Hallo Bethje,
Aber genau das finde ich so eigenartig. Es WAREN Juden und
jetzt gibt es Diskussionen, weil in dem Film den Juden die
Schuld gegeben werden soll. Aber wo liegt bitte das Problem,
wenn ‚sie‘ es ja eh waren?? Dann kann man das in dem Film doch
auch zeigen, oder?
Dein Posting macht für mich ziemlich deutlich wo das Problemgemenge liegt. Du gehtst davon aus, es waren „die Juden“ und man dürfe das offensichtlich so nicht sagen - siehe der Vergleich mit den Nazi-Filmen.
Das Neue Testament ist kein Geschichtsbuch, auch wenn es historische Details enthält. Es ist keine Biografie, auch wenn sich Biografisches darin spiegelt. Evangelium (griech. euangelion, wörtl. "gute Botschaft) ist eine literarische Stilform, wie „Brief“ oder „Kochrezept“ oder „Kurzgeschichte“ oder „Gleichnis“ eine literarische Stilform ist. Der Aussageabsicht eines Evangeliums ist, dass Menschen zum Glauben an Jesus als Messias finden. Davon ist natürlich die Art geprägt, wie es geschrieben wird, also wie bestimmte vorliegende Stoffe aus verschiedenen Quellen komponiert werden (Gleichnissammlungen, Aussprüche von Jesus, Wundererzählungen, Heilungsgeschichten etc.).
Die Evangelien wurden niedergeschrieben zwei Generationen nach dem Tod von Jesus. In ihnen spiegeln sich die Konflikte zwischen Juden dieser Zeit untereinander und mit der Besatzungsmacht viel stärker, als die Gegebenheiten zur Lebenszeit Jesu.
Die junge christliche Kirche hatte ein massives (Überlebens-)Interesse daran, Pilatus besser darzustellen (ein bißchen softie und unentschlossen) und ihn zu entlasten auf Kosten der Juden bzw. des Hohepriesters Kaiphas.
Außerdem fließt in die Niederschrift der Evangelien sehr stark ein, daß der Tempel 70 unserer Zeitrechnung zerstört wurde, was dahingehend gedeutet wurde, „die Juden“ seien verstockt, weil sie Jesus nicht als Messias anerkennen.
Wenn nun jemand einen Film dreht oder ein Passionsspiel verfaßt, steht er vor einigen Problemen, denn es gibt - im Hinblick auf die Evangelien - nur einige Eckpunkte:
- jüdische Führungspersönlichkeiten hatten mit der Verhaftung zu tun
- Jesus wurde angeklagt von jüdischen Führern
- Petrus streitet ab, dass er Jesus kennt
- Pilatus verhört Jesus
- Jesus wird angeklagt und verurteilt
- Jesus wird gekreuzigt mit zwei anderen, die als politische Aufwiegler gelten
- Soldaten verteilen unter sich die Kleidung von Jesus
- Jesus stirbt an einem Kreuz und darauf wurde geschrieben: „König der Juden“.
Und selbst bei diesen Fixpunkten findet man bei einigen in unterschiedlichen Evangelien unterschiedliche Darstellungen:
- der Hohepriester klagt Jesus an oder auch nicht
- nur bei Johannes wird davon ausgegangen, dass Pharisäer eine Rolle spielten
- die Anklage erfolgt nachts oder morgens, im Haus des Hohenpriesters oder auch nicht
- der Vorschlag der Freilassung von Barabbas kommt von jüdischen Führungspersönlichkeiten oder von Pilatus
- Jesus wird ein bitteres Getränk angeboten vor oder während er am Kreuz hängt und er nimmt es an oder lehnt es ab
- seine Kleidung wird zerteilt und verlost oder sein Übergewand bleibt ganz
- die beiden, die neben ihm Gekreuzigen beschimpfen ihn oder einer beschimpft ihn und der andere sucht seine Zuwendung
- Jesus wird nach dem jüdischen Kalender am 14. oder 15. Nissan getötet.
