Dsch-Schwäche

Hallo liebe Leute!

Haben die Deutschen eine „Dsch“-Schwäche? Als Österreicher wundere ich mich immer wieder, wenn ich in deutschen oder deutsch-synchronisierten Filmen statt „dsch“ immerzu „sch“ höre. So wird zB „Junkie“ immer wieder „Schankie“ statt „Dschankie“ gesprochen. Miss Ellie hat in „Dallas“ zum Bösewicht-Sohn immer „Schej ar“ gesagt statt „dschej ar“ (das ließ mich an meinen Englischkenntnissen zweifeln, weil ich als Kind dachte, der Lehrer hätte uns die Aussprache des englischen J falsch gelehrt).

Und der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko heißt - anders als in Österreich - in deutschen Medien „Juschenko“. Wo ist das T geblieben?

Das Land Chile (international: „Tschile“) heißt bei euch Schile.

Ähnliches dürfte mit dem „Sts“ geschehen: Wie sprecht ihr „Szene“ aus? Ich sage „Stsene“. Claus Theo Gärtner alias Matula in „1 Fall für 2“ (und er ist nicht der einzige Deutsche) sagt tendenziell „Ssene“. So ermittelt er halt in der „Bahnhofssseene“.

In Deutschland sagt man offenbar „Juschenko und Schej Ar trafen einige Schankies in der Drogenssene“. Müsste es nicht heißen „JuschTschenko und Dschej Ar trafen einige Dschankies in der DrogensZene?“

Sind bei euch die Kombinationen T+sch/D+sch bzw T+s aus phonotaktischen (sprachtechnischen) Gründen schwer auszusprechen? Oder ist es so hochdeutsch? ODer kommt es aus einem Dialekt?

Nicht ironisch gemeint - vielleicht sprechen wir Österreicher ja alles falsch aus; wir sagen ja auch „Deitschland“ statt „Deutschland“.

Freue mich auf eure Antworten!

LG
Pierre

Hi Pierre,
Du spricht mir aus der Seele…
Ich glaube, es gibt nur eine Deutsch(bzw. Sprach)-Schwäche, das ist die der Ungenauigkeit und Schlampigkeit beim Lesen wie beim Schreiben wie beim Reden. Leider hat das auch schon so lange in die Medien Einzug gehalten, daß die meisten es inzwischen als gegeben hinnehmen. Mich wird’s den Rest meines Lebens wurmen, weil ich doch weiß, daß ich mal was anderes gelernt habe. Aber ich kann den Fernseher anschreien wie ich will - er hört nicht auf mich…
Grüße nach Ö aus Nord-D,
MrsSippi

Hi Pierre,

Deine Beobachtung überrascht mich jetzt etwas. Ich habe noch nie „Schankie“, „Schej ar“, „Juschenko“, „Schile“, „Ssene“ gehört. In welchen Medien soll das so falsch ausgesprochen werden? Übrigens, auch „Deitschland“ ist mir neu …

Was ich allerdings bizarr finde, ist die „deutsche Schreibweise“ vieler Namen mit stimmhaftem „j“. Warum kann man nicht z.B. „Al Jazeera“ schreiben, sondern muß das zu „Al Dschasira“ verfremden? Oder statt Najaf heißt die Stadt bei uns Nadschaf! - M-m-m-ö-ö-ö-ö-ö-h! :wink:

OK, aber konsequent isses schon. Heißt ja auch Dschungel und nicht Jungel …

Gruß,
Stefan

Ja Tach!

Wenn Ihr Euch -mit mir- bitte auch mal über folgendes aufregen möchtet:
Die Aussprache des englischen Namens Elisabeth im TV.
Ich kriege einfach zu viel, wenn ich da Elithabess höre.
Ja, das stimmlose s am Ende ist sehr deutlich rauszuhören!

