Hallo Horst,
nach ein paar Tagen Krankheit bin ich mal wieder da und finde auch gleich ein Posting von Dir vor …
Kürzlich wurde im Religions-Brett meine Behauptung, das
Christentum habe sich in Europa durch Gewalt verbreitet, von
einem christlich orientierten Debattanten als
„Stammtischparole“ abqualifiziert.
Sagen wir es so, die Katholiken haben das ziemlich gleich abgelehnt, die Historiker haben zu einem differenzierteren Geschichtsbild gemahnt und selbst die eingefleischtesten Atheisten kamen nicht über die Brücke, wenn ich mich richtig erinnere.
Abgesehen davon, dass ich
hätte hinzusetzen sollen: „im wesentlichen“, halte ich aber
jene Parole für haltbar. Ich stütze mich dabei auf Deschner,
der zwar von vielen seiner Gegner (aus dem christlichen Lager)
als einseitig polemisch bewertet wird, dem aber meines Wissens
nie ein geschichtswissenschaftlicher Fehler nachgewiesen
werden konnte.
Na, dann tun wir das weiter unten einfach mal …
Der Münchner Philosophieprofessor Stegmüller
hält ihn für den „wichtigsten Kirchenkritiker“ des 20. Jhd.
Nun müsste man nur noch wissen, warum die Meinung eines Philosophieprofessors in Fragen der Geschichte relevant ist.
Meine Frage also: ist Deschners Position (die ich in jene
Formel kleidete) in ihrer Radikalität haltbar oder nicht?
Ich biete hier einige Zitate zum Thema an. Der Knackpunkt
dabei ist die Person Chlodwigs I., dem ersten großen Initiator
der Christianisierung Europas.
Was an sich bereits eine Verzerrung der Tatsachen darstellt. Chlodwig wurde um 465 geboren, Toulouse beispielsweise war bereits vor 400 Bischofssitz. Das Christentum hatte sich also bereits ganz mächtig auch ohne ihn ausgebreitet. Einfach aus dem Grunde, weil die erste Schwertmacht der Kirche, das absterbende Römische Imperium, bereits dafür gesorgt hatte.
In Irland beispielsweise hatte sich ebenfalls ein Mönchstum gebildet (Ab Ende des 3./Anfang des 4. Jahrhunderts) das bereits begann in die Bretagne und Normandie hinein zu missionieren etwa um die Zeit herum, als Chlodwig laufen lernte. Verschiedene Quellen legen auch die Anwesenheit christlicher Mönche auf Isalnd relativ früh nahe.
Das gibt uns den zweiten Anhaltspunkt. Es war der Kirche sehr wohl möglich, per Mission zu wirken, sprich, sich auszubreiten.
Vorab als Vorgeschmack ein paar Zeilen, wie frühe Christen in
Mitteleuropa mit ihren Konkurrenten umsprangen:
„So vernichteten Trierer Christen bereits um 336 den großen
Tempelbezirk im Altbachtal, vermutlich auf Initiative des
Ortsbischofs… und des damals in Trier lebenden Hl.
Athanasius. 50 Kapellen mit nordischen Göttern, ein Theater
für Kultspiele und ein Mithrasheiligtum wurden dem Erdboden
gleichgemacht. In Bonn zerschlug man Weihealtäre der
aufinianischen Matronen… usw. usf.“ (Kriminalgeschichte des
Christentums, IV, 40)
Hummm … da wird es etwas nebulös, findest Du nicht? Der Hl. Athanasius oder auch Athanasius der Große residierte in Alexandria. Der hat Trier nie betreten und wußte wohl nicht einmal von dessen Existenz. Also der war offensichtlich nicht der hier erwähnte Athanasius. Dann gab es einen weiteren, der nicht als Heiliger anerkannt wurde, aber ursprünglich in Bayern lebte, bevor er ins Rheinland zog. Das war aber erst im 9.Jahrhundert. Wäre also schon interessant, auf welchen mir unbekannten „Hl. Athanasius“ hier Bezug genommen wird.
