rites de passage
[Vorsicht - mal wieder weit ausgeholt *ggg*]
Bei sehr vielen rituellen Handlungen gehen im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden die Kenntnisse ihrer ursprünglichen Bedeutung verloren.
Es kommt hinzu, daß die originäre Bedeutungen innerhalb mancher Kulturen bzw. Kulte nachträglich in eigene spezifische Mythenbildungen eingeflochten wird. Dadurch wird der Ritus für diesen Kult zwar genau definiert, aber warum er gerade diese Form hat, ist dann nicht mehr erkennbar.
So ist es auch mit der Zirkumzision (Vorhautbeschneidung) im Judentum bzw. im israelitischen Kult: Sie ist eine symbolische Handlung, durch die das Individuum als Teilhaber am Bund Jahwes mit seinem Volk initiiert wird. Diese Bedeutung wurde in
- Mos 17.9-14, 3. Mos. 12.3 und per Analogie in 3. Mos 25.3-4
festgelegt. Aber wie man leicht nachlesen kann, ist dort nicht erkennbar, warum der Ritus gerade diese Form hat.
Tatsächlich ist aber die Zirkumzision bei vielen semitischen Völkern der Antike vorhanden gewesen, nicht nur bei den Israeliten: Es gab sie in Ägypten, in Syrien, in Phönizien und auf der arabischen Halbinsel.
Tatsächlich gehört dieser Ritus zu einer uralten und weltweit verbreiteten Form des Initiationsrituals, bei dem ein vorher undefiniertes Individuum als eine zum Stamm gehörige Person geweiht wird. Das Individuum macht dabei sozusagen einen Übergang von einer Existenzform in eine neue durch. Daher nennt man diese Rituale in der Religionswissenschaft auch unmißverständlicher " rites de passage" (Übergangrituale).
Wie viele andere Rituale (aber nicht alle) hat dieses sein kultisches „Gewicht“ durch eine (nur mythologisch verstehbare) Identifizierung des Aktes im Hier/Jetzt (rel.wiss. Terminus: h/n = „hic et nunc“) mit dem archetypischen Urakt der Kosmogonie (Weltentstehung). Mythische Kosmogonien haben weltweit eine Standartform (die jeweils kulturspezifisch variiert wird): Es wird eine Grenze gezogen (bzw. ein Übergang gemacht) zwischen einer un"definierten" Urwelt/Urzeit zu einer (nunmehr) „definierten“ Welt mit einer eindeutigen Historie und Geografie. Oft geschieht das deutlicher dadurch, daß eine mythische Urgestalt (Ur-Riese/Ur-Ungeheuer), die die Urzeit/Urwelt repräsentiert, zerstört, getötet, zerstückelt , zweigeteilt oder kastriert wird. Aus deren Körperteilen wird dann die „Welt“ hergestellt (Ymir, Tiamat, Purusha, Uroboros usw.).
Mit diesem kosmogonischen Akt wird das ritualische Hier/Jetzt „magisch identifiziert“ („identification magique“ bei C.G.Jung. Mircea Eliade hat dafür den Terminus „Reaktualisierung“ eingeführt: Er ist stärker bzw. etwas anderes als bloße „Repräsentaion“ oder „Erinnerung“).
Speziell im rite de passage geschieht diese Reaktualisierung, durch die das Individuum an der mythischen Anfang geführt wird und folglich (Mythen sind allemal extrem „folgerichtig“) in diesem Akt hierundjetzt existentiell " erneuert" wird, durch symbolische Identifikation mit dem (zu zerstückelnden) mythischen Urwesen: Es wird mythisch getötet und erfährt dann per Analogie mit der Weltentstehung eine (Wieder-) Auferstehung. Dieser Akt wird aber innerhalb von Kulten existentiell (bzw. ontisch) verstanden und keineswegs nur „als ob“ (das ist bei allen sog. Symbolen und symbolischen Handlungen so).
Hierbei spielt der Initiator eine wesentliche Rolle als mythischer Begleiter: Der Schamane, Medizinmann, „Priester“, auch noch im johanneischen parakleitos, „Paraklet“ = „Begleiter“ erkennbar. Dieser Initiator bekommt seine Vollmacht, aber auch seine Fähigkeit zu dieser Handlung übrigens dadurch, daß er selbst diesen „Tod“ und diese „Auferstehung“ ebenfalls durchgemacht hat. So klettert bei manchen Kulten Nordostasiens der Schamane (in einem Standart-Trance-Traum) auf einem Baum (reaktualisert die Weltachse) in den Himmel und fällt zerstückelt wieder auf die Erde. Sein Initiator setzt ihn dann wieder zusammen.
So wird transparent, wie sich diese initiatorischen Körperverletzungen mythologisch deuten: Es sind Symbole dessen, was mit der kosmogonischen Urgestalt bzw. Urwelt geschieht: Haut ritzungen und Hautzeichnungen (in vielen Stämmen Zentralafrikas) „reaktualisieren“ die kosmogonische Grenzziehung zwischen Urwelt und realer Welt. Andere Verstümmelungen: die Zirkumzision (Vorhautbeschneidung, speziell semitisch, aber nicht ausschließlich israelitisch), die Inzision (Einschneidung: Lippen, Fingerkuppen, Nasenspitze, Ohrläppchen, vorwiegend Afrika), die Exzision (Abschneidung: Clitoris, innere Schamlippen, speziell Nordafrika, Fingerspitzen, dito Zentralafrika) sind dagegen Reaktualisierungen der Verstümmelung des Urungeheuers.
Bei den meisten Völkern gehört zum Übergangsritual noch (neben einer Einweisung in die stammesspezifischen Mythen) die sog Seclusion : Die Probanden werden aus der sozialen Welt ausgeschlossen, also eingesperrt (Höhle oder Zelt), und zwar in Zeiträumen von einigen Tagen bis zu drei Jahren.
Auch das Alter der Probanden, in dem sie den Übergangsritus vollziehen, ist sehr unterschiedlich: Von einigen Tagen nach der Geburt bis nach der Pubertät (diese Riten sind nicht , wie man früher glaubte, Pubertätsrituale) bis zum Erwachsenenalter.
Zum Schluß sollte nicht unerwähnt bleiben: Auch die Taufe (unter Wasser tauchen, in verschiedenen Kulten von einmal täglich bis einmal im Leben) ist ein kosmogonisch orientiertes Ritual: Es assoziiert den kosmogonischen Mythos, wo die Urwelt als Urwasser gedacht wird, aus dem der Kosmos als Insel auftaucht - ebenfalls weltweit, vorzüglich das nun in Ägypten, Hermopolis, Theben, Hieropolis; das Ur-Eis in der Edda; tiamat (= tehom in 1. Mos. 1.2) im protosemitischen Raum usw.
Und noch eine kurze Andeutung zum nicht unterschätzbaren psychologischen Gewicht solcher Übergangsriten. Sie sind als gewissermaßen künstlich (bzw. rituell) inszenierte Lebenskrise zu verstehen, aus der man dann unter der Begleitung des " Therapeuten" zu einer neuen bzw. erneuerten psychosozialen Identität geheilt hervorgeht: Phönix aus der Asche.
Grüße
Metapher