Nur ma so.
Spacer

Servus Pierre,

kann es sein, daß Deiner Hörgewohnheit ein stimmloses „tsch“ entspricht, so daß Du ein stimmhaftes „dz“ für ein „sch“ hörst? Mir selber waren die stimmhaften Laute im Standarddeutschen ziemlich gewöhnungsbedürftig, als ich zum ersten Mal die Mainlinie für einige Zeit überschritten hatte. Das ändert aber nichts daran, daß es sie gibt, und daß sie in nicht wenigen Fällen sogar der Regel entsprechen…

(Da ist schon 1866 was falsch gelaufen - ich glaube, wir ham uns die falschen Verbündeten gesucht?)

Schöne Grüße

MM

Hallo, Pierre,

ich fürchte, du hast deine Feldforschung auf einem nicht sehr umfangreichen Feld getrieben.

So wie du es schilderst, gilt das allenfalls in begrenzten Regionen.

Und du hast wohl noch nie unsern Münte gehört, wenn er über die „Tschurnalisten“ schimpfte. Oder willst du da auch „tsch“ statt „sch“ gesprochen haben?

Zur Aussprachen von „Ch“ am Wortanfang muss man wohl unterscheiden, ob das Wort griechischer => Kcharakter, französischer => Scharm oder spanischer Herkunnft => Cchile oder englischer Herkunft => Tschaans ist.

Und da habe ich schon die dollsten Dinger aus kakanischen Mündern gehört.

Also versuchs nochmal, differenzierter!

Gruß Fritz

Tja, so ist das eben, wenn auf einmal Wörter ausgesprochen werden soll, die dem Deutschen fremde Laute oder Lautfolgen enthalten. Man kann natürlich von Königin Elizabeth sprechen, als heiße sie Elisabeth und sei Deutsche. Das hört sich anständiger an als bemühtes Pseudoenglisch und jeder versteht, wer gemeint ist. Allerdings ist dieser Fall ein extrem einfacher Fall, da es ein deutsches Äquivalent gibt.

Bei „Junkie“ oder „J. R.“ gibt es das nicht. Der deutsche Mund nimmt also irritiert zur Kenntnis, das nicht der tausendfach verwendete deutsche Anlaut [ʃ] (sch), sondern [dʒ] (dsch) gefragt ist. Ih! Nicht nur noch was davor (Affrikate), auch noch stimmhaft. Manche sprechen es richtig aus. Vor allem diejenigen, die keine Fremdsprache einigermaßen flüssig und regelmäßig reden, in der dieser Laut so gewöhnlich ist wie bei uns das „sch“, weichen aus: Entweder sie setzen ein „t“ vor ihr „sch“, ignorieren also die Stimmhaftigkeit oder sie packen das mit der Stimmhaftigkeit, vergessen aber im Eifer des Gefechts total, dass da noch ein „d“ davor war. Ein bisschen (zu) schnelles Reden, Schlamperei und Unlust kommen hinzu. Nichts Ungewöhnliches. Für die anderen von dir geschilderten Phänomene gilt das analog.

Mich wundert nur, dass das nach deiner Beobachtung ein deutschlanddeutsches Phänomen sein soll. Ich sehe jedoch nicht viel österreichisches Fernsehen und kenne auch kaum Österreicher, sodass ich dieser Annahme nichts entgegensetzen kann.

Gruß
Christopher

Was ich allerdings bizarr finde, ist die „deutsche
Schreibweise“ vieler Namen mit stimmhaftem „j“. Warum kann man
nicht z.B. „Al Jazeera“ schreiben, sondern muß das zu „Al
Dschasira“ verfremden? Oder statt Najaf heißt die Stadt bei
uns Nadschaf! - M-m-m-ö-ö-ö-ö-ö-h! :wink:

Weil einige Zeitungen es (zum Glück) noch bizarrer finden, immer für alles die englische Schreibweise zu übernehmen.

