Hallo Guido,
zur Qualität gehört für mich auch, dass die Lehrer genügend
Freiraum für die Verwirklichung von Projekten haben, die nicht
zum regulären Unterricht gehören. Unter diesen Umständen ist
Quantität eine Voraussetzung für Qualität (aber natürlich kein
Garant dafür).Du sagst es: Für DICH!
ja, wir äußern hier doch Meinungen und keine universellen Wahrheiten, oder?
Wenn die Lehrer ihren Unterricht vernünftig nutzen, reicht die
Zeit aus, soclhe Aktivitäten im ganz normalen Zeitrahmen zu
erledingen.
Das kommt drauf an. Ich finde, dass wenn die Kinder anderthalb Jahre brauchen, um „richtig“ lesen zu lernen, dieses System völlig ineffizient ist. Als Gegenmaßnahmen könnte man entweder die Unterrichtszeit ausdehnen oder den Unterricht straffer durchziehen.
Na super, die meisten Arbeitszeiten fangen aber schon um 8 an,
d.h., die Eltern müssten das Kind schon VOR 8 in die Schule
bringen können. Und Eltern, die Vollzeit arbeiten, können es
sich auch nicht leisten, das Kind um 14 Uhr von der Schule
abzuholen. Ganztagsbetreuung ist für mich hier das
Schlüsselwort.Ich habe gestern erfahren, dass die GS meines Sohnemanns ab
dem nächsten Jahr eine offene Ganztagsbetreuung realisiert,
weil es hier flächendeckend realisiert wird.
Freut mich für euch. Dummerweise ist euer „hier“ (noch?) eine Ausnahme in Deutschland.
Annehmbar für eure individuellen Wünsche - ja. Aber, wie
gesagt, es gibt genug Familien, in denen beide Elternteile
Vollzeit arbeiten.Nur, wie gesagt: Was hat die Qualität des
Grundschulunterrichts (welche übrigens nicht schlecht ist!)
mit der Dauer der Aufbewahrung zu tun?
Wie ich auch bereits erläutert habe: Die Schüler würden die gleiche Lernmenge in kürzerer Zeit schaffen und die Lehrer hätten dennoch genügend Zeit für fächerübergreifende und/oder kreative Projekte.
Wenn beide Eltern der Meinung sind, Vollzeit arbeiten gehen zu
müssen, dann sollten sie sich auch eine Möglichkeit der
Kindesversorgung leisten.
Ich möchte aber, dass mein Kind in dieser Zeit nicht nur spielt, sondern dass sie effizienter genutzt, mein Kind zusätzlich gefördert und seine Grundschulzeit dadurch verkürzt wird.
Für mich gehört aber das gerade zu Extraprojekten und nicht zu
regulärem Schulunterricht.Wie gesagt: Ich kenne es nur als normal.
Wie gesagt: Dann wundert es mich nicht, dass der Unterricht in der Grundschule hier so schleppend vorangeht.
Weil reguläre Unterrichtszeit so
ineffizient genutzt wird,Aha - eine Meinungt! Die Zeit an sich würde ausreichen, die
Effizienz ist verbesserungswürdig?
Die Zeit würde ausreichen, wenn man den Stoff straff im Frontalunterricht durchziehen würde. Ich halte aber zusätzliche Projekte (Lesestunde, Englisch-Projekte, fächerübergreifende Projekte) für notwendig. Um beides unter einen Hut zu bringen, reicht die Zeit nicht aus.
erklärt sich auch das extrem
langsame Vorankommen mit dem Unterrichtsstoff und die
Unterforderung vieler Schüler in der Grundschule.Das ist schlicht nicht der Fall!
Doch.
Darunter sollte jedoch die Menge der Lehrinhalte nicht leiden.
Und gerade deshalb benötigt man für kreative
Unterrichtsgestaltung mehr zeitlichen Spielraum.Gute Lehrkräfte kommen mit dem Unterrichtszeitrahmen absolut
locker aus.
Das kommt eben darauf an, was für ein Vorankommen du erwartest. Meiner Meinung nach könnte man die vierjährige Grundschule locker um ein Jahr verkürzen mit gleicher Lernmenge und ohne dass es den Kindern schaden würde, und zwar allein dadurch, dass man die tägliche Schulzeit etwas verlängert und den Kindern mehr zutraut als nur zu spielen.
