etwas abschweifendes (viel text!)
hallo thomas,
gestern las ich gerade diesen, etwas flapsigen artikel zum thema icd-10:
Im Diagnosefieber: Die ICD-10-Mängelliste
Wir möchten Ihnen heute eine besonders erfreuliche Entwicklung näher bringen, die auf einen unglaublichen Fortschritt in Medizin und Therapie hinweist. Seit geraumer Zeit verfügt das medizinische Bodenpersonal endlich über eine genaue Auflistung aller Mängel des „Prototypen Mensch“, genannt ICD-10-Schlüssel (Die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten, nach der die deutschen Kassenärzte seit Anfang 2000 alle Krankheiten zu verschlüsseln haben). Ein Gang zum Arzt wird zum reinen „Schlüssel-Erlebnis“. Jede Störung kann sofort als Krankheit erkannt, klassifiziert und therapiert werden.
Nun hat auch die unverantwortliche Oberflächlichkeit, mit der noch in grauer Vorzeit Befindlichkeitsstörungen abgetan wurden und so keiner gründlichen Behandlung oder Therapie zugeführt werden konnten, endlich ein Ende!
Nehmen wir z.B. den Zustand einer längerandauernden Lustlosigkeit, die mit morgendlichem Schweißausbruch und anschließendem Absacken beim Gedanken an den kommenden Arbeitstag beginnt. Der nächste Urlaub ist in weiter Ferne, eine Gehaltserhöhung nicht in Sicht, draußen ist mal wieder die falsche Jahreszeit, das abendliche Fernsehprogramm ist auch schon lange nicht mehr, was es mal war - die Energie sinkt auf den Nullpunkt. Kein Retter weit und breit. Bleigießen wäre jetzt die einzige sinnvolle Beschäftigung, aber Sylvester ist noch weit…
Heitere Anwandlungen von Mitmenschen führen zu sofortigen Kopfschmerzen und noch trüberer Stimmung.
Jetzt hilft nur noch der Gang zum Arzt.
Nach ausführlicher Anamnese (1-3 Minuten) ist die Diagnose klar: Mittelgradige depressive Episode ICD-10: F32.2 (weitergehende Anleitungen zum Ausbau dieser Krankheit finden sich in Fachliteratur, wie z.B. TV-Zeitungen, Frauenzeitschriften, und im Internet/Gesundheitsportale).
Hier muss gehandelt werden! Je nach Gründlichkeit des Arztes folgt die Behandlung mit einem pflanzlichen Stimmungsaufheller (dieser Arzt gehört wohl noch in die Kategorie „Babydoktor“, er scheint das doch noch alles nicht so richtig ernst zu nehmen, außerdem zeigt er durch sein eventuelles Nachfragen nach weiteren Zusammenhängen, dass er noch sehr unsicher in der Diagnosestellung ist. Macht er womöglich auch noch ein „Späßchen“, ist ein Arztwechsel dringend anzuraten!)
Möglicherweise ist Ihr Arzt aber eine wirkliche Koryphäe und verschreibt sofort ein „echtes“ Antidepressivum. Der Mann (oder die Frau Onkel Doktor) versteht was von seinem/ihrem Handwerk!
Zu Hause angekommen sind alle „erleichtert“, weil nun diese „Krankheit“ endlich einen Namen hat. Jede Belastung muss von jetzt an vom „Kranken“ ferngehalten werden.
Eine weitergehende Behandlung durch einen Psychiater sollte in Erwägung gezogen werden.
Dieser zeichnet sich als eine Kapazität auf seinem Gebiet dadurch aus, dass er kaum Fragen stellen muss, wie sähe das auch aus, der Fall ist doch klar!
Der Gang durch unser gut ausgebautes medizinisches Versorgungssystem kann beginnen!
Musste man sich in früheren Tagen noch in den eigenen Hintern treten oder sich lästige Fragen stellen, wie womöglich eine unbefriedigende Situation zu ändern sei, haben wir doch heute einen deutlichen Fortschritt erzielt.
Wir wussten einfach nur nicht, dass wir eine Krankheit haben. Das muss einem doch schließlich erst mal gesagt werden!
Aber auch die heiteren, energiegeladenen Mitmenschen sind einem großen Irrtum aufgesessen, wenn sie denken, dass sie gesund seien.
Schauen wir uns doch mal ICD-10: F 30.0 an: Hypomanie (hört sich doch echt krank an, oder?) Hier steht:
„Eine Störung, charakterisiert durch eine anhaltende, leicht gehobene Stimmung, gesteigerten Antrieb und Aktivität und in der Regel auch ein auffallendes Gefühl von Wohlbefinden und körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit. Gesteigerte Geselligkeit, Gesprächigkeit, übermäßige Vertraulichkeit“ (Anm.: was auch immer das genau ist), „gesteigerte Libido“ (!) „und verringertes Schlafbedürfnis“ (wie, keine 12 Stunden Schlaf mehr täglich??) „sind häufig vorhanden“, (sollten einige von Ihnen solche Zustände gar als erstrebenswert betrachtet haben,… hier ist höchste Vorsicht geboten!) „aber nicht in dem Ausmaß, dass sie zu einem Abbruch der Berufstätigkeit oder zu sozialer Ablehnung führen“ (kann natürlich leicht passieren, denn wer mag solche Mitarbeiter schon an seinem Arbeitsplatz, immer fröhlich und heiter und viel Energie, furchtbar, die machen doch die ganze Arbeitsmoral kaputt!)
und weiter: „Reizbarkeit“ (wie, keine tote Hose?), „Selbstüberschätzung“ (wie wird das denn nun wieder definiert, etwa: kein Hänger, der ständig jammert, wie dumm er ist?) „und flegelhaftes Verhalten“ (macht schon mal freche Bemerkungen, statt ewige Bravheit, oder was?) „können an die Stelle der häufigen euphorischen Geselligkeit treten“. (Also alles andere, als ein Langweiler). „Die Störungen der Stimmung und des Verhaltens werden nicht von Halluzinationen oder Wahn begleitet“. Zitat Ende
Sie können es natürlich auch wirklich mit Ihrer guten Stimmung etwas zu weit getrieben haben, nach dem Dauermotto, „seid umschlungen, Millionen!“, das kann den Mitmenschen tatsächlich auf die Nerven gehen, jetzt in echt!!! Eine Verhaltensänderung könnte hier wirklich ratsam sein.