Russisch-ukrainische Spitzfindigkeit
Hallo Pierre,

ein „Rechtfertigung“ gäbe es für das Weglassen des T bei Juschtschenko:

Daß man den Namen russisch ausspricht!

Im Russischen ist nämlich dieses Zischlautungetüm nur ein langes sch mit einem j-Beiklang (ohne T). (Anwendbar bei Nikita Chruschtschow.)

Im Ukrainischen allerdings (und ich meine doch, daß er eben ukrainischer Abstammung ist und nicht russischer) wird das T gesprochen, und so gesehen hast Du ein Recht, Dich zu beklagen!

Haarspalterische Grüße
Michael

Hallo Fritz!

Zur Aussprachen von „Ch“ am Wortanfang muss man wohl
unterscheiden, ob das Wort griechischer => Kcharakter,
französischer => Scharm oder spanischer Herkunnft =>
Cchile oder englischer Herkunft => Tschaans ist.

Welcher Abstammung sind die Wörter „Chemie“ und "China?

Hanna

Hallo!

Ich glaube, das hat mit Dialekten zu tun. Manche Dialekte gehen schlampig mit bestimmten Lauten um. Deswegen spricht ein „Dialektiker“ bestimmte Fremdwörter eben so aus, wie er es aus seinem Dialekt gewohnt ist. Und - was noch wichtiger ist - ihm fällt gar nicht auf, wenn ein anderer denselben Fehler macht.

Bei uns Schwaben ist es die Unterscheidung zwischen stimmhaftem und stimmlosem „s“. Das kriegen wir nicht hin. Dafür sind wir super was Diphtons und Nasale anbetrifft, so dass es uns manchmal die Haare sträubt, wenn man hört, was einem die „Norddeutschen“ so als „Hochdeutsch“ verkaufen.

„Pf“ am Wortanfang und „R“ nach Vokal sind auch so ein Thema: Heißt es nun „Pferd“ oder „Feat“?

Zu Deiner Frage: Die genannten Beispiele kann ich nicht bestätigen, wohl aber…
Chemie - Kemie - Schemie
China - Kina - Schina

Schließlich noch ein Gegenbeispiel:
Die Stadt „Chicago“ wird von fast jedem Deutschen „Tschikago“ ausgesprochen, obwohl es „Schikago“ heißt.

Michael

P.S.: Kann ich mir nicht verkneifen: Wie sieht es denn mit Eurer (Österreichischen) „t“-Schwäche aus, d. h. mit der Unterscheidung zwischen hartem und weichem „d“? :wink:

will ich auch wissen owT

P.S.: Kann ich mir nicht verkneifen: Wie sieht es denn mit
Eurer (Österreichischen) „t“-Schwäche aus, d. h. mit der
Unterscheidung zwischen hartem und weichem „d“? :wink:

Dafür hamma keine -g - Schwäche :stuck_out_tongue:

Amüsierter Gruß
Gerald

Hallo Hanna!

Welcher Abstammung sind die Wörter „Chemie“ und "China?

„Chemie“ ist griechisch.
Allerdings ist die Aussprache des „ch“ anhängig vom darauffolgenden Vokal. Vor e und i wird das griechische „ch“ wie bei uns nach e und i (also wie in „ich“) gesprochen.
Eindeutig falsch ist damit aber auch das oft gehörte nördliche „Schemie“.

Die Herkunft des Wortes „China“ ist umstritten. Möglicherweise stammt es vom Namen der Qin-Dynastie. Dann hieße es „tschina“ (ähnlich auch im Englischen).
Interessanterweise schreiben und sprechen die Griechen China aber mit „k“.

Gruß
Barney

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PPS:
Da war vor kurzem eine Dame beim Millionen-Jauch, die berichtete vom harten und weichen „b“. Nu?

Grinsegruß
Barney

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Tag, Barney!

„Chemie“ ist griechisch.

Bist du sicher? „Alchimia“ ist doch arabischer Herkunft, oder? Meinst du, da steht ein altes griechisches