Hallo Susanne,
nicht ganz leicht zu lesen, aber vielleicht ganz hilfreich in diesem Zusammenhang:
http://www.schorlau.com/resources/Br$C3$BCcke+Fliege…
Die sechs Amerikaner, die in Rüsselsheim wohlgemerkt nach ihrer Gefangennahme, ergo Waffen- und wehrlos, auf dem Marsch durch den Ort vom Mob totgeschlagen wurden, stellen eine von wenigen Ausnahmen dar, weil ihr Fall zur Anklage und Verhandlung gekommen ist.
Viele anderen alliierten Flugzeugmannschaften, die gleich gelyncht wurden, als sie sich ergeben hatten, sind weniger bekannt geworden. Schließlich hätte es ja auch gut sein können, dass sie den Absprung nicht überlebt hätten: Die, die sie totgeschlagen haben, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
Ich habe in den frühen 1980er Jahren bei einem Landwirt in der Gegend zwischen Wiehengebirge und Dümmer See gearbeitet, in dessen Dorf damals, also ein bis zwei Generationen nach der Tat, als eine Art „lokalen Heldentums“ davon berichtet wurde, dass man öfter mal mit Mannschaften, die aus Maschinen abgesprungen waren, die von der Flak in Hannover, Bielefeld, Lemgo, Herford etc. waidwund geschossen waren, mit Forken und Sensen „kurzen Prozess“ gemacht hat.
Der Anlass dazu war selbstverständlich nicht der „letzte Hektar“ - die Bauern dort haben allesamt ein paar mehr davon -, sondern einesteils die verständliche Wut über das „Dehousing“, das man gar nicht mal propagandistisch aufblasen musste: Noch nicht so lange her, dass ich ein Fernsehinterview mit einem noch lebenden englischen Bomberpiloten gehört habe, der bei der Aktion Gomorrha über Hamburg mit der zweiten Welle dabei war und berichtet hat, sein erster Gedanke beim Anblick des sich entwickelnden Feuersturms über HH sei gewesen „Das darf man nicht tun“.
Und zum anderen, wohl schwerwiegenderen Teil - immerhin gab es ja auch einige Deutschen, die den Feind schon vor dem 20.07.1944 richtig erkannt hatten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige getan haben - die kollektive Wahnvorstellung, hier befände sich ein Vorrlck im Überrlebenskammpff, und jeder müsse sein Teil dazu beitragen, den Feind rrestlos zu coventriierrren, um dem sonst sicheren Untergang des Vorrlckes zu entgehen.
Wieauchimmer: Der ganz bedeutende Unterschied wurde schon genannt. Der kollektive Wahn eines „Vorrlckes“ im totaalen Krieg setzt die Wahnvorstellung voraus, es gäbe etwas wie eine Qualität der Nationszugehörigkeit, die den Bauern am Dümmer See vom Bauern in Oradour-sur-Glane und den Arbeiter bei Rolls-Royce in Coventry vom Arbeiter bei Siemens-Schuckert in Berlin maßgeblich unterscheidet.
Der Unterschied zu der in der ursprünglichen Frage vorgelegten Situation - Frankreich harrt seiner Befreiung durch Jeanne d’Arc oder wenauchimmer vom englischen Joch - sind ein paar entscheidende Jahrhunderte: Der Bauer in Saint-Yrieix-la-Perche fühlte sich im Jahr 1420 nicht als „Franzose“ oder „Engländer“; seine Sorge war, wie er zwischen den erzwungenen Frondiensten und den ebenfalls erzwungenen irrsinnig vielen Heiligenfeiertagen mit Arbeitsverbot noch irgendwie durch Arbeit für seinen „eigenen“ Acker, der ihm nicht gehören konnte, das Überleben für sich und seine Familie sichern könnte.
Die Schwaben und Bretonen, die sich im Schlamm vor Verdun für Preußen und Frankreich nach dem neuesten Stand der Technik mit Schrapnells, Giftgas und Bajonetten massakrierten und massakrieren ließen, taten dieses zu einem nicht unerheblichen Teil im Glauben an ein „Vaterland“ - sie wären in einigem Umfang durchaus in der Lage gewesen, das auch ohne entsprechende Befehle zu tun.
Aber diese Wahnvorstellung vom „Vaterland“, für das im Kampf zu Sterben süß und ehrenvoll ist, beliebig vom 19.-20. Jahrhundert mal eben ins 15. zu versetzen, würde voraussetzen, dass es sowas real und nicht bloß eingebildet gibt. Und hier liegt der Haken in der Fragestellung.
Schöne Grüße
MM