Hallo Marco,
deine Website gefällt mir nicht schlecht. Allerdings ist der optische Wert deiner Kompositionen meines Erachtens erheblich höher als der literarische.
Für insgesamt am gelungsten halte ich »Leben« und »Ist der Mensch der Regen der Sintflut?«. Bei sämtlichen Gedichten – je länger, desto schlimmer – hatte ich jedoch einen etwas schalen Nachgeschmack des Abgenutzten, schon zu oft Dagewesenen. Ich kann den Stil oder die textlichen Versatzstücke keinen konkreten Quellen zuordnen, aber dieses »Das ist nicht neu«-Gefühl werde ich nicht los. Der Versuch, wie bei »Relevant« den Text noch stärker in die optische Gestaltung einzubinden, führt in meinen Augen zu keiner Bedeutungsverstärkung. Du wirst mir gewiss widersprechen, aber die grafischen Mittel erscheinen mir relativ willkürlich.
Bei einige Gedichten, z. B. von den beiden Königen (»Tach, Nacht!«), war ich nicht ganz sicher, ob es sich tatsächlich um ein Gedicht oder nicht doch um ein büttenredenartiges Konstrukt handelt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, wenn nicht nahezu unmöglich, einen neuen Effekt, einen wirklich neuen Sinn zu erschaffen, ohne über die Maßen Bekanntes zu kopieren. Jeder Autor tut das, denn im Prinzip ist in den letzten 2000 Jahren alles schon erzählt worden; entscheidend ist, auf welche Weise und in welchem Umfang. Es ist offenbar nicht jedem (mir auch nicht) gegeben, das richtige Maß zu finden. Man sollte sich bewusst sein, dass in diesem Fall nicht mehr als ganz angenehme Gebrauchspoesie herauskommt.
Da ich lese, dass du vor allem Designer bist und »Lesen« nur an fünfter Position deiner Freizeitbeschäftigungen kommt, beides keine Vorwürfe, empfehle ich: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Ich sehe, dass du nicht schlecht mit optischen Effekten umzugehen weißt, die dir offenbar leicht von der Hand gehen. Je länger der Text, desto mehr merke ich, wie du dich in immer ärgere Plattitüden verlierst und ich ehrlich gesagt auch die Lust verliere, weiterzulesen. Wenn du tatsächlich nur einen Satz, eine Art Aphorismus, mit einem Bild kombinierst, musst du viel intensiver an einem Satz arbeiten, über ihn nachdenken, was dich womöglich eines Tages dazu führt, ein besseres Gespür für die Wichtigkeit von Wörtern und Sätzen in längeren Texten zu bekommen.
Von einem möchte ich dir, falls du weiterhin Gedichte veröffentlichen möchtest, dringend abraten: den Texten eine Interpretation bzw. Inhaltsangabe zur Seite zu stellen. Deine Gedichte sind ohnehin inhaltlich relativ greifbar, sodass ich Inhaltsangaben für eher kontraproduktiv im Sinne einer wenn nicht Identifikation, so doch zumindest intensiven Beschäftigung mit den Texten halte. Man liest die Selbstinterpretation, liest das Gedicht und denkt »Ah ja, okay, so ist das«. Sogar mögliche Ambiguitäten werden vorgegeben. Das erschreckt mich.
Ich hoffe, dass dir mein Feedback hilfreich ist.
Gruß
Christopher
PS: Das Glas ist von Tchibo, nicht? 