Daraus kann man keinen in sich konsistenten Film machen. Jeder Regisseur entscheidet sich für bestimmte Details, läßt andere weg und nimmt möglicherweise noch andere Motive aus Tradition / Legende / Visionen um den Stoff umzusetzen. Und genau diese „Unterfütterung“ bringt eine Tendenz in der Aussage mit sich. Jedes Passionsspiel und jeder Film über die Leidensgeschichte Jesus ist eine Kombination aus Fakten, Glaubensüberzeugungen und darstellerischen Mitteln (Spannungsaufbau etc.).
Wenn man sich nun die historische Seite ansieht, wird folgendes deutlich:
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Jesus war Jude, und viele Juden folgten seinen Lehren - wie es eben zu der Zeit viele Wanderprediger mit entsprechender Anhängerschaft gab.
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Pilatus hatte unter seinen Zeitgenossen den Ruf sehr grausam und brutal zu sein. Seine politische und militärische Macht waren absolut.
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der Hohepriester wurde von der Besatzungsmacht ernannt und kontrolliert und konnte nur solange in seinem Amt zugange sein, wie er das Volk ruhig hielt und solange er sich der römischen Obrigkeit gegenüber loyal verhielt.
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die Kreuzigung war eine übliche Hinrichtungsmethode, die denen gegenüber von Rom angewandt wurde, die sich politischer Vergehen schuldig gemacht hatten. Jüdische Führer konnten innerjüdisch Recht Sprechen, wenn jüdisches Recht gebrochen wurde.
Über Volksverhetzer, Revolutionäre, Attentäter und sonstige politische Rechtsbrecher konnten sie nicht Recht sprechen.
Wer also die Juden als die Schuldigen am Tod Jesu darstellt, geht an diesen historischen Tatsachen vorbei.
Man wird den Film von Gibson danach beurteilen müssen - oder ich werde es zumindest tun - wie er diesen Dingen gerecht wird und mit ihnen umgeht.
Ich habe bis jetzt so einiges in der Presse über den Film gelesen, und in der deutschsprachigen Berichterstattung fallen mir zwei Besonderheiten auf:
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Es wird immer nur darauf hingewiesen, daß jüdische Organisationen / Einzelpersonen Vorbehalte gegen den Film haben. In Amerika ist es aber durchaus so, daß auch aus unterschiedlichen christlichen Kreisen diese Vorbehalte geteilt werden. Warum wird das in Deutschland verschwiegen? Will man wieder mal das Stereotyp bedienen, daß die Juden wieder mal überempfindlich sind?
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Mel Gibson scheint in seiner Darstellung ganz wesentlich von den Visionen einer deutschen Augustinernonne, die Anfang des 19. Jahrhunderts lebte, inspiriert zu sein - Anna Katharina Emmerich.
Da wäre dann zu fragen, wovon diese Frau geprägt ist.
Schließlich haben die Darstellungen in den Evangelien auch eine Wirkungsgeschichte, die für Juden - besonders um die Osterzeit - häufig unheilvoll war.
Als der Staat Israel gegründet wurde, war eine der ersten juristischen Anfragen die von einigen evangelischen theologen, die wünschten, daß der Justizirrtum im Falle Jesu rückgängig gemacht würde. Die israelische Gerichtsbarkeit fühlte sich nicht zuständig.
Chajm Cohn hat sich 20 Jahre in seiner Freizeit mit dem Thema beschäftigt und zwar als jemand, der Rabbiner und Jurist war.
Er hat also die Details, die wir aus den Evangelien kennen, jüdische quellen und andere zeitgenössische Quellen ausgewertet.
Das ist in seinem sehr interessanten Buch „der Prozess Jesu“ (jüdischer Verlag im Suhrkampverlag) nachzulesen.
Viele Grüße
Iris