Gerade die
Gestaltung der Unterrichtsstunden mit lauter Projekten anstatt
mit WissensvermittlungWarum „anstatt“? Es geht locker beides!
Erfordert aber mehr Zeit --> langsameres Vorankommen, Unterforderung der Schüler --> genau das kritisiere ich
Es ist nun mal FAKT, dass bei weitem nicht alle Kinder aus
Familien kommen, in denen die Eltern ausreichend pädagogische
Kompetenz besitzen, um das nachzuholen, was in der Schule
versäumt wirdWarum sollen dann die Schüler aus den Familen, in denen es
klappt darunter leiden, indem sie unnötig Zeit in der Schule
absitzen?
Ich verstehe schon wieder diese Einstellung nicht. Wenn du den Kindern die Ansicht vermittelst, dass Schulzeit ein „Leiden“ ist, das man über sich ergehen lassen muss, dann ist es klar, dass sie die Schule auch nur als notwendiges Übel und nicht als Teil ihres Lebens begreifen.
Es mag ein Problem sein - das aber muss individuell und nicht
global angegangen werden.
Es würden beide Schülergruppen davon profitieren und gleichzeitig würde die soziale Gerechtigkeit steigen.
Entscheidend ist aber, was am Ende rauskommt. Und irgendwo
scheint es im System einen Knick zu geben. In meinen Augen ist
dieser Knick die Schuld davon, dass den Kindern am Anfang
ihrer Schullaufbahn kein Lernen abverlangt wird, sondern nur
mit ihnen gespielt wird.Was heißt „am Anfang“?
Fakt ist, dass die GS in Deutschland sehr ordentlich
abschneiden.
Fakt ist ebenso, dass die Sekundarstufen in Deutschland eher
mies abschneiden.
Würde der Fehler in den GS liegen, wären die Ergebnisse dort
schon schlecht!
Eben nicht! Es mag sein, dass der Lernstoff in der Grundschule einigermaßen gut vermittelt wird (Sieger ist Deutschland in IGLU ja auch nicht), aber auf eine Weise, die den Kindern das Lernen nicht beibringt. Ich habe Nachhilfe gegeben, unter anderem auch für Siebentklässler (in Berlin haben wir die 6-jährige Grundschule). Was mir aufgefallen ist: Die Kinder, die Nachhilfe benötigten, waren nicht etwa dumm, sondern sie wussten nicht, wie man lernt! Sie waren es gewohnt, dass die Schule ein einziges Spiel war und erlebten ihre böse Überraschung beim Wechsel aufs Gymnasium, denn plötzlich musste man eigenverantwortlich arbeiten und das machte nun mal nicht immer Spaß. Aber um das effizient hinzubekommen, müssen die Lernmethoden möglichst früh vermittelt werden! Später ist das kaum noch nachzuholen und führt gerade dazu, dass die 15-jährigen nicht in der Lage sind, sich hinzusetzen und Mathe zu lernen. Was keinen Spaß macht, tun sie auch nicht. Und selbst wenn sie es versuchen, scheitern sie daran, dass sie nicht wissen, WIE man eigenständig lernt.
Man muss diese Weichen frühzeitig stellen. Der Mangel an Lernkompetenz mag sich in der Grundschule noch nicht zeigen, weil dort den Kindern eh alles vorgekaut wird (–> annehmbares IGLU-Ergebnis). Er zeigt sich aber ab ca. Klasse 4, wenn viele Kinder den Anschluss verlieren, weil sie Lernmethoden nicht beherrschen (–> schlechte PISA-Ergebnisse).
Imho nicht. Die Grundlagen für den späteren Lernerfolg werden
ganz am Anfang gelegt, eigentlich schon im Kindergarten!Wieso ist Deutschland bei IGLU dann im ersten Drittel?
Na ja, soooo toll ist das erste Drittel nun auch wieder nicht. Aber siehe oben: Weil sich der Mangel an Lernkompetenz in der Grundschule noch nicht bemerkbar macht. Diese Weichen müssen zwar in der Grundschule gestellt werden, ihr Fehlen macht sich aber erst später bemerkbar.
