Aussage meiner Mutter und mein Gespür

Meine Mutter hat zu mir gesagt: „ich hab dich alles machen lassen, was du wolltest. Du konntest selber deine Freizeit gestalten. Ich hatte keinen Einfluss auf dich“.

Was bedeutet das, wenn eine Mutter offensichtlich dem Kind vollkommen machtlos gegenüber stand? Und die Mutter dem Kind alles gewährt, was es tun will? Und was bedeutet das für das Kind?

Für mich scheint es eine Art Anti-Autoritäre Erziehung gewesen zu sein. Wenn das stimmt, würd mich interesseren, welche Folgen dadurch entstehen könnten.

Danke.

Liebe Grüße

Hi

Was bedeutet das, wenn eine Mutter offensichtlich dem Kind
vollkommen machtlos gegenüber stand? Und die Mutter dem Kind
alles gewährt, was es tun will? Und was bedeutet das für das
Kind?

Aus heutiger Sicht sicherlich eine mittlere Katastrophe, weil das Kind sich an nichts orientieren konnte.

Für mich scheint es eine Art Anti-Autoritäre Erziehung gewesen
zu sein.

Ja. Ich weiß noch, wie wir um 1970 herum begeistert von A.S. Neills Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ waren. Als Neill dann in hohem Alter starb, geriet summerhill sofort aus den Fugen. Ironischerweise hatte es nur bei einer so starken Führungspersönlichkeit wie Neill funktioniert.

Wenn das stimmt, würd mich interesseren, welche
Folgen dadurch entstehen könnten.

Unsicherheit, Strukturarmut usw., bis hin zu einer gewissen seelischen Verwahrlosung, würde ich mal sagen.
Gruß,
Branden

Meine Mutter hat zu mir gesagt: „ich hab dich alles machen
lassen, was du wolltest. Du konntest selber deine Freizeit
gestalten. Ich hatte keinen Einfluss auf dich“.

Was bedeutet das, wenn eine Mutter offensichtlich dem Kind
vollkommen machtlos gegenüber stand? Und die Mutter dem Kind
alles gewährt, was es tun will? Und was bedeutet das für das
Kind?

Für mich scheint es eine Art Anti-Autoritäre Erziehung gewesen
zu sein. Wenn das stimmt, würd mich interesseren, welche
Folgen dadurch entstehen könnten.

Hallo,
im Prinzip geht es darum, dass ein Kind die Gefahren eines Handelns nicht einschätzen kann (heisse Herdplatte) und auf einen vorausschauenden Erwachsenen angewiesen ist, der ihn auf diese Gefahren hinweist und ihn durch sein rechtzeitigem Eingreifen vor Leid schützt.
Bei heranwachsenden Jugendlichen ist es nicht viel anders. Wenn aus welchen Gründen auch immer (Faulheit, Machtlosigkeit oder die Überzeugung der „Antiautoritären“ Erziehung) dem Kind / Jugendlichen keine Grenzen gesetzt werden, treibt er im Alleingang durchs Leben und verbaut sich womöglich Wege in eine positiv gestaltete Zukunft.
Die Pubertät ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, die sicher der Trotzphase eines Kleinkindes bei Weitem übersteigt. Die Aussage „Ich hatte kein Einfluss auf Dich“ bedeutet, dass sie aufgegeben hat und nicht genug Power hatte Dich zu lenken.

Später kann es bei dem inzwischen Erwachsenen zu Vorwürfen gegenüber den Eltern bzw. in diesem Fall Mutter kommen: hättest Du mir damals nur die Grenzen gegeben, die ich gebraucht hätte, dann hätte ich einen besseren Schulabschluss bekommen, hätte nicht den blöden Horst geheiratet, der mich ans Haus gefesselt hat und hätte ein stärkeres Selbstbewusstsein.

Die Reaktion zeigt die Schwäche der Mutter und eine nachträgliche Schuldzuweisung ist Energieverschwendung.

Viele Grüße

Summerhill aus den Fugen?

Ich weiß noch, wie wir um 1970 herum begeistert von A.S. Neills Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ waren. Als Neill dann in hohem Alter starb, geriet summerhill sofort aus den Fugen.

Inwiefern? Die große Entdeckung stellt doch dar, dass sich eine Gruppe von ca. 20 Kindern beiderlei Geschlechts aller Altersstufen ab ca. 6 Jahren (leider 3 zu spät: nachdem sie in ihren vorherigen Familien oft irreversibel geschädigt wurden: dennoch -) nach dem „Selbstorganisations“-Prinzip untereinander sozialisiert, sofern Erwachsene hierbei nicht anhand Lohn und Strafe (erziehend) eingreifen. Dass sich dies Prinzip (- mißverständlich: 'anti-autoritäre „Erziehung“ ') nicht auf die dafür viel zu kleine Familie übertragen läßt, liegt ja auf der Hand (- ist freilich in den verkifften ‚68er‘-Hirnen kaum angekommen) aber nochmals: Inwiefern geriet Summerhill nach Neills Tod außer Rand und Band? Haben die Erwachsenen angefangen, den Kindern in ihre Beziehungen ideologisch reinzupfuschen? Wo stünde derartiges zu lesen?