Außerdem macht mich das Mithrasheiligtum ziemlich stutzig. Der Mithraskult war nicht derartig verbreitet, vor allem nicht nördlich der Alpen. Dort war er vor allem ein in den Legionen gepflegter Kult. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass es einem Mob aus Christen gelungen sein, sozusagen den Hausaltar einer römischen Legion zu zerstören ohne dafür niedergemetzelt zu werden, halte ich jetzt für eher gering.
In Trier findet sich aber tatsächlich die Heiligkreuzkapelle, die der Legende nach von der Mutter Konstantins d. Großen im 4.Jhdt. erbaut worden sein soll. Wir wissen, dass sie Christin war und auch, dass K sie nach Trier holen ließ wo er ja eine Zeit lang residierte. Insofern deckt sich die Geschichte mit der Legende. Nur, die Kapelle steht beinahe im ehemaligen Tempelbezirk. Das würde bedeuten, dass die Christianisierung dieses Bezirks bereits irgendwann vor 312 (als Helena Trier wieder verließ) begonnen haben muss. Also mindestens 44 Jahre bevor die bösen Christen das mit Gewalt angefangen haben sollen, minstens 144 Jahre, bevor der angeblich erste große Initiator einer christlichen Expansion, Chlodwig, geboren wurde.
Also, dieser Teil macht mich mal schwer mißtrauisch. Ich habe hier aber das Buch nicht vorlegen, vielleicht kannst Du ja mal erzählen, aus welche Quellen sich diese Kriminalgeschichte des Christentums für diesen Fall bezieht.
Nun zu Chlodwig dem Ersten (466-511): so schreibt Deschner,
dass „ethisch gesehen, unter dem Gesichtspunkt von
Menschenrechten… Chlodwigs Laufbahn nichts anderes gewesen
(ist) als der kometenhafte Aufstieg eines Gangsters, eines
Staats- und Starbanditen… Verbündet mit verschiedenen
Bruderstämmen, dehnte Chlodwig das salische Teilreich …
durch Raub, Mord, Krieg … immer weiter aus.“ (KdChr, IV,
52).
Da gibt es dann gleich zwei Dinge an Herrn Deschner zu bemängeln. Erstens war die Idee der Menschenrechte zu Zeiten Chlodwigs noch nicht geboren. Ganz einfach. Er war ein Kind seiner Zeit, ein Herrscher seiner Zeit. Insofern macht Deschner hier den 08/15-Fehler vieler eher mittelmäßiger Geschichtler, die damalige Welt mit den Maßstäben der heutigen zu beurteilen zu wollen anstatt zu versuchen, die Maßstäbe der Zeit, die sie untersuchen zu begreifen.
Zweitens war Chlodwig nie so etwas wie ein Räuberhauptmann. Er war Sohn des Childrich der wiederum einer von mehreren römischen Vasallenherrschern über Teile der Franken war. Beurteilt man seine Stellung nach damaligem römischem Recht, dann war er etwa mit einem Herrmann dem Cherusker aber auch einem Herodes Antipas vergleichbar. Ein Vasallenherrscher unter der Oberhoheit Roms.
Als Rom schwach wurde und ein Machtvakuum entstand, stieß er mit etlichen Verwandten in dieses Vakuum vor. Dabei waren seine Feldzüge keineswegs Raubzüge, nicht einmal im gleichen Maße wie es jeder gewöhnliche Kriegszug einer römischen Legion gewäsen wäre. Seine Bewegungen zeigen, dass Chlodwig ein brillianter Stratege und Taktiker war, der auch noch so ganz nebenbei die politischen Querelen in seiner eigenen Familie im Griff hatte. Das wiederum konnte nicht alleine mit Gewalt bewerkstelligen, dazu gehörte durchaus mehr.
Die Behauptung, er dehnte seinen Machtbereich durch Krieg aus, ist also gerechtfertigt. Mord, in dem Sinne, das Teile der Zivilbevölkerung mal eben dahingeschlachtet wurden, wie es beispielsweise unter den ach so zivilisierten Römern immer mal passierte, fand in einem bis dahin in der Geschichte nie dagewesenen kleinem Umfang statt. Eine Plünderung von Toulouse beispielsweise unterblieb völlig.
