Das ist nicht mein Chef. In der Abteilung arbeiten sehr sehr
viele, ich bin keinem direkt unterstellt, ich arbeite nur für
diese Person. Als Azubi ist man halt quasi „unter allen“,
daher habe ich da auch erstmal nichts gegen.
Das ist ein ziemliches Kuddelmuddel. Du störst dich am Begriff „Chef“? Egal. Diese Person ist in der Hierarchie über dir.
Als Azubi hat man das Recht darauf, etwas zu lernen. Das ist
ein Privileg, ich weiß.
Was denn nun, Recht? Privileg? Du drehst in der Argumentation.
Nur leider kommt es häufiger vor, dass
Azubis ausgebeutet werden.
Was allgemein zwischen Himmel und Erde passiert, interessiert nicht.
Ich weiß, wie es in anderen
Abteilungen läuft, da kommt häufig auch mal eintönige Arbeit
vor, bei der man nichts lernt, aber das ist nichts, im
Vergleich zu jetzt.
Du hast geschrieben, dass du erst wenige Tage in dieser Abteilung arbeitest. Vielleicht machst du erst einmal halblang? Natürlich hat der Azubi auch ein Recht auf Lernen, aber nichts desto trotz müssen bestimme Arbeiten gemacht werden, seien sie noch so stumpfsinnig - wenn sie zum Arbeitsumfeld dazu gehören.
Werde doch mal konkret: Was für eine Lehre, was für eine Abteilung, welches Lehrjahr, um was für Tätigkeiten geht es?
Ich interessiere mich nicht für das Privatleben meiner
Arbeitskollegen. Im Gegenteil! Besagte Person kommt zu einem
und erzählt die halbe Leidensgeschichte und man hört artig zu,
man will ja nicht unhöflich sein, aber dann wird erwartet,
dass man auch etwas erzählt oder Anteil nimmt, und das möchte
ich nicht. Wie sagt man das freundlich?
Versuch doch mal in der Ich-Form zu reden, so für den Anfang. Nicht „man“ hat das Problem, sondern du. „Man“ hat nämlich den Nebeneffekt, dass man (also in dem Fall wir hier) glauben sollen, dass das ein immer gültiges Verhalten dieser Person ist.
Ich hab durchaus kein Problem damit, zum Chef (!) zu gehen, um
alles sachlich zu schildern.
Das wird schwierig. Sicher sollst du dich nicht von jedem Rumschubsen lassen. Nur meine Vermutung ist: Du hast ein Autoritätsproblem, ob generell, lässt sich so nicht sagen. Aber gegenüber dieser Person hast du es. Du windest dich wie ein Aal. Mal bist du ihm unterstellt, aber Chef ist es nicht. Und sagen lässt du dir nur vom Chef was. Akzeptierst du generell nur Ansagen von Leuten ab einer bestimmten Hierarchiestufe? Oder liegt es nur an dieser Person, weil sie dir nicht passt? Oder gar wegen des Stempels „Depression“?
Aber bevor ich da die halbe
Kompanie aufscheuche, versuche ich es erstmal selbst zu lösen.
Vielleicht gibts hier ja Tipps, statt nur Vorwürfe?
Die Tipps hast du eigentlich schon bekommen. Akzeptiere erst einmal die Hackordnung. Und lerne dich in Geduld zu üben. Egal an wen du dich wendest in der Angelegenheit: Du wirst nirgendwo gut abschneiden, wenn du nach wenigen Tagen dich beschwerst mit dem Argument, die Arbeiten seien eintönig!
Man ist aber auch kein Hilfsarbeiter, der den ganzen Tag das
gleiche erledigt. Schon gar nicht in den ersten zwei Tagen, wo
noch alles neu ist und tausend andere Dinge erklärt werden
könnten, bevor man zur Alltagsroutine übergeht. Zumindest
läuft das in den anderen Abteilungen so.
Und in der Abteilung läuft es halt anders. Du willst also als Azubi vorschreiben, wie das mit deiner Einarbeitung zu funktionieren hat? Wirklich klasse. Ich wiederhole mich: Egal, zu wem du mit dieser Einstellung gehst, du kannst nur verlieren.
Sorry, dass ich weiß, dass der Kollege (nicht Chef! Nur um das
nochmal zu betonen)
Er ist in der Hierarchie über dir, um das noch einmal zu betonen!
an einer Depression bzw. depressiven
Stimmungen leidet. Ich wühle nicht darin herum, es ist eine
unabänderliche Sache und ich will lernen damit für beide
Seiten schonend umzugehen.
Du brauchst dich als Azubi um seine Depression nicht zu kümmern. Mach deinen Job! Dazu gehört, ALLE Arbeiten vernünftig zu machen, auch die unbeliebten.
Wenn er einen verdrehten Arm hätte, würde ich ihn ja direkt
darauf ansprechen,
Wieso das?
aber das ist bei einer psychischen
Krankheit immer so eine Sache… es wird oft falsch
verstanden.
„So eine Sache“ ist das mit der psychischen Krankheit nicht. Die Betroffen können in der Regel weit besser damit umgehen, als das Umfeld. Das Umfeld ist nämlich das, was da was falsch versteht.
Ich habe immer mehr den Eindruck, dass du ein sehr diffuses Bild von psychischen Krankheiten im Allgemeinen und hier im Besonderen mit der Depression hast. Ich glaube auch, dass da des Pudels Kern für dein Problem liegt. Die Frage ist dir hier schon mal gestellt worden: Kannst du versuchen dir ehrlich zu dir selbst zu beantworten, ob du auch so reagieren würdest, wenn du nichts von der Depression wüsstest? Ehrlichkeit mit sich selbst ist hier ein sehr ernst gemeinter Tipp.
Ich glaube, dein Chef ist gar nicht drin in der Nummer. Das
Nummerngirl bist du ganz alleine.
Hmmm. Selbst wenn ich mir das alles ausgedacht hätte, immer
noch kein Grund mich zu beleidigen finde ich.
Das war nicht als Beleidigung gemeint. Es war vielleicht etwas salopp.
Für diese Ungenauigkeit kann ich mich nur entschuldigen, aber
mir ist kein besseres Wort eingefallen. Ich arbeite quasi
„für“ ihn, aber es ist trotzdem nicht mein Vorgesetzter,
obwohl er natürlich mir was zu sagen hat, weil ich eben nur
Azubi bin.
Und schon wieder der Aal. Er steht in der Hierarchie über dir! Basta, Ende. Friss es.
Wenn ich ausgelernt bin, habe ich den gleichen Rang
und es ist eben kein langjähriger Mitarbeiter, sondern selbst
gerade ein paar Jahre aus der Lehre raus.
Du suchst krampfhaft nach Gründen, warum du dir von ihm nichts sagen lassen musst! Und wenn es nur irgendetwas in der Zukunft ist. Merke: Nicht du bestimmst, wer dir was zu sagen hat, sondern die Hierarchie im Unternehmen!
Hm. Kern der ganzen Sache war doch, dass ich gefragt habe, wie
ich so damit umgehen kann, dass es für beide Seiten möglichst
schonend und reibungslos über die Bühne geht oder?
In dem du endlich akzeptierst, wer in der Hierarchie über dir steht.
Was hat das
mit Respektlosigkeit zu tun? Ich könnte auch einfach hingehen
und sagen „ich will nichts mit dir zu tun haben, weil du
depressiv bist.“ DAS wäre töricht und respektlos.
Das wäre nicht nur töricht und respektlos, damit würdest du deine Ausbildung gefährden. Nur zu. Im Übrigen bestätigst du mit dieser Aussage eigentlich endgültig den Verdacht, dass es dir nur um die Krankheit Depression geht, mit der du nicht klar kommst oder nicht klarkommen willst. Das ist Diskriminierung.