Borderline-Beziehungen
Hi Bea,
auch deine Selbstbeschreibung zeigt das hochentwickelte Vermögen zur Selbstreflexion und die virtuosen Versuche des Selbstmanagements, die man bei Borderline-Persönlichkeiten so häufig findet. Ein famoses autobiografisches Beispiel hatte uns vor einiger Zeit einmal eine Userin hier geboten:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
und dort auch ein Kommentar zum Beziehungsproblem
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
… gefährlich wird es nur,wenn ich einen Menschen sehr mag,oder gar liebe.Dann teste ich bis zum Erbrechen seine Grenzen aus …
Yepp, das ist das Drama, durch das jeder durch muß, der mit einer solchen Persönlichkeit zusammenleben will, und gerade wenn es im besten Sinne „der Richtige“ ist, wird für ihn dieser permanente „Test“ umso krasser, extremer ausfallen. Der Test hat das Thema (und du wirst sagen können, ob das auch bei dir so ist): „Ich mute dir das Unterträglichste zu und (auch) du wirst es nicht aushalten … aber wehe, wenn du schlapp machst, dann ist die Beziehung schlagartig zu Ende [wenigstens für ein paar Tage] und ich lasse dich fallen wie eine heiße Kartoffel - und gleichzeitig wünsche ich mir mir nichts sehnlicher, als jemanden, der nicht nachgibt und nicht aufgibt …“. Verletzende Reaktionen des Partners werden mit Perfektion (und einem hohen Maß an Menschkenntnis) provoziert, aber nicht die geringste Kleinigkeit an Fehlverhalten des Partners wird je vergessen und bei Gelegenheit als Handgranate in den Diskurs eingebracht.
Auf soetwas muß ein Partner vorbereitet sein, er muß wissen, daß er vernichtende Urteile auszuhalten hat, er muß lernen, damit zu rechnen, daß eine geringste Abweichung von einem (ganz willkürlich ad hoc vorgegebenen) Soll bei ihr die heftigsten zerstörerischen Reaktionen auslösen kann.
und um es kurz zu machen:smiley:aran ist bisher jede Beziehung gescheitert.
Ja, eines der charakteristischen Merkmale einer Borderline-Biografie.
Aber auch der, der darauf vorbereitet ist, wird Ehrgeiz entwickeln „Niemand hats geschafft bei ihr, ich werde es schaffen“, aber nur selten begegnet man einer solchen Beziehung, die mehr als ein paar Jahre überstanden hat. Denn - du wirst es ja wissen - es geht ja nicht nur darum, ob der Partner genügend Durchhaltevermögen hat, sondern ob ihr selbst die Beziehung auf Dauer genügend starken (meist erotischen, auf jeden Fall aber kämpferischen) Reiz bietet: Die meisten Borderlinerbeziehungen werden immerhin vom Borderliner-Partner gekündigt!
Mittlerweile bin ich-rein aus Selbstschutz-dazu
übergegangen,keine Gefühle mehr zuzulassen,also weder mich
richtig zu verlieben,noch Zuneigung anzunehmen.
Auch solche Phasen sind sozusagen Standard in einer Borderline-Biographie. Nun ja, du wirst es nicht zum ertsne Mal tun: Es dauert eine Weile und dann läßt du diese emotionale Abstinenz wieder. Nichts unerträglicher als emotional reizloses Leben.
Noch führen wir eine Wochenendbeziehung,noch habe ich das Kribbeln in
meinem Bauch weitgehend unterdrückt …
Wenn man dir nur einen sinnvollen Rat geben kann: Unterdrücke es nicht. Gib ihm die Chance, diese Capriccios, die ihn eh erwarten, einmal in Reinfrom zu erleben. Es erfordert die Fairness, daß du ihn nicht erst nach dem Zusammenziehen ins offene Messer laufen läßt.
Egal was er tut-er macht es -aus meiner Sicht-falsch.Ich gebe nicht nach,weiß,wie verletzend ich bin …
Nicht unwichtig wäre ja nun zu wissen, wie er denn darauf reagiert? Nach deiner kurzen, aber prägnanten Selbstdarstellung brauch ich dir die Kriterien deiner „Tests“ nicht zu erzählen: Gibt er devot nach? Läuft er - bildlich gesagt - winselnd und jammernd von dannen (und kommt selbstverständlich zurück)? Wird er aggressiv? Macht er Vorwärtsverteidigung? Kontert er mit „wie du mir, so ich dir“-Taktiken? Agiert er - im Falle einer Explosion - eskalierend oder deeskalierend? Ist er imstande, dich in einer solchen Phase „herunterzuholen“? Wenigstens ab und zu einmal? Denn das scheint mir die wichtigste Eigenschaft zu sein, die ein BL-Partner mitbringen muß: Das allein wäre eine dauerhafte Mitgift, die es dir ermöglicht, Hochachtung zu erhalten, denn - darüber brauchen wir kaum zu diskutieren - ein Mittelding zwischen Hochachtung und Verachtung wird es kaum geben.
vor Allem aber würde ich mich gerne mal entschuldigen.
Probier es aus, es wird dir ein vorübergehend angenehmes Gefühl sein, auch wenn es dich unvorstellbare Mühen kostet. Es bringt dem Partner die Möglichkeit, im Falle einer Eskalation genügend innere Distanz zu erhalten.