Das Geschichtsbild des Herrn Deschner deckt sich also in diesem Zitat in keiner Weise mit den Fakten sondern ladiglich mit seiner beabsichtigten Aussage.
„Ein so kriegslustiges Volk, dem überdies der Ruf der
Treulosigkeit anhaftete, war für den christlichen Klerus von
früh an attraktiv. Arianer, besonders aber Katholiken suchten
seinen Führer zu gewinnen… Kaum … war Chlodwig in Tournai
König geworden, da wandte sich der Metropolit von Reims an
ihn, der Hl. Remigius…“ (ebd., 52)
Die salischen Franken waren stark und aktiv, wenn auch bisweilen, vor allem wenn Chlodwig nicht persönlich dabei war, etwas unorganisiert. So gesehen stellten sie einen starken Gegenpol zu einem dekadierten Rom dar, dass sich ja auch fleißig von anderen Hilfstruppen auf dem Schlachtfeld vertreten ließ. Chlodwigs Einigung der frankischen Stämme als „kriegslustig“ zu bezeichnen trifft trotzdem den Kern der Sache überhaupt nicht. Was hier wirklich geschah war ja zunächst, dass sie einfach mal die Römer aus den fränkischen Siedlungsgebieten warfen, sich also befreiten. Nur hatten dann die Franken immer noch römische Siedler, verstreute andere Stämme, teilweise burgundische Einwanderer, und etliche immer noch sehr unklare Bevölkerungsteile im Land, die gegenüber den Franken eine Mehrheit ausmachte.
Chlodwig war damit zu einem Machtfaktor geworden, genauer, zum einzigen zählenden Machtfaktor der weiteren Umgebung. Es war also kein Wunder, dass jeder, auch die Kirche, Leute zu ihm entsandte und Kontakt aufnahm. Das ist die Realpolitik der damaligen Zeit. Wer sich darüber beklagt, dass der Metropolit von Reims Chlodwig Briefe schickte, der müsste sich genaus darüber beklagen, dass die Häuptlinge aus der Bretagne gleiches taten. Vielleicht handelte es sich dabei ja nur um eine Verschwörung des sich bereits damals bildenden Tourismusverbandes Bretagne, wer weiß? Chlodwig war DER Mann von dem JEDER was wollte, ganz einfach.
Dieser Remigius wurde ein wichtiger Berater des Königs. C.s
Heirat mit Clotilde, einer burgundischen Katholikin, führte
trotz ihrer Bemühungen nicht sofort zur Konversion des Königs.
Der Teil, dass er nicht sofort zum Christentum wechselte ist richtig. Dass aber Remigius ein wichtiger Berater wurde, ist sehr umstritten. Tatsächlich verachtete Chlodwig das Christentum und auch Remigius lange als „schwach“. Demut gehörte nun wirklich nicht zu seinen Charakterzügen und wir können uns auch sehr einfach vorstellen, wie ein Kriegerführer der selbst auch im Kampf Hand anlegte auch einen von vielen demütigen Kriechern regierte, die ihn nun umgaben.
Dabei sollte man auch die Rolle der Clothilde im Auge behalten. Sie war Katholikin, keine Arianerin. Aber sie war auch Burgunderin. Sie war Tochter eines burgundischen Teilkönigs und Cousine zweier weiterer. Es war also zunächst eine politische Heirat, die Chlodwig Ansprüche auch auf burgundische Siedlungsgebiete eröffnete. Konnte ja keiner ahnen, dass die beiden sich aneinander gewöhnen würden und fünf Kinder in die Welt setzten.
