Um Himmels willen …
… nein!
*gg*
Hi Nicole
… das Ungeheuer dessen Verstümmelung reaktualisiert werden muss, damit ist doch sicher das Böse schlechthin gemeint
Dies Urzeitwesen (das ja nur eine personifizierte Form der Urzeit/Urwelt ist) ist keineswegs der Inbegriff des Bösen. Ganz im Gegenteil, es ist Inbegriff des Numinosen (d.h. des Heiligen. Mit dem Begriff „das Numinose“ faßt Rudolf Otto alle Erscheuinungsformen des Sakralen, Heiligen zusammen).
Dazu - und zu dem Archetyp der "Unter"welt, muß ich aber wieder weiter ausholen:
Wie ich vor kurzem schrieb unter „religiöse Erscheinungen“
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
gehört die Unterscheidung „sakral/profan“ zu den wesentlichen Bestimmungen allen religiösen/mythischen Handeln und Erlebens. Besser würde man von „fan/pro-fan“ sprechen, aber das Wort „fan“ = „heilg“ ist aus der Umgangssprache verschwunden („pro-fan“ heißt genau: „vor dem Heiligen“, also „draußen vor“). „Draußen vor“ ist damit mythologisch die Selbstbefindlichkeit der realen Lebenswelt. Das ist international und die Paradiesgeschichte aus der Genesis 1. Mos. ist nur ein Beispiel davon.
Wie oben in dem Posting erwähnt, ist die Kosmogonie wesentlich eine Grenzziehung, und diese Grenze ist nun zugleich die zwischen dem Fanen (die Urwelt /Urzeit) und dem Pro-Fanen (die reale historisch-geografische Welt und der reale Mensch darin).
Um nun (und das ist jetzt rein mythologisch argumentiert!) den realen Bestand der Welt zu garantieren und zu erhalten, muß man dafür sorgen, daß diese (kosmogonische) Grenze erhalten bleibt (das hast du völlig richtig vermutet).
Der Übergang von der Urwelt zur Welt wird generell so dargestellt, daß die Welt durch eine Dualität, Zweiheit bestimmt ist (im Gegensatz zu der urweltlichen Einheit). Diese Dualität hat verschiedene Repräsentanten: „Himmel/Erde“ ist dabei die allgemeinste Form, „männlich/weiblich“, „Licht/Finsternis“, „fest/flüssig“… und eben auch: „gut/böse“.
Somit ist die Stabilität der realen Welt dadurch gewährleistet, daß man diese Zweiheiten sorgfältig auseinanderhält. Himmel und Erde werden durch den Urbaum (Yggdrasil, die Weltesche, Baum des Lebens usw…) auseinandergehalten, die ritualische Trennung der Geschlechter ist eine andere Form des Auseinanderhaltens, die Trennung von Tag/Nacht bzw. Licht/Finsternis wird durch Sonne und Mond geregelt. Und eine weitere Form dieser Stabilität ist eben die von dir angesprochene Trennung bzw. Unterscheidung von „gut“ und „böse“!
Mythologisch macht also nicht das Gute (und die „Exkommunikation“ des Bösen) das soziale Handeln aus, sondern die sorgfältige Unterscheidung zwischen beiden: Die ist dann ja auch wesentlich für die Formulierung ethischer Gesetzgebungen.
Die Erhaltung des Kosmos wird nun ritualtechnisch so garantiert, daß man in a.jahreszyklischen oder b. singulären Ritualen die Kosmogonie wiederholt (genauer: reaktualisiert): Dies ist die Basis für alle jahreszyklischen Rituale, aber auch für alle sakralen Akte allgemein. Die Wiederholung funktioniert so, daß irgendetwas geschieht, wodurch die die Welt stabilisierende Dualität kollabiert, damit die Welt an den kosmogonischen Anfang zurückkehrt - damit sie dann automatisch (denn die eigentliche Kosmogonie ist ja prototypisch in der mythischen Vergangenheit schon geschehen) wieder in erneuerter Form beginnen kann (das ist z.B. das „Neue Jahr“).
Zu diesen sakralen Akten gehört auch z.B. der Koitus (= der Kollaps der Differenz „männlich/weiblich“ - repräsentiert z.B. durch den Uroboros, die Schlange, die sich selbst vom Schwanz her auffrißt). Das ist die mythologische Basis für die Sakralisierung der Sexualität.
Denn alle Akte, die die vor-kosmogonische Einheit wiederherstellen, sind sakrale Akte - und die dürfen nicht ohne rituelle Regelung vollzogen werden: Die Handelnden müssen „initiiert“ sein. Das hängt wiederum damit zusammen, daß das Sakrale selbt wieder in einer doppelten , ambivalenten Weise erlebt wird: 1. als Faszinosum (das Anziehende, Faszinierende, Erhabene, Schöpferische, Vertrauenswürdige) und 2. als Tremendum (das Ab- und Erschreckende, Zerstörende, Grausame, Tödliche). Diese Ambilvalenz läßt sich ebenfalls mythologisch erklären.
Wer also in unerlaubter, nicht-initiierter und nicht ritualisch geregelter Weise die Grenze zum Heiligen überschreitet, der erfährt es in Form von Schrecken, Angst, Tod. Schönes literarisches Beispiel: Schillers Ballade „Das verschleierte Bildnis zu Sais“.
Diese doppelte Erscheinungsweise des Sakralen, Numinosen ist der Ursprung der Vorstellungen von Unterwelt, Hades, Tartaros, Schehol, Hölle usw. usw.
Der Teufel dagegen hat einen damit gar nicht zusammenhängen Hintergrund. Siehe:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Wem dieses Argumentieren mit Einheiten und Zweiheiten, Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen, etwas verwirrt, der sieht das ganz richtig *g*. Das ist der Grund, warum archaisches mythisches Denken immer wieder fälschlich gedeutet und mißverständlich diskutiert wird - und letztlich innerhalb der bestehenden Religionen überhaupt nicht (mehr) verstanden wird - und in der sogenannten „Esoterik“ erst recht nicht. Mythisches Denken hat eine ganz ungewöhnliche innere Ordnung und Folgerichtigkeit, aber der Einstieg ist nicht ganz einfach.
Eine zusammenfassende Publikation, die zur Orientierung in diesen Sachen nützlich ist, gibt es hier:
Manfred Gies: „Zum mythen-logischen Zeitbegriff.
Der Zusammenhang zwischen Ritual und Kosmogonie
als archaische Philosophie der Zeit“.
In: G. Heinemann (Hrg.): Zeitbegriffe. Freiburg 1986
Gruß
Metapher