Meist tut er das,obwohl er es gar nicht mal müsste !!
Ich ahne (im zweiten Teil des Satzes) den ersten Anflug aus der Richtung „Verachtung“ … er müßte schnellstens lernen, das zu lassen, aber umgekehrt: wenn er es MIT triftigem Anlaß tut, schneide dir davon eine Scheibe ab und tu es ihm gleich!
Ich liebe diesen Mann-keine Frage
Das ist auch nicht die Frage. Die Frage für dich selbst wäre vielmehr: WAS liebst du an ihm!
Ich habe fast alles über das Borderline-Syndrom gelesen,
Ok, dann ist dir
ISBN 3466303265 Buch anschauen
natürlich längst bekannt. Es wäre für ihn übrigens eine höchst sinnvolle Lektüre, nachdem du ihm wohldosiert ein wenig über dich erzählt hast. Denn das, daß du ihm über dich erzählst, bevor du zu härteren Dosierungen übergehst, halte ich für sehr sinnvoll, ja für notwendig. Es ist besser, daß er bereits etwas weiß über das, was er erlebt, wenn er es denn aktuell erlebt.
aber er liest nicht gerne,deswegen wäre er mit einem Buch wohl völlig überfordert.
Bea - mal ganz offen gesprochen: Bist du dir klar darüber, daß mindestens genau das eine Eigenschaft sein wird, wegen der du diesem Mann in absehnbarer Zeit bei dir keine Chance mehr geben wirst?
Reden kann ich auch nicht so gut darüber,
Brauchst du ja nicht, laß es ihn erleben! Aber: Hinterher wäre eine gute Gelegenheit, ihm etwas daürber zu erzählen …
Am Wichtigsten ist mir,dass er Verhaltensregeln lernt,die
weder ihm,noch mir schaden.
Das IST doch gerade die Paradoxie: Wenn er Verhaltensmuster gelernt haben würde, wie er die Eigenschaften der Borderline-Partnerin erträgt und weiterhin deeskalierend mit ihr umgehen kann, dann wird sie wissen, daß er sich ihr gefügig angepaßt hat, und niemand hat weniger Chance dazu, auf Dauer ihr Objekt der Hochachtung zu bleiben, als einer, der sich ihr anpaßt. Ohne Widerstand ist eine Beziehung für die Borderlinerin reizlos, und Reizloses findet ihre herzlichste Verachtung. Dies nur als generelle Typusbeschreibung. Ob es bei dir auch so ist, kannst nur du selbst wissen.
Z.B.drohe ich ihm oft mit Selbstmord-was ich,wenn noch Depressionen
dabei sind,auch nicht 100%-ig ausschließen möchte.Meistens aber will
ich damit nur seine Aufmerksamkeit erzwingen !
Klar. Depressive Phasen und Suizidthema gehören zum Menu, das die BL-Persönlichkeit zu bieten hat. Damit BL-adäquat umzugehen ist eine Kunst. Wenn er nicht über soetwas dialogisch mit dir reflektieren kann (bzw nicht mag), und sich dazu nicht von sich aus Erfahrungsextrakt besorgt - z.B. aus Literaturen oder durch einschlägig(!!!) sachkundige psychologische Psychotherapeuten - dann weißt du doch selbst aus deiner eigenen Erfahrung, wie das mit euch ausgehen wird.
Wie soll er sich dann verhalten,ohne mich dabei zu ignorieren,oder abzulehnen?
Ja, sicher deine größte Angst (weil Hauptstück beim Ursprung dieser Persönlichkeitsentwicklung). Und zugleich bist du es selbst, die das hier sagt und tut:
Ich kündige hin und wieder an,die Beziehung zu beenden,obwohl ich
das auf keinen Fall will,deswegen habe ich Angst,dass er
mal:„Na und,mach doch“,antwortet.
Eben! Und genau auf diese Standfestigkeit mußt du ihn „prüfen“ … schade, daß du nicht gleich etwas über deine bisherigen Erfahrungen mit ihm geschrieben hast …
Ich bin super anstrengend,weiß auch,dass ich mir dringend therapeutische Hilfe suchen muß
Dazu hat Sam dir alles nötige geschrieben.
aber in erster Linie möchte ich wissen,wie
ich ihm meine Krankheit nahe bringen kann,ohne ihn zu
überfordern (soll ich überhaupt nach so langer Zeit noch was
sagen ?)
Du solltest es vor allem nicht „Krankheit“ nennen, denn diese Eigenschaften nennt man schon lange nicht mehr so - aus gutem Grund. Außerdem ist es sinnvoll, die „Borderline-Persönlichkeit“ (als Typus) zu unterscheiden von der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ob das zweite auf dich zutrifft, kann dir nur ein darauf spezialisierter psychologischer Psychotherapeut sagen, nachdem er dich gründlich kennengelernt hat …
und welche Regeln es gibt,damit er sich ebenfalls schützen kann.
Es gibt vor allem eine Regel, die ihm den Untergang bescheren wird: Wie oben gesagt …
Hat die Beziehung überhaupt einen Sinn ?
Ja. Du hast es (wie du selbst sagst) immer wieder versucht, also versuche es immer wieder … auch wenn du eines Tages sehen solltest, daß genau das, das versuchen, dein way of life ist.
Grüße
Metapher