Hier liegt ein weiterer Hase im Pfeffer. Offensichtlich ist aus dieser politischen Ehe nämlich mehr geworden. Selbst als der erste Sohn, Ingomer als Kind starb und Chlodwig die Religion seiner Frau dafür verantwortlich machte, reichte ihr Einfluß aus, um eine Eskalation gegen die Christen zu verhindern. Wir haben es hier also mit einem sehr langen Prozess zu tun, nicht, wie Deschner versucht, es darzustellen, mit einem einzigen Ereignis das sich später vor einer Schlacht gegen die Alemannen ereignete.
Erst dessen Feldzüge gegen die Alemannen erzeugten in ihm den
Wunsch nach der Religion eines starken Siegergottes.
Falsch! Wie oben bereits erwähnt, verachtete Chlodwig das Christentum lange als schwach und machte es für den frühen Tod seines ersten Sohnes verantwortlich. Also war die Sache mit dem Siegergott, obwohl sicher im Nachhinein so verkauft, keinesfalls wirklich ein Motiv.
Tatsächlich ist es mit Hilfe der vier Quellen, die wir kennen (Avitus von Vienne, Gregor von Tours, Remigius von Reims und die Vita des Solemnis von Chartres) schwer, zu beurteilen, wann Chlodwig eigentlich Christ wurde. Wenn man alle Details zusammennimmt, dann besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es erst 507 vor den Kämpfen mit den Westgoten stattfand, sehr hoch. Denn im Gegensatz zu den Alemannnen waren die Westgoten Christen, aber arianische. Und unter diesem politischen Aspekt macht die plötzliche Annahme des Katholizismus durch Chlodwig einen Sinn.
Nach der
Taufe Chlodwigs sprach „Remigius… ihn ´beredtem Munde also
an: Beuge still deinen Nacken, Sicamber, bete an, was du
verbrannt, verbrenne, was du angebetet hast (adora quod
incendisti, incende quod adorasti“ (ebd., 57). Das ist klipp
und klar ein Aufruf zur gewaltsamen Verbreitung der
christlichen Religion.
Das ist zunächst einmal ein Stück aus Gregor von Tours Geschichte der Franken, Bd.2. Außerdem ist es klipp und klar ein Aufruf, nun christliche Altäre anzubeten, statt sie zu verbrennen (wie gesagt, Chlodwig war den Christentum lange nicht so wohlgesonnen) und die Altäre der nordischen Götter denen er bisher angehangen hatte zu verbrennen und nicht mehr anzubeten.
Halten wir hier mal ein paar Dinge auseinander. Natürlich hatte gerade ein Ramigius nichts gegen eine Verbreitung der Religion, auch durch Gewalt. Aber wie Chlodwig kannte er sich in seiner Welt aus. Ganz im Gegensatz zu Herrn Deschner. Denn besagte Altäre nordischer Götter gab es ja, soweit es das Gebiet Chlodwigs betrifft, nur noch in Richtung des heutigen Norddeutschland hin. Chlodwigs nächster militarischer Schlag trifft die Westgoten. Die waren bereits arianisiert. Da gab es nichts mehr, was er früher angebetet hatte und nun verbrennen konnte. Das wusste Chlodwig, das wusste Remigius, das wusste jeder seiner höheren Untergebenen. Die Äußerung kann sich also nur auf Chlodwigs eigenen Herrschaftsbereich bezogen haben, nicht auf eine weitere Ausdehnung.
„Natürlich wird die Geistlichkeit reich aus der Kriegsbeute
des Merowinger beschenkt. Großzügig bedenkt er die Prälaten
mit Stiftungen, mit Landzuweisungen… Und er ´fühlte sich
jetzt als auserwähltes Werkzeug Gottes und frönte erst recht
seiner Eroberungslust´ (Cartellieri)“ (ebd., 59).
Der hier am Rande angegebenen Cartellieri ist wahrscheinlich Alexander Cartllieri? Es handelt sich um ein Zitat innerhalb dieses Zitates, dass sich, wenn ich richtig liege, in einer der akademischen Antrittsreden, etwa ab 1904 findet.