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Was bedeutet das, wenn eine Mutter offensichtlich dem Kind
vollkommen machtlos gegenüber stand? Und die Mutter dem Kind
alles gewährt, was es tun will? Und was bedeutet das für das
Kind?

Aus heutiger Sicht sicherlich eine mittlere Katastrophe, weil
das Kind sich an nichts orientieren konnte.

Für mich scheint es eine Art Anti-Autoritäre Erziehung gewesen
zu sein.

Ja. Ich weiß noch, wie wir um 1970 herum begeistert von A.S.
Neills Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“
waren. Als Neill dann in hohem Alter starb, geriet summerhill
sofort aus den Fugen. Ironischerweise hatte es nur bei einer
so starken Führungspersönlichkeit wie Neill funktioniert.

Wenn das stimmt, würd mich interesseren, welche
Folgen dadurch entstehen könnten.

Unsicherheit, Strukturarmut usw., bis hin zu einer gewissen
seelischen Verwahrlosung, würde ich mal sagen.

Dagegen möchte ich entschieden widersprechen.
Eine hilflose Mutter bedeutet nicht zwangsläufig, dass deren Kinder
unsicher und strukturarm sein werden oder gar zu einer seelischen Verwahrlosung neigen.
Es ist sogar bewiesen, dass Kinder hilfloser Mütter oftmals besondere Fähigkeiten entwickeln. Sie können sogar Persönlichkeit entwickeln, sehr selbstsicher und selbstbewusst sein.

Ein guter Psychologe sieht detailierter auf die Menschen !

Ein dummes Vorurteil war jahrzehntelang auch :
„Kinder, deren Eltern sich haben scheiden lassen, werden später Problemmenschen.“

Es gibt tausende Beispiele dafür, dass Erwachsene, die eine Neurose entwickelt hatten, solche Eltern hatten, die sich niemals hatten scheiden lassen und die zudem zu bestimmend (zu autoritär) über ihre Kinder geherrscht hatten.

Gruß
Angelika

Wer lesen kann, ist wieder mal im Vorteil
Hi

…welche
Folgen dadurch entstehen könnten.

Unsicherheit, Strukturarmut usw., bis hin zu einer gewissen
seelischen Verwahrlosung, würde ich mal sagen.

Dagegen möchte ich entschieden widersprechen.
Eine hilflose Mutter bedeutet nicht zwangsläufig, dass deren
Kinder
unsicher und strukturarm sein werden oder gar zu einer
seelischen Verwahrlosung neigen.

Hat ja auch kein Mensch gesagt bzw. geschrieben. Schon bei der Frage steht „k ö n n t e“ und nichts von zwangsläufig. Schade eigentlich, dass du solche Schwierigkeiten mit der deutschen Schriftsprache hast.
Gruß,
Branden

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Oh. Ja. Danke. Genau.

Seelische verwahrlosung. Das ist mein Problem. Meine Seele ist tot. Ab und zu regt sie sich aber zum glück noch. Ich kann Gefühle im tiefsten maße erleben. Ich würde sagen, ich bin hochsensibel. Ich bin aber überhaupt nicht in der Lage meine Gefühle auszudrücken. Etwas hält mich da zurück. Durch Vipassana-Meditation bekomme ich es aber hin, dass ich weinen kann (aber spontaner Gefühlsausdruck? Sowas gibt es bei mir nicht).

Kannst du ein gutes Buch empfehlen? Wo herausgestellt wird, wie sich diese seelische Verwahrlosung entwickelt?

Eulen nach Athen tragen ist anstrengend, hm?
Hi

Dass sich dies
Prinzip (- mißverständlich: 'anti-autoritäre „Erziehung“ ')

Das war der in cxder Tat missverständliche Titel der deutschen Ausgabe, den ich ebenfalls als nicht gelungen empfand. Ich habe ihn hier aber zitiert, da sonst kein Mensch weiß, welches Buch ich meine.

nicht auf die dafür viel zu kleine Familie übertragen läßt,
liegt ja auf der Hand (- ist freilich in den verkifften
‚68er‘-Hirnen kaum angekommen)

Die Hirne der 68 waren alles andere als verkifft. Gegen die 68 sind die Hirne der jetzt 20jährigen eher total verkifft. Wir haben damals nur mal „zu Feiertagen“ n Joint geraucht, heute wird das Zeug täglich konsumiert von einem Großteil der Jugendlichen. So einen dreisten Unsinn hätte ich mir also an deiner Stelle verkniffen, auch wenn er BILD-Zeitungsmäßig ein Aufreißer ist.
Ich ließ ja anklingen, dass ich begeistert von summerhill war - was willst du also?

aber nochmals: Inwiefern geriet
Summerhill nach Neills Tod außer Rand und Band? Haben die
Erwachsenen angefangen, den Kindern in ihre Beziehungen
ideologisch reinzupfuschen? Wo stünde derartiges zu lesen?

