Bücher sind stapelbare Freunde
Hallo Nike,
als ehemaliger Buchhandelssortimenter bin ich einer von denen, die zusammenzucken, wenn jemand in ihrer Anwesenheit einem Buch „den Rücken bricht“ oder Knicke reinmacht oder dergleichen. Dennoch lebe und arbeite ich (als Literaturdozent) mit Büchern, statt sie nur einfach zu sammeln und in die Vitrine zu stellen.
Was noch? Ich hasse es, Bücher von anderen auszuleihen. Ich bin psychisch unfähig, ein Buch wegzuwerfen. Ich möchte ein gemochtes, aber aussortiertes Buch „gut untergebracht“ wissen. Ich bin unfähig, ohne Bücher zu verreisen.
Mir kommt es auf die Sinnlichkeit eines Buches an - wer jemals in der linken Hand einen Band der „Anderen Bibliothek“ und in der rechten Hand ein Bastei Lübbe-Taschenbuch vergleichgefühlt hat, wird wissen, was ich meine. Lesen ist auch ein haptischer Vorgang, und ich möchte mir die Freude, ein wirklich gutes Buch immer wieder neu erwandern zu dürfen, nicht durch Macken verderben.
Für mich sind geliebte Bücher (der Lord of the Rings ist ein gutes Beispiel) Orte, die ich immer wieder aufsuche. Darin darf sich so nach und nach ein Trampelpfad bilden (übersetzt: wenn das Buch nach und nach ein wenig abgegriffen ist, macht es nix), aber die Speisereste vom letzten Picknick (übersetzt: Kritzeleien, Knicke, Fettflecken) möchte ich bei der Wiederkehr ungern darin finden.
Ähnlich ist ein Lexikon oder Fachbuch für mich einer Werkstatt ähnlich: man darf sehen, daß dort gearbeitet wird, aber allzu unaufgeräumt sollte es dort nicht sein.
Zur Ordnung: zwar führe ich Kartei über meine Bücher (muß ich auch, weil’s ca. 5000 Stück sind), aber in den Regalen stehen sie eher nach anderen Kriterien: wie oft ich sie brauche, was zusammenpaßt & hübsch aussieht - denn meine Wohnung wird immer noch von mir und nicht von Büchern bewohnt (obgleich ich ihnen gerne viel Platz überlasse - ein Zimmer ohne Bücher ist für mich irgendwie nicht eingerichtet); und die Platznot tut auch ein übriges. Ein bißchen gewachsenes Durcheinander ist heimelig, solange es nicht in Chaos ausartet.
Zuletzt noch - Lieblingsbücher. Von denen (es sind sehr wenige - Tolkien, LeGuin, Calvino und ein Armvoll mehr) habe ich meist mehrere Exemplare, ein kleineres für unterwegs (das darf auch zerschlissen sein), eines in der Originalsprache (falls ich die lesen kann), vielleicht noch eine Edelausgabe, weil die so schöne Illustrationen hat. Meine Freundin lästert immer, aber dafür hat sie eine Zweitkaffeemaschine (Jedem Tierchen…).
In den letzten Jahren habe ich begonnen, mehr und mehr Bücher auszusortieren, weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, das ich dann besser würdigen kann, was ich bewußt behalte. Ich bin sehr gespannt, bei welchen 10 oder 50 oder 100 Büchern ich zuletzt verweile.
In diesem Sinne: auf Wiederlesen!
Hendrik (Pengoblin)