Für diese schweren Fälle hält der ICD-10 die Ziffern F30.1 und F30.2 bereit: „Manie mit und ohne psychotische Symptome“ (So gewichtig werden also ihre gelernten Verhaltensunarten benannt!).
Sollten Sie sich jetzt irgendwo wiedererkannt haben, dann aber schnell zum Psychiater!
Eine dämpfende Psychopille, und das Problem ist gelöst, oder Sie wählen auf Empfehlung die etwas zeitraubendere Version einer Psychotherapie, in der Sie erfahren, welches Trauma hier zugrunde liegt und warum Sie so sind, wie Sie sind.
Kennen Sie übrigens auch schon das „chronic fatigue syndrome“ (chronisches Müdigkeitssyndrom) also die sog. „wandelnde Schlaftablette“. Sie wissen noch nicht, was das ist?
Früher hieß das etwa, „Mann, ich bin dauernd mööd“. (Anm.des Übersetzers: müde) Auch hier müssen Sie sich jetzt keine weiteren eigenen Gedanken mehr zu Ihren Lebensumständen machen. Wir haben es mit einer klar definierten chronischen Krankheit zu tun! (Übrigens, klare organische Ursachen konnten bis heute nicht gefunden werden!) Die nachfolgende Behandlung können Sie getrost Ihrem Arzt und Apotheker überlassen.
Interessant ist auch der Bereich der vielfältigen Verhaltens-Störungen.
z.B. „Rechenstörung“ ICD-10: F81.2.
„Diese Störung besteht in einer Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden.“
(Wahrscheinlich war doch die Grundschullehrerin zu einschläfernd und auf dem Gymnasium benutzte man den Taschenrechner).
Nun können wir natürlich nicht auf den verwegenen Gedanken kommen, unsere Politiker litten alle an einer Rechenstörung…
Besonders schön ist auch ICD-10: F98.4 „Stereotype Bewegungs-Störungen“
„Willkürliche, wiederholte, stereotype, nicht funktionale und oft rhythmische Bewegungen“ (ob zappen auch dazugehört?).
Hierunter fällt auch das allseits beliebte „Nasebohren“, klassifiziert als „Stereotypie/abnorme Gewohnheit“ ICD-10: F98.8
Wie oft ist denn jetzt noch normal pro Tag, oder sollten wir besser gar nicht mehr?.. fragen Sie hierzu Ihren Arzt oder Apotheker! Wahrscheinlich wäre eine Psychotherapie angezeigt.
Wir kommen nach gründlicher Recherche des ICD-10 zu der Schlussfolgerung, einen regelmäßigen Stimmungs- und Verhaltens-Check bei einem Psychiater durchführen zu lassen. Hier wäre noch eine Lücke im Bereich „Vorsorge“. Man könnte die bereits vorhandenen Kosten im Gesundheitswesen etwas runterrechnen (s.o.: „Rechenstörung“) und dafür die Kosten für eine derart sinnvolle Vorsorge dazuaddieren, dann hätten wir unter dem Strich deutliche Einsparungen…oder wie ging das mit dem Rechnen jetzt noch mal?
Insgesamt liegt der Verdacht nahe, dass es sich beim ICD-10-Schlüssel um eine „Krankheitsbibel“ handelt, also quasi um ein Geschenk Gottes, wer sollte sonst wissen, was normal oder gesund ist? Möglicherweise ist ICD ja die Abkürzung für „Infirmitates causa dei“ (zu Deutsch: Krankheiten, durch Gott bedingt), und die Zahl 10 ist eine Parallele zu den 10 Geboten.
Leider scheint der Schurke ein Falschspieler zu sein, der seinen Gesundheitsjoker bei der Erschaffung des Menschen im Ärmel behalten hat.
Nun irren wir im völligen Nebel auf diesem Planeten herum, fühlen uns ständig krank und erklären uns oder andere am besten jeden Tag schuldig für all unsere Defizite. Immerhin können wir aber noch auf eine Erlösung im Jenseits hoffen. Dort, auf Wolke 7 bei einer großen Grillparty (wie, Grillparty, war die nicht weiter unten?..) werden wir dann endlich erfahren, wie unser Leben mit einer eigenen, inneren Orientierung ausgesehen hätte.
Aber dafür hätten wir einen gesunden Menschenverstand gebraucht!
Freuen wir uns also jeden Tag auf weitergehende neudefinierte Krankheiten und Diagnosen - oder auch schon auf die Behandlung von solchen Krankheiten, die im Gentest festgestellt und noch gar nicht ausgebrochen sind. Das ist doch wirklich medizinische Höchstleistung!!!
So wird Leben nicht mehr zu einem dauernden Risiko!
Unser Appell:
Fördern Sie auch weiterhin die Vollbeschäftigung aller „Gesundheits“-Dienstleister einschließlich aller Geistlicher als Experten fürs Jenseits. Sie werden sehen, das Opfer des irdischen Jammertals lohnt sich! (s.o. Grillparty)
ist natürlich etwas humorvoll gemeint. konnte es mir aber nicht verkneifen, den zu posten.
strubbel
$:open_mouth:)