen will?
Die Frage ist, ob das eine Alternative ist. Denn auch, wenn man (affektgeladen und genervt) dem anderen zu unterstellen geneigt ist, daß er sich mit etwas nicht auseinandersetzen will, könnte ja gerade das Symptom einer Störung sein. Nur: In Richtung BL deutet das nun mal gerade nicht.
Gruß
Metapher