Hi!
… Und Antidepressiva können helfen.
Können? Müssen aber nicht? Ich mach mir zwar Gedanken über die
Nebenwirkungen, aber ich frag mich grundsätzlich, ob das der
richtige Weg ist.
Nun ja, willst du gesund werden oder einen Schönheitspreis gewinnen?
Depressionen zeichnen sich auch durch einen Mangel an bestimmten Neurotransmittern aus, soviel weißt du wohl.
Aber auch der kommt nicht als himmlische Strafe, sondern ist ein Produkt des früheren Verhaltens. Depressive sind nach meinen Erfahrungen überdurchschnittlich pflichtbewusst und perfektionistisch. An sich selbst denken sie zuletzt. Irgendwann ist dann das Reservoir an Glück erschöpft, weil es stets mühsam abgezweigt werden musste.
Und wenn du dann merkst, dass dringend was geändert werden muss, ist die Energie dazu nicht mehr da. Die Energie kommt aus der Erwartung zukünftigen Glücks - aus der Hoffnung, dass in der Zukunft noch schönes wartet. Wenn du depressiv bist, kannst du aber gerade das positive nicht mehr sehen.
Und da wir körperliche Wesen sind, hat jedes geistige auch eine körperliche Entsprechung. Sehen = Auge + Sehnerv + Sehrinde, Glück = Serotonin. Um’s vorwegzunehmen, ich bin Atheist, aber das kannst du auch als Christ glauben.
Medikamente heilen nicht, sie unterstützen. Heilung bringt
eine Änderung deiner Verhaltensweisen, unterstützt durch eine
Psychotherapie. Denn allein hast du’s ja schon probiert.
Ja, allein mit Psychologie. Gruppen- und Einzeltherapie. Zum
Glauben komm ich jetzt erst wieder zurück…
Ich würde dir empfehlen, mal Bilanz zu ziehen. Was hast du bisher gelernt?
Nicht jeder Therapeut ist der richtige für dich.
Und du
solltest dir selbst soviel wert sein, auf den Tisch zu hauen,
wenn man dir die Wurst vom Brot klaut.
Ich hab schon auf den Tisch gehauen, mich gewehrt. Das kam
dann aber oft zu spät und zu heftig. Hat eher geschadet als
geholfen.
Der Körper sendet ja Signale, die du zu deuten wieder lernen musst. Klar merkst du die bei den ersten Versuchen zu spät. Aber Übung macht den Meister.
Man muss sich melden, ja, sonst fällt man zurück. Ich hab nur
immer weniger Kraft, um mich zu wehren. Der Abbau geht schon
Jahre. Ich will die von dir erwähnte Änderung der
Verhaltensweis ja; mein Motto müsste sein: „Wehret den
Anfängen“. Aber ich kann einfach nicht so gegenhalten wie die
anderen. Das ist Fakt. Hab ich lang gebraucht das zu
akzeptieren.
Ich hab auch schon gerufen:„Ich lass mir nicht mehr die Wurst
vom Brot nehmen!“ Aber das blieb bei der Theorie.
Das Motto lautet ein mal mehr aufstehen als hinfallen. Hinfallen ist keine Schande, nur das Liegenbleiben. Hört sich leichter an als es ist. Aber hier kommen wir auf die Krücken des Lebens. Wenn’s ohne nicht mehr geht, nimm sie. Liegenbleiben ist das falscheste.
Dann müsste doch auch durch Gebet, Buße und Vegebung eine
Heilung möglich sein ohne Medis, oder?
„Immer mehr vom selben“ heißt dieses Denkmuster wohl. Anstatt
auf den Trichter zu kommen, dass Demut genau das falsche ist,
willst du deine Anstrengungen noch intensivieren. Unsere
Religion ebnet dieser falschen Taktik ja auch den Weg.
Aber wie kann man sie leben, ohne Operlamm zu werden? Was
wäre, wenn die sonst nachgeben beharren? Noch mehr Konflikt.
Du bist als Mensch mit einem Verstand gesegnet, der dem Lamm fehlt. Du weißt, dass es manchmal nötig ist, unangenehmes in Kauf zu nehmen. Um im Bild zu bleiben: Kau das Seil durch und wirf den Priester mit deinen Hörnern um. Dafür musst du dir anschließend dein Futter allein suchen.
Kleine Randbemerkung: Das Opfern ist eine sehr verbreitete religiöse Handlung!
[Es gibt kein Leben ohne Schuld. Die Bibel sagt „Wer von euch …“. Der Volksmund „Wo gehobelt wird, …“. Aber es gibt auch „… wie auch wir vergeben …“ bzw. „Schwamm drüber“.]
… Aber wenn alle kämpfen und die Ellenbogen
ausfahren, werden auch immer welche zurückfallen. Und die
müssen sich wiederum Gedanken machen, wie sie das managen.
Einfach auf den nächst Schwächeren warten führt in die Schuld,
die wiederum nach Vergebung sucht.
Etwas paranoid, oder? Du sollst dir nur den Platz schaffen, der dir zusteht. Und wenn dir jemand dabei im Weg steht, ist das (ziemlich) sicher keiner, der auch seinen Platz sucht, sondern einer, der sich zu breit gemacht hat. Und wenn wirklich mal ein Missgeschick passiert: Sag ihm, was du gerade machst, er könnte deinen Tipp dankbar annehmen.
Du redest von Gott ohne Scheu, das ist gut. Genauso von
Psychopharmaka. Hast du persönliche Erfahrungen damit? Was
hälst du von christlicher Psychotherapie? Eigentlich ein
Widerspruch in sich, oder?
Mit Antidepressiva habe ich Erfahrung, fahre sie gerade runter. Sie haben mir geholfen.
Und zu Gott: Man macht sich auch als Atheist so seine Gedanken. Wer hat eigentlich die Deutungshoheit, was Gott von dir erwartet? M.M. nach haben die Religionen viel Wissen über den Menschen, nutztes dieses Wissen aber hauptsächlich zur Unterdrückung.
Und es klappt ja bei dir prima. Du denkst sofort an die noch kleineren, wenn du dich groß machen willst. Als wärst du schuld.
Noch was aus meiner Erfahrung:
Mir ist erst nach langer Zeit klar geworden, dass hinter meiner Krankheit auch ein geheimer Masterplan steckte. Als ich mein Schneckenhaus verließ, habe ich mir nicht nur Freunde gemacht. Aber in einer Gruppe von 10 Menschen 3 Freunde zu gewinnen und 5 zu verprellen ist allemal besser als 10 Leute zurückzulassen, die nur sagen:
Zoelomat? Wer war das noch gleich? Der hat doch nie was gesagt.
Gruß, und viel Mut, Zoelomat