C. war ein erklärter Kirchenfeind, dessen Schlußfolgerungen, ähnlich wie die des Herrn Deschner, weniger auf einer vollständigen Betrachtung der Fakten als auf einer vorgefassten Meinung beruhten. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte aber das außer acht lassen anderer Fakten bei C. ein Maß angenommen, dass irgendwann dazu zwang ihn aus der Universität Jena zu entfernen.
Fakt ist, es entstanden Klöster auf Land, dass der König den jeweiligen Prälaten schenkte, bzw auf Land, auf dem seine Frau einfach Klöster stiftete und Prälaten unterstellte.
Fakt ist ebenfalls, dass diese Klöster zu einem sehr großen Teil in nicht entwickelten Gegenden entstanden. Es handelte sich also um die gleiche Taktik, die wir später, im Hochmittelalter vorfinden. Wenn Du viel Land hast, in dem niemand siedelt, schicken ein paar Mönche hin. Ein paar Jahre später hast Du schon ein Dorf um die Abtei herum. Die Stiftung von Klöstern, vor allem hier, an der Grenze zwischen Antike und Mittelalter, lag also durchaus im Interesse der Landesherren (vergl. Lindisfarne). Sie ersetzten im Prinzip die Wirkung der alten römischen Garnisonen als Ansiedlungspunkte. Der Gewinner war in solchen Fällen also immer der König, während die Kirche sehr lange auf die Dividende zu warten hatte.
Natürlich handelt es sich bei diesen Siedlungsmechanismen des Mittelalters um Tatsachen, die etwa seit dem 18.Jahrhundert unter Historikern bekannt sind. Es gibt also weder für Cartellieri noch für Deschner eine Entschuldigung, diese Dinge außer acht zu lassen. C. gibt uns im obigen Zitat bereits den Schlüssel mit „… aus der Kriegsbeute der Merowinger …“ Also Land in eroberten Gebieten. Und die waren bis auf wenige Zentren weitgehend Wald.
Später setzte sich das mit den Karolingern fort:
„Erst raubte man mit dem Schwert das Land, dann festigte man
mittels christlicher Ideologie und kirchlicher Organisation
die gemeinsame Herrschaft, passte die Eroberten und
´Bekehrten´ politisch an und beute sie wirtschaftlich aus…
Das ist bis hierher schwer zu beurteilen. Es ähnelt, wenn überhaupt irgendetwas, dann wohl mehr der Situation im Osten des ostfränkischen Reiches nach der Unterwerfung der Wenden. Aber selbst dann ist es insofern einfach falsch, als das es gerade in dieser Phase alles andere als eine „gemeinsame“ Herrschaft gab. Mal ganz abgesehen davon, dass das natürlich bereits lange nach der Zeit der Karolinger stattfand.
Die fränkischen Könige und Adligen hatten keine ergebeneren
Helfer als die Geistlichen, und dies wurden durch nichts
eifriger gefördert als durch den fränkischen Feudalismus. Der
militärische Sieg zog gleich die Christianisierung nach sich.
Wohin das fränkische Schwert nicht reichte, zu den Dänen etwa,
dort war auch jede Mission ausgeschlossen.“ (ebd., 457-8)
Wie üblich liegt Deschner mit solchen Äußerungen zu 60% falsch. Erstens wurde sehr wohl erfolgreich missioniert, wohin das fränkische Schwert nicht reichte. Dänemark wurde im 9.Jahdt christlich, England und Irland waren es bereits vor den Karolingern geworden. In Spanien war bereits Karl Martell durch christliche Lande marschiert bevor er überhaupt mal an die Mauren drankam um sie zu prügeln. Im Osten stießen katholische Missionare und orthodoxe bei den Warägern aufeinander, was zwar nicht die Christianisierung aber die katholisierung behinderte und im Norden gibt es ab der ersten Hälfte des 9.Jhdts archäologische Nachweise von christlichen Kleinkirchen bis auf die Höhe Drontheims.
