An Dilarah, W. Berger und alle Interessierte
Jetzt wird es ausführlich und grundsätzlich!
Ich kann eure Bedenken, die von WB noch sehr viel weniger als die von D, nicht teilen, und nur schwer nachvollziehen.
Könnte es nicht sein, dass ihr eure Befindlichkeit angesichts einer Neuerung, die sub specie aeternitate, ja selbst im Horizont der normalen Menschen, der in günstigsten Fall von den Großeltern bis zu den Enkeln reicht, marginal ist, zu wichtig nehmt.
Habt ihr schon mal den Lutherischen Bibeltext im Nachdruck der Urfassung in der Hand gehabt und mit einer Ausgabe von 1800, mit einer von 1900 und einer von 2000 verglichen?
Goethes Werther in der Erstausgabe mit der Ausgabe der letzten Hand und einer aus unserer Zeit nebeneinander gestellt?
Haben diese Texte etwas an ihrem Gehalt verloren?
Das folgende ist ein Absatz eines Aufsatzes von Hölderlin, zuerst nach seiner handschriftlichen Fassung gedruckt, dann so wie er in einer Studienausgabe erscheint.
_Seyn -, drükt die Verbindung des Subjects und Objects aus. Wo Subject und Object schlechthin, nicht nur zum Theil vereiniget ist, mithin so vereiniget, daß gar keine Theilung vorgenommen werden kan, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll zu verlezen, da und sonst nirgends kann von einem Seyn schlechthin die Rede seyn, wie es bei der intellectualen Anschauung der Fall ist.
Sein- drückt die Verbindung des Subjekts und Objekts aus. Wo Subjekt und Objekt schlechthin, nicht nur zum Teil vereiniget ist, mithin so vereiniget, daß gar keine Teilung vorgenommen werden kann, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen, da und sonst nirgends kann von einem Sein schlechthin die Rede sein, wie es bei der intellektualen Anschauung der Fall ist._
Ist der eine verständlicher als der andere? Etwa weil ihn H. so schrieb? Oder der andere, weil er unserer gewohnten Schreibung entspricht? Und könnt ihr sagen, dass derselbe Abschnitt - nach den Regeln der neuen Rechtschreibung bearbeitet (seht ihr den Unterschied überhaupt?) - nun unverständlich geworden ist.
Sein- drückt die Verbindung des Subjekts und Objekts aus. Wo Subjekt und Objekt schlechthin, nicht nur zum Teil vereiniget ist, mithin so vereiniget, dass gar keine Teilung vorgenommen werden kann, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen, da und sonst nirgends kann von einem Sein schlechthin die Rede sein, wie es bei der intellektualen Anschauung der Fall ist.
Und die Veränderungen der neuen Rechtschreibung sind viel geringer - wie ihr euch überzeugen könnt - als die Veränderungen, die die Orthographie von 1800 bis 1900 und dann bis 1996 mitgemacht hat.
Es ist wirklich nur eine Frage der Pragmatik und der Gewöhnung. An der Orthographie den Rang einer Kultur festmachen zu wollen ist im hohen Maße albern. So albern, wie an dem Wechsel von Anzug und Krawatte zu Jeans und Schlabberpulli bei den Studenten vor 30 Jahren einen Kulturwechsel festmachen zu wollen. Freilich war es eine „Revolution“, einiges hat sich geändert. Aber mal ehrlich, wollt ihr die Zustände von vor 1968 wieder?
Haben die Studenten, die Schopenhauer in Fraktur lesen mussten und konnten, denen etwas voraus, die diese - gegen seinen ausdrücklichen Wunsch - seit einigen Jahren in Antiqua lesen können?
Um nochmals zu zeigen, wie Anhänger der alten Schreibung argumentieren - Verzeih Wolfgang, das geht jetzt an dich -:
Tippfehler: „nicht“ muss „nichts“ heißen. Der Satz meint also,
Ist „Tippfehler“ nun ein falscher Rat oder ein falscher Tastenanschlag?
Völlig am Problem vorbei! Jeder vernünftige und gutwillige Leser versteht Tippfehler als falschen Tastenanschlag, denkt allenfalls noch an Toto und Lotto, denn ein falscher Rat wäre ein Fehltipp.
weiter als die Reformer. Hörst du einen Unterschied zwischen Ort und Ortografie? Also warum verschieden schreiben?
Ich höre allerdings sehr wohl einen Unterschied zwischen „aufwendig“ und „aufwändig“, oder zwischen „feststehen“ und „fest stehen“.
Ich rede vom Unterschied von t und th. Er kommt mit e und ä daher. Ich sage: Der Tiger ist eine Katze. Er sagt: Aber der Elefant ist kein Insekt. Was ist das für eine Argumentation!??!
Man kann allerdings das „aufwändig“ angreifen mit dem Hinweis, dass nicht es nicht von „der Aufwand“, sondern von „aufwenden“ abgeleitet ist. Aber damit wäre nichts gewonnen, da das Verb „wenden“ in den Vergangenheitsstämmen auch ein „a“ hat. Das sind völlig nebensächliche Haarspaltereien und Dispute um das „johanneische Komma“, das sich bei näherer Betrachtung als Fliegenschiss erwies.
Was uns in Sachen Orthographie noch bevorsteht, hat man schon vor Jahrzehnten satirisch vorweg genommen.
_ Textkorrektur
Erster Schritt
Wegfall der Großschreibung;
einer sofortigen einführung steht nichts im weg, zumal schon viele grafiker und werbeleute zur kleinschreibung übergegangen sind.
zweiter schritt
wegfall der dehnungen und schärfungen. diese masname eliminirt di gröste felerursache in der grundschule. den sin oder unsin unserer konsonantenverdoplung hat onehin nimand kapirt
driter schrit
v und ph ersezt durch f
z und sch ersezt durch s
das alfabet wird um swei buchstaben redusirt, sreibmasinen und sesmasinen fereinfachen sich, wertfole arbeitskräfte könen der wirtsaft sugefürt werden
firter srit
q, c und ch ersest durch k
j und y ersest durk i
Pf ersest durk f
jest sind son seks bukstaben ausgesaltet, die sulseit kann fon neun auf swei iare ferkürst werden, anstat aksig prosent reksreibunterik könen nüslikere fäker wi fisik, kemi, reknen mer geflegt werden
fünfter srit
wegfal fon ä, ö, ü seiken;
ales uberflusige ist iest ausgemerst. di ortografi wider slikt und einfak, naturlik benotigt es einige seit, bis diese fereinfakung uberal riktig ferdaut ist. fileikt sasungsweise ein bis swei iare. anslisend durfte als nakstes di fereinfakung der nok swirigeren und unsinigeren gramatik anfisirt werden.
aus: teksten + sreiben
seitsrift fur gutes deuts und wirksamen tekst_
Der Deutschbrasilianer Ze do Rock hat diese wohl vielen bekannte Satire aufgegriffen und in seinem Buch „Fom winde ferfelt“ konsequent zu Ende geführt.
Ein höchst empfehlenswertes Büchlein und wirklich spaßig.
Ich danke denen, die bis hierher gekommen sind, für ihre Geduld.
Beste Grüße
Fritz