Hallo Branden,
Mir fällt in letzter Zeit auf, dass das Wort
„BEFINDLICHKEITEN“
- öfter gebraucht wird (auch von Politikern) und
- immer polemisch, also im Sinne einer negativen
Bedeutungs-Veränderung; so nach dem Motto: "Da stellt sich
jemand an
Und hier sitzt meines Erachtens der Stachel: Der „kleine Mann“
soll (weiter) verunsichert werden, was seine Gefühle und seine
Bedürfnisse betrifft. Er soll sich „nicht so anstellen“, soll
Verzicht leisten.
Die ganze Geschichte hat also eine psychisch-politische
Dimension, nach meinem Dafürhalten.
Ein Faktum ist, dass in Zeiten ökonomischer Rezession, in welcher wir uns seit spätestens Anfang der 80er Jahre befinden, „Befindlichkeiten“ mehr und mehr zum Störfaktor werden für einen Gesamtzusammenhang, dessen oberstes Gebot das reibungslose Funktionieren aller Teile ist (ein manifestes Zeichen dafür ist unser penetrantes Verlangen nach SICHERHEIT, welches in den meisten Fällen als ein Verlangen sich entpuppt, die Reproduktion des Kapitals zu sichern).
Bereits hier haben wir einen ersten wichtigen Aspekt der Psychopolitik (Du erinnerst dich vielleicht an Foucaults Terminus der Biopolitik?):
uns allen wird ein tiefes Verlangen nach Sicherheit suggeriert, alles und jedes wird als unsicher gekennzeichnet.
(ein Beispiel für vieles: obwohl die Raten im Bereich der Schwerkriminalität auf historischen Niedrigständen sich befinden, fordern wir hier immer mehr Sicherheit, bessere Kontrolle, härtere Strafen zur Abschreckung=Sicherheit, etc.)
In einer historischen Situation, in der alles Reibende, alles Störende, den Gesamtzusammenhang nicht nur „reizt“, sondern existenziell gefährdet, wird die Befindlichkeit zur Gefahr, der Befindliche zum Gefährlichen.
Der Gefährliche aber stört unser Bedürfnis nach SICHERHEIT: Planbarkeit, Einplanbarkeit;
darum müssen diese Befindlichkeiten, Individualitäten, „Verzicht leisten“,
mussten Sozialhilfeempfänger „Verzicht leisten“ auf an ihren individuellen Befindlichkeiten-Bedürfnissen ausgerichteten Einmalzahlungen, erhielten dafür zum Ausgleich Pauschalen (durch ALG II nochmals radikalisiert);
müssen Kranke mehr und mehr „Verzicht leisten“ bei individuell an den Ursachen der Erkrankung ansetzenden Behandlungen, erhalten dafür zum Ausgleich standardisierte Symptom-Behandlungen;
müssen Beufstätige mehr und mehr „Verzicht leisten“ bei ihren individuellen und deshalb ortsgebundenen Bindungen an Familien- und Freundeskreise, erhalten dafür zum Ausgleich einen Arbeitsplatz, wie fern auch immer dieser vom Ort ihrer sozialen und psychischen Einbindung entfernt sein mag;
die zunehmende Standardisierung der Wohn- und Einkaufsstätten (Aldi und das Fertighaus) sind beredte Smptome dafür.
etc.
Man täusche sich aber nicht darin, dass Befindlichkeiten als solche abqualifiziert würden:
da, wo sie nicht reiben, sondern schmieren, wird ihnen das Wort geredet, gefordert aber sind dann standardisierte Befindlichkeiten (Wertorientierungen, aber auch: Konsumbedürfnisse, bis hin zur use-and-throw-away-Haltung).
Adorno spricht gerade in diesem Zusammenhang vom (viel missverstandenen) „Tod des Individuums“.
Viele Grüße
franz