Zweitens ist die Aussage falsch, dass die Geistlichen eifrige Helfer und Unterstützer der fränkischen Fürsten gewesen wären. Dabei muss man mehrere Problemkreise betrachten:
Erstens hielten viele der höheren Kirchenfürsten auch weltliche Ämter. D.h. es war nicht klar, wem die Loyalität eines Bischof von Mainz beispielsweise wirklich galt. Klar war nur, dass sie selbst zu den Großen zählten, dem Adel. Der wiederum lag allgemein wegen seiner eigenen Interessen (mehr Land, mehr Einnahmen, mehr Rechte usw) meist mit dem jeweiligen König über Kreuz. Die Karolinger haben über Jahrhunderte mit diesem Problem gekämpft. Es kann also keine Rede davon sein, dass sie ausgerechnet von den höheren Geistlichen unterstützt worden wären, die standen meist auf der anderen Seite.
Zweitens gab es gerade um die Nordmission große Konkurrenz zwischen Papst und Kaiser. Hier zeigte sich einmal mher die Tendenz einer „Staatskirche“ unter einem christlichen Herrscher, unabhängig von Rom zu agieren. Das führte soweit, dass die Mönche auf der Seite des einen die Vorräte der Mönche auf der Seite des anderen verbrannten (um 850 in Hamburg z.B.).
Mönche waren ein Teil der Verwaltung. Einfach weil sie lesen und schreiben konnten. Sie dienten als Schreiber in Kanzleien genaus wie in Klöstern. Aber selbst dann kam es immer noch darauf an, aus welchem Kloster die Mönche kamen, um einen Hinweis auf deren politische Richtung zu finden (wobei die meisten gar keine hatten sondern nur ihren Job getan haben). Der Papst versuchte sich aus der Abhängigkeit von den Karolingern zu befreien, die Karolinger wiederum hatten mit der Reichsteilung unter Ludwig dem Frommen die Einheit verloren. Die Orden kämpften um Unabhägigkeit und Einfluss innerhalb der Kirche. Was da entstanden war, war nicht einfach Kirche und Staat. Das waren viele Gruppen mit ureigensten Interessen, die sich mal als Partner mal als Gegner erwiesen. Herr Deschner, mit seiner grob vereinfachenden Polemik hat da noch nicht einmal im Ansatz das Wesen der fränkischen Reiche erkannt.
Hier noch ein Spotlight auf das Thema Zwangstaufe aus Krahl,
Das Elend des Christentums, 36:
„Im Frankenreich bildeten sich nach dem Tode Chlodwigs bald
staatskirchenähnliche Verhältnisse heraus… Von 626 an zwang
Dagobert der Erste den Restbestand der nichtchristlichen
Bevölkerung zur Taufe.“
Dagobert I hat ab 626 Juden zwangstaufen lassen, nicht jedoch Anhänger anderer Glauben. Der Hintergrund war die diplomatische Kontaktaufnahme des oströmischen Kaisers Herakleios, der auf diesem Wege versuchte, seine eigene Aktivität gegen Juden auch dahin auszudehnen, wo es damals größere jüdische Siedlungen gab.
Na denn, was sagt die Wissenschaftsgemeinde zu all dem?
Ich bin kein Freund der Kirche, ganz sicher nicht. Aber ich bin ein großer Freund der Geschtswissenschaft. Und mir wird immer ganz blümerant, wenn da einer hergeht, und, nur damit sein Buch zu seiner Meinung passt, Fakten wegläßt, unterschlägt und verfälscht. Dass man Deschner noch keinen Fehler als Historiker nachgewiesen hat, mag vielleicht daran liegen, dass die meisten Historiker ihn nach der zweiten Seite wieder zugeschlagen haben?
Was die Aussage am Anfang angeht, so ist sie als generelle Aussage nicht haltbar. Aber es waren damals gewalttätige Zeiten, es wurden viele Kriege geführt und Religion war damals ein wesentlich essentiellerer Bestandteil des Lebens als heute. Mit den Siegern kamen neue Religionen. Mit den Verlierern verschwanden alte Religionen. Religion konnte Bündnisse schaffen oder sie zerstören. Aber anzunehmen, dass alle diese Ereignisse gesteuert worden wären, ist ebenfalls nicht haltbar.
Gruß
Peter B.