Meines Wissens endete das großangelegte Experiment summerhill nach dem Tod seines Schöpfers. Wodurch auch immer - aber es sieht doch sehr danach aus, als wäre nach Neil kein vergkleichbares erzeiherisches Genie dort aufgetreten.
Gruß,
Branden

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Hi

Kannst du ein gutes Buch empfehlen? Wo herausgestellt wird,
wie sich diese seelische Verwahrlosung entwickelt?

Es gibt viel Literatur dazu (z.B. von Otto Kernberg: „Wut und Hass“), ich frage mich aber, ob du statt der Bücher nicht lieber eine Therapie beginnen solltest. Da hast du wahrscheinlioch etwas mehr davon.
Eine Therapie uist ja heutzutage nichts Ehrenrühriges mehr, sondern etwas ganz Normales.
Es grüßt dich
Branden

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Nunja, ich spiele auch mit dem Gedanken der Therapie, aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich machen will, aber diese Option halte ich mir generell offen.

Momentan glaube ich, dass ich es selber lernen kann, meine spontane Ausdrücksfähigkeit wieder zu erlangen. Mir ist klar, dass ein Buch mir das nicht geben kann. Entweder kann ich mir das nur selber beibringen oder jemand von außen, was ich dann introjizieren kann.

Vor allen Dingen bin ich durch mein Studium zeitlich so sehr eingebunden, dass ich keine Ahnung habe, wann ich zu einem Psychologen gehen sollte. Soll jetzt keine Ausrede sein, aber das macht die Sache halt leider auch nicht leichter.

Alice Miller: Evas Erwachen
Hi,

Kannst du ein gutes Buch empfehlen? Wo herausgestellt wird, wie sich diese seelische Verwahrlosung entwickelt?

ja, unter zahlreichen anderen Büchern von ihr dieses:
Alice Miller: Evas Erwachen. Über die Auflösung emotionler Blindheit
ISBN 9783518455616 Buch anschauen
Es trifft genau in den Problembereich, den du hier andeutest. Miller hat sich ja vorzüglich mit Erziehung (auch historisch) befaßt und mit den dramatischen Folgen. Und außerdem schreibt Miller auch so, daß es gerade für Betroffene nützlich ist.

Gruß
Metapher

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Hallo,

Bei heranwachsenden Jugendlichen ist es nicht viel anders.
Wenn aus welchen Gründen auch immer (Faulheit, Machtlosigkeit
oder die Überzeugung der „Antiautoritären“ Erziehung) dem Kind
/ Jugendlichen keine Grenzen gesetzt werden, treibt er im
Alleingang durchs Leben und verbaut sich womöglich Wege in
eine positiv gestaltete Zukunft.

Ich denke, ich weiß schon, was du damit meinst, möchte aber mal kurz anmerken, dass man den Begriff „positive Zukunft“ doch sehr unterschiedlich definieren kann. Was ich selbst für positiv halte, kann für den Nachwuchs einfach nur katastrophal sein. Ich leide oft heute noch unter den sog. „positiven Zielen“, die meine Eltern für mich aussuchten und mich dorthin „lenkten“ (und leider,leider auch genügend Power hatten, mich dorthin zu bringen).

dass sie aufgegeben hat und nicht genug Power hatte
Dich zu lenken.

Wie schon oben gesagt, die Sache mit der Lenkung ist eine Gratwanderung…

Später kann es bei dem inzwischen Erwachsenen zu Vorwürfen
gegenüber den Eltern bzw. in diesem Fall Mutter kommen:
hättest Du mir damals nur die Grenzen gegeben, die ich
gebraucht hätte, dann hätte ich einen besseren Schulabschluss
bekommen, hätte nicht den blöden Horst geheiratet, der mich
ans Haus gefesselt hat und hätte ein stärkeres
Selbstbewusstsein.

Die Reaktion zeigt die Schwäche der Mutter und eine
nachträgliche Schuldzuweisung ist Energieverschwendung.

Die Reaktion zeigt doch aber auch eine gewisse Unfähigkeit, oder Unwilligkeit, sich vom Einfluss des Elternhauses (dem wir nun mal alle jahrelang unterliegen, sei er nun anti-autoritär geprägt oder gerade vom Gegenteil) zu lösen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Gruß SusanneAntje