Sharon hat es in ihrem Beitrag beschrieben: Dadurch, dass ihre Eltern sie „gezwungen“ haben, in der Grundschulzeit zu Hause mehr zu tun (zu lernen!), als ihre Mitschüler das tun mussten, hat sie am Gymnasium erhebliche Vorteile gegenüber ihren Mitschülern gehabt, für die der Wechsel aus der verspielten Grundschule in die Mittelstufe, die eigenständiges Lernen abverlangt, ein Sprung ins kalte Wasser war.
Wenn Kinder innerhalb von einem ganzen Schuljahr noch nicht
mal das können, wofür Kinder in anderen Ländern ein halbes
Jahr Schule brauchen oder gar was sie dort schon im
Kindergarten lernen, dann ist das für mich ein klares Zeichen
dafür, dass etwas mit dem hiesigen Schulsystem nicht stimmt.Bring mir ein representatives Beispiel!
Hab ich doch.
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Lesen lernen Kinder in vielen Ländern (z.B. damals in der Sowjetunion) im Kindergarten oder im ersten halben Jahr in der Schule.
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Im Rechnen war ich meinen deutschen Mitschülern um ca. ein Jahr voraus, und das schon in der vierten Klasse.
Kenntnisse aufgrund meiner ukrainischen Bildung gegenüber den
anderen Kindern schon mindestens ein Schuljahr im Voraus
waren.Die russische Förderation liegt 5 Plätze hinter Deutschland…
http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,grossbild-…
Die Schulen im heutigen Russland sind in der Tat kein Vorbild. Das liegt sowohl an der Korruption als auch an den zerrütteten Familien. Viele Kinder haben alkohol- oder drogenabhängige Eltern. In anderen Familien müssen die Eltern viel arbeiten, um überhaupt etwas zum Essen haben. Die Lehrer bekommen einen Lohn, von dem sie kaum leben können und sind dementsprechend nicht motiviert (häufig müssen sie zusätzlich noch woanders arbeiten, um die Armut zu lindern) sowie bestechlich.
Ich wurde 1991 eingeschult und besuchte bis Anfang 1995 die Schule dort und zwar, zugegebenermaßen, eine wirklich gute. Lesen gelernt habe ich mit drei Jahren, eingeschult wurde ich mit 6, schreiben gelernt haben wir innerhalb des ersten halben Jahres. Als meine deutschen Mitschüler in der vierten Klasse hier noch die schriftliche Division mühsam erlernten und Bankrücken zur Übung des Kopfrechnens spielten, langweilte ich mich und erklärte das ganze Mathezeugs meiner Banknachbarin, die ziemlich schlecht in Mathe war. Dividieren konnte ich schon lange vorher und im Kopfrechnen gab es nur einen Schüler, mit dem ich den „ersten Platz“ in der Klasse teilte. Für mein erstes Deutsch-Diktat bekam ich eine 2. Ach ja, Englisch-Unterricht hatte ich in der Ukraine ab der ersten Klasse gehabt (das gab’s allerdings nicht an allen Schulen dort) und war dementsprechend auch völlig unterfordert, als die Kinder hier erst in der 5. Klasse damit anfingen (zum Glück wird das jetzt geändert, meine Nichte lernt jetzt schon in der ersten Klasse erste englische Liedchen).
Die Hausaufgaben hier waren ein Witz, sie waren bei mir immer entweder gleich im Unterricht oder spätestens in der Pause erledigt, ich hatte also Freizeit en masse.
Und ich möchte damit keinesfalls behaupten, ich sei besonders intelliget, begabt oder sonstwas. Ganz sicher nicht. Ich hatte es nur einfacher als meine deutschen Mitschüler: Ich konnte mit 10 Jahren schon selbstständig lernen und das, was für mich doch noch neu war, habe ich mir dadurch gut und effizient selbst aneignen können (wohlgemerkt: meine Eltern konnten mir dabei nicht helfen, dafür reichten damals ihre Sprachkenntnisse nicht aus).
Ich hatte seit der ersten Klasse Noten, straffen Unterricht und Wettbewerbe mit Gleichaltrigen. Das würde ich mir auch für meine Kinder wünschen, zu deren eigenem Wohl.
Grüße,
Anja

).