Hallo Gernot,
was ich davon halte? Na zuerst einmal, daß es am Ende dann
nicht einen lebensmüden Idioten gibt sondern zwei.
Lebensmüdigkeit=Idiotie?
Und ich denke mal, daß dann beide gar nichts begriffen haben.
Immerhin hat B A „begriffen“!
Denn der Gedanke der Wiedergeburt sagt ja nichts darüber aus,
als was man wiedergeboren wird und ob man dann wirklich
zufriedener ist mit seinem Leben.
„Wiedergeburt“ (zumindest so wie sie vom Ausgangsposter dargestellt wurde) wäre doch zumindest eine neue Chance für A, die Chance neu anzufangen, die Würfel ein erneutes Mal zu werfen …
Allgemein bietet der Selbstmord die Chance aus dem bestehenden „Würfelspiel“ aussteigen zu können: neu geboren zu werden, in einer „besseren Welt“ zu sein oder eben -für die Atheisten mit Freud gesprochen- ein Zurück ins Anorganische, ein Ende eines als leidvoll empfundenen Lebens.
Kann man hier wirklich die Gleichsetzung Lebensmüdigkeit=Idiotie aufrecht erhalten?
Schließlich gibt es eigentlich nur wenige Chancen, echt zu
einem materiell besseren Leben zu kommen.
"materiell"!
Man muss bestimmt kein „Idealist“ sein, um fragen zu können: was besagt dies?
Ist eine Gleichsetzung zulässig: materieller Wohlstand=gutes Leben?
wer darauf mit Ja antworten möchte, der wird auf der Suche nach guten Argumenten dafür lange beschäftigt sein.
Wir haben ein recht
hohes Lebenserwartung, eine recht gute gesundheitliche
Betreuung, ein Sozialsystem, das zumindest verhindert, daß man
hungern und frieren muß oder obdachlos ist. Wann gab es all
das schon mal in der menschlichen Geschichte?
Zweifellos ist dies eine Erfolgsgeschichte (natürlich nur, wenn man davon absieht, dass dies auch alles seinen Preis hat), aber:
kann man solche historische Fortschritte, also die Fortschritte, die im Laufe mehrerer Menschenleben und im Zuge von Zusammenwirken vieler Menschenleben erzielt worden sind, als aussagekräftig betrachten, wenn man sich ein einzelnes Menschenleben anschaut?
Es mag sein (wobei ich mir dabei nicht einmal sicher bin), dass sich der achso weltflüchtende Mensch des Jammertal-Barocks, würde er im 20. Jahrhundert landen, plötzlich im guten Leben finden würde;
was aber mit uns Menschen, die wir ins 20. Jahrhundert geboren sind, welchen Vergleich könnten wir finden?
ab nach Kambodscha?
oh sancta simplicitas!
Was also besagt Dein Hinweis auf unseren hohen materiellen Lebensstandard?
Dass wir doch zufrieden sein sollen, dass wir dafür uns als dankbar erweisen müssen, da wir doch so mit reichen Gaben gesegnet seien,…?
Was könnte dem A ein solcher Dankbarkeit fordernder erhobener Zeigefinger bringen?
Wenn einer mit dem Leben heute nicht zufrieden ist - womit
dann?
Mit einem glücklichen Leben vielleicht!
Will er in Erdhütten hausen oder mit 30 am Rheuma
sterben? Ist das echt besser?
Gegenfrage: Ist das echt schlechter?, denn als eine ironische, ihre Antwort bereits implizierende Frage, kann ich diese gewiss nicht akzeptieren.
Die große Frage wäre doch: Was ist mit einer „inneren“ Wirklichkeit, einer „eigentlichen“, psychisch-wirksamen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit des Einzelnen, die seiner Außenwelt, der materiellen Welt (Lebensstandard, statistische Lebenserwartung, Erdhütte und Rheuma) gegenüber eine relative Autonomie besitzt, die sich nicht viel darum schert, ob sie in der Hütte oder im Palast sich in Selbstzweifeln und ähnlichen Dingen wälzt?
Darf man eine solche Wirklichkeit, in der ein Trip nach Cambodia nicht viel wirkt, so einfach übersehen?
Viele Grüße
franz