Berufswahl - Dolmetscher/Uebersetzer?

Hallo liebe Leute…
Ich weiss, dass es zu diesem Thema schon viele Beitraege aus der Vergangenheit gibt, aber nichts hat wirklich meine Fragen beantwortet. Vielleicht hat ja jemand ein bisschen Zeit fuer mich.

Ich bin 20 und hab noch nichts gelernt, bin mit Realschule ab und momentan im Ausland. Mein Zeugnis ist auch nicht das Beste; und jetzt ueberleg ich mir, was ich mit meinem Leben anfangen kann, und was ueberhaupt realisitisch ist.
Ich hab verschiedene Ideen, aber ich denke, auf Grund meines Lebenslaufs etc. werde ich bei betrieblichen Ausbildungsstellen nicht viele Chancen haben, und da ich schon immer Sprachen sehr mochte, wuerde ich gerne in der Richtung was machen.
Da fuer mich Studium ja nicht in Frage kommt (kein Abi), dachte ich da an Dolmetscher, Uebersetzer oder Fremdsprachenkorrespondent. Erstes und zweites liegt mir eher, und ich habe gelesen, die Zukunftsaussichten saehen da auch besser aus?
Also konkret: Kann mir jemand sagen, wie die Aussichten so sind fuer jemanden, der „nur“ eine Ausbildung (also kein Studium) macht in den Gebieten? Welche der drei Berufe wird mehr gesucht oder „besser bezahlt“ (um mal etwas materialistisch zu sein)? Gibt es die Moeglichkeit, Dolmetscher und Uebersetzer miteinander zu kombinieren? Also entweder in der Ausbildung, oder spaeter als Dolmetscher trotzdem nebenher als Uebersetzer zu arbeiten?
Ich weiss, 'ne Menge Fragen… Und ich bin noch nicht mal fertig >_

Hallo Ina,

puh, du stellst Fragen. Also als allererstes solltest du also einmal die Idee aufgeben, dass man als Übersetzer viel verdient. Schau einmal auf www.proz.com, das ist ein internationales Übersetzerforum, unter www.proz.com/jobs, dann siehst du, wie viel da in etwa geboten wird. Das sind Beträge von teils weniger als EUR 0,10 pro Wort der Ausgangssprache. Teste einmal an, wie lange du brauchst, um einen schwierigen Text in guter Qualität zu übersetzen, dann kannst du dir in etwa den Stundenlohn ausrechnen.

Beim Dolmetschen verdient man mehr. Aber kannst du das? Ich habe es einmal probiert, an der Uni. Die ersten 3-4 Minuten konnte ich mich noch gut konzentrieren, aber dann fielen mir die einfachsten Worte nicht mehr ein. Teste es doch mal: Schalte dir die Nachrichten im Fernsehen ein, möglichst verwendest du dafür einen Kopfhörer, und dann probier erst einmal „Shadowing“, d.h. sprich genau das nach, was du hörst. 10 Minuten lang, ohne Pause, ohne Fehler. (Nach 10 Minuten übernimmt der andere Simultandolmetscher; man macht das immer zu zweit.)

Hat das Shadowing gut geklappt? Dann probiere es jetzt mal mit Dolmetschen, auch wieder 10 Minuten lang. Und, klappt es nach den ersten 5 oder 6 Minuten immer noch gut? Fallen dir auch schwierige Vokabeln schnell ein? Bekommst du das mit den Zahlen auf die Reihe? Dann könntest du einen Versuch mit dem Dolmetschen wagen. … Die Arbeitsbedingungen dürften dann allerdings oft so aussehen, dass du mit einem Kollegen in einer Dolmetschkabine (ca. 3 x 3 m) sitzt, das muss man auch mögen.

Gibt es die Moeglichkeit,
Dolmetscher und Uebersetzer miteinander zu kombinieren? Also
entweder in der Ausbildung, oder spaeter als Dolmetscher
trotzdem nebenher als Uebersetzer zu arbeiten?

Gibt es. Wie gesagt, zum Dolmetschen braucht man ein gewisses Talent. Wer das hat, der wird in der Regel auch dolmetschen, nicht übersetzen, da das besser bezahlt wird. Aber natürlich kannst du jederzeit deine Dienstleistungen auf beiden Gebieten anbieten. Dolmetschen und Übersetzen gehören zu den freien Berufen. Du brauchst an sich überhaupt keine Ausbildung dafür. (Was ganz ohne Ausbildung dabei rauskommt, ist die andere Frage.)

Aber jetzt komme ich zur wichtigsten Frage - gibt es Schulen
(NICHT unis oder FHs!, da kann ich ja nicht hin), die andere
Sprachen als das gaengige eng-franz-span-run-chin lehren? Das
kann es doch auch nicht sein, wenn alle Uebersetzer immer nur
die gleichen Sprachen sprechen.

Da hast du recht. Gerade für die skandinavischen Sprachen sind die Preise noch relativ gut. Wie es mit Griechisch ist, weiß ich nicht. Mein Tipp: Leih dir mal aus der Bücherei einen Sprachkurs für jede der Sprachen aus, die dich eventuell interessiert, dann hör mal rein, arbeite dich mal probeweise durch die erste und zweite Lektion. Macht es Spaß? Wenn dir die Sprache nicht sympathisch ist, dann vergiss es ganz schnell wieder und entscheide dich für eine andere Sprache. Auch der Kultur des jeweiligen Landes solltest du zumindest nicht ablehnend gegenüberstehen.
Ach ja, Geheimtipp: Wie wäre es mit Arabisch (der Bundesnachrichtendienst hat vor einiger Zeit erst einen Übersetzer für Arabisch gesucht - dreimal darfst du raten, warum) oder vielleicht Hebräisch (gute Zeilenpreise)? Die Universität Mainz, FASK Germersheim lehrt Arabisch. … Vielleicht kannst du das Abi ja nachholen? Mit privaten Sprachschulen kenne ich mich nicht so aus; vielleicht weiß darüber jemand anders was.

Schöne Grüße

Petra

Hallo,

die Voraussetzung für eine erfolgreiche Tätigkeit als Übersetzer oder Dolmetscher ist die Beherrschung einer Sprache auf (fast) muttersprachlichem Niveau. Welche Sprachen beherrschst Du denn so gut, bzw. wirst Du beim Schulabschluss so gut beherrschen?

Gruß,

Myriam

Hallo Ina,

am Donnerstag fangen meine Abschlussprüfungen zur staatlich anerkannten Fremdsprachenkorrespondentin an. Ich habe die zweijährige Ausbildung an der Merkur Akademie International in Darmstadt gemacht und bin sehr zufrieden mit dieser Schule. http://www.merkur-akademie.de/
Die Merkur Akademie hat Schulen in Darmstadt, Karlsruhe, Halle, Mannheim und Pforzheim.

Was die Berufschancen angeht:

Man findet schon einige Stellenangebote. Leider sind es meist Angebote von Zeitarbeits- oder vermittlungsfirmen. Es gibt aber auch einige Banken und Anvaltskanzleien die regelmäßig Fremdsprachenkorrespondenten suchen. Von der Schule in Germersheim und von dem Englischen Institut in Heidelberg hab ich auch viel Gutes gehört. Wobei es an der Merkur Akademie mehr und intensivere Nebenfächer gibt.

Liebe Grüße,
Michelle

Hallo Ina,

Ach ja, Geheimtipp: Wie wäre es mit Arabisch (der
Bundesnachrichtendienst hat vor einiger Zeit erst einen
Übersetzer für Arabisch gesucht - dreimal darfst du raten,
warum)

Aber wenn Du jetzt alleine wegen dieses Geheimtipps versuchst (Hoch-)Arabisch zu lernen (und das wird so einige Zeit brauchen bis zur Perfektion), dann solltest Du dies nochmal überdenken. Der BND geht seit einigen Jahren quasi ein und aus bei den Fakultäten, wo sich so die Arabisten und Islamwissenschaftler tümmeln und versucht Leute anzuwerben. Ich habe schon von einigen Exkommillitonen gehört wie solche Anwerbungsgespräche laufen. Der Bruttolohn ist wahrlich überdurchschnittlich, aber es werden überwiegend Leute gesucht, die vor allem die diversen „Landessprachen“ beherrschen. Zum Beispiel um Telefonate o.ä. abzuhören. Der Arabist, der nun weder mit einem arabischen Muttersprachler liiert ist, noch lange im arab. Ausland gelebt hat, hat da so seine Schwierigkeiten z. B. Syrisch, Ägyptisch, Marrokanisch und Tunesisch gleichzeitig zu beherrschen. D.h. für obigen Fall solltest Du vielleicht gleich ins Ausland gehen und dort dann vor Ort die Sprache lernen:wink:

Generell denk ich, mach doch einfach mal ein, zwei, drei Sprachkurse von Sprachen, die Dir gefallen! Keine VHS-Kurse, sonst bis Du im 10. Semester immer noch am Anfang. Wenn Du nicht gleich ins Ausland willst, versuch’s doch mal vor Ort. Zum Beispiel bietet das Landesinstitut für Arabische, Russische, Chinesische und Japanische Sprache Nordrhein-Westfalen Sprachintensivkurse an. Jetzt bieten sie sogar noch Persisch und Koreanisch an, was ich gerade auf der Homepage gesehen habe (http://www.lsi-nrw.de/arabisch/dasangebot/index.html). Die Arabischkurse sind immer noch so aufgeteilt wie Mitte der 80er Jahre (2- und 3-Wochenkurse und ein 4-Wochenkurs in Damaskus) und ich kann sie sehr empfehlen.

Ansonsten fand ich die Tipps von Petra sehr, sehr hilfreich.

Liebe Grüße,
Christiane

Hi Ina!

Meine Vorredner haben ja schon gesagt, das mit dem „tollen Geldverdienen“ ist’s nicht… Es gibt aber noch viel mehr zu bedenken:
Sprachfehler wie nuscheln, lispeln, stottern o. ä. solltest Du auch nicht haben, ebenso keine Stimmprobleme (also nicht schnell heiser werden etc.)
Du bist als Übersetzer/Dolmetscher dann am besten, wenn die Gesprächspartner Dich möglichst nicht mehr bemerken, eben meinen, sie sprächen direkt miteinander, also die Rolle „graue Maus“ muß Dir liegen… „Soloauftritte“ kommen da nicht vor… und Du mußt sehr anpassungsfähig sein und kommunikativ, um den entsprechenden „Draht“ zu Deinen Auftraggebern immer zu finden!!! Es wird nie um DICH gehen, Du bist immer nur Mittler! Phantasie ist dabei auch von Nutzen!
Also es geht ja nicht um Sprache allein… zuerst sind gute Computerkenntnisse das A und O… grade wenn Du „mehr“ als „nur“ Fremdsprachenkorrespondentin werden willst (bitte betrachte das nicht wertend), eben Dolmetscher/Übersetzer, mußt Du Dich sehr schnell in Dir fremde Sachthemen einarbeiten können, mußt Dir im Deutschen UND der entsprechenden Fremdsprache den Fachwortschatz aneignen und Du mußt auch einigermaßen das Sachthema verstehen, damit Du es kompetent ‚rüberbringen kannst. Also wenn Du Dich prinzipiell schwer tust, schnell Dinge aufzunehmen, vom Hören zu verstehen (es gibt ja Leute, die müssen alles erst mal geschrieben sehen, um sich’s merken zu können), dann wird das mit dem Dolmetschen eher eine Quälerei… Ein gutes Sprachgefühl auch für die deutsche Sprache und entsprechend gute Rechtschreibkenntnisse solltest Du mitbringen, ebenso eine möglichst gute Allgemeinbildung, das hilft immens. Und eine RIESEN-Neugier auf absolut alles!!! Es darf nichts geben, was Dich nicht potenziell interessiert, von der Hundezucht über Krebsentstehung, Aktienindices, geologische Ablagerungen, die neuesten technischen Entwicklungen, Kunststile, Sprichwörter, Sport, Geschichte und Geographie sowieso und immer die aktuelle Politik! Usw. usw. usw. Und Du mußt viel Freude am Lesen haben… Und möglichst immer wieder Zeit im Land der gewählten Sprache verbringen, um auf dem Laufenden zu sein, wie wird aktuell gerade dies oder jenes ausgedrückt… (Slang etc.), eben was noch nicht im Wörterbuch steht…, aktuelle Filme/Trends vor Ort, die sich auf den Sprachgebrauch auswirken, kennen… Und über die Kultur des entsprechenden Landes solltest Du natürlich auch viel wissen, um Dich darin entsprechend bewegen zu können und ggf. auch Hintergründe für den Gesprächspartner miterklären zu können…
Wenn Dir davon irgendetwas zu viel ist, dann laß‘ die Finger auch vom Übersetzen. Du kannst es zwar machen, aber ob es wirklich GUT und verständlich wird, das ist dann wirklich die andere Frage … und schlechte Übersetzer gibt’s leider auch wie Sand am Meer…
Du kannst prinzipiell auch ohne Sprachen-Studium die Staatsprüfungen zum Übersetzer und Dolmetscher machen, wenn Du die entsprechend geforderten Praxis-Stunden nachweisen kannst… Diesbezüglich kannst Du Dich beim Kultusministerium Deines Bundeslandes nach den Prüfungsbedingungen erkundigen, die „häufigen“ Sprachen Engl., Frz., Span., Ital., Russ. werden jedes Jahr geprüft, die „selteneren“ nur alle paar Jahre… Diese Staatsprüfungen sind nicht einfach, allerdings darfst Du nur nach Bestehen einer solchen Prüfung Dich beeidigen lassen, um offizielle Urkunden (mit Stempel etc.) übersetzen zu dürfen. Ohne Staatsprüfung bekommst Du praktisch keine Beeidigung…
Wenn Du kein Hochschulstudium als Übersetzer/Dolmetscher hast (Z. B. Germersheim o. ä.), dann kann es sein, daß manche Stellen Dir versperrt bleiben, z. B. zur EU nach Brüssel oder ins Auswärtige Amt hast Du nur eine Chance zu kommen, wenn Du MEHRERE dort geforderte Fremdsprachen auf praktisch gleichem (muttersprachler-äquivalenten) Niveau beherrscht und Deine Ausbildung an eine entsprechenden Hochschule mit dem entsprechenden Abschluß absolviert hast…
Und der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft!
Und Du mußt belastbar sein und auch körperlich fit! Denn Du wirst dann immer wieder unter z. T. immensem Zeitdruck arbeiten müssen!

Das alles nur so zum Mit-Bedenken… wenn das für Dich paßt, kannst Du irre viel lernen (das meine ich jetzt im allerpositivsten Sinn!!) und einen unglaublich spannenden Beruf haben!

Viele Grüße
Thuja

Hallo Ina,

da ich nicht glaube, dass Du eine qualifizierte Übersetzer-
oder Dolmetscher-Ausbildung ohne Abitur bekommst, habe ich
eine andere Idee für Dich. Du brauchst auf jeden Fall eine
Ausbildung, diese aber nach Möglichkeit im Übersetzungsbereich,
da Du sprachliche Kenntnisse (welcher Art?) mitbringst.
Versuche doch, in einem größeren Übersetzungsbüro eine
Ausbildung als Sachbearbeiterin/Assistentin/Sekretärin
zu machen. Wenn Du dort gut bist, kannst Du aufgrund Deiner
Sprachkenntnisse und Deines sorgfältigen Umgangs mit der
deutschen Sprache und Rechtschreibung weitergehen in
Richtung Übersetzungsmanagement und evtl. Qualitätssicherung.
Voraussetzungen sind natürlich perfekte PC-Beherrschung
aller Programme (auch CAT, aber das bräuchtest Du für das
Übersetzen und Dolmetschen auch) und ein gutes Sprachgefühl
inklusive Interesse an allen Sprachen.
Wo Du eine Ausbildung in dieser Richtung machst, ist natürlich
egal - ich gehe sogar davon aus, dass ein Ausbildung in
Griechenland in Deutschland ganz gerne gesehen wird.

Wenn ich Dir bei Bewerbungen oder sonst irgendwie weiterhelfen
kann, schreibe mir einfach eine Mail.

Viele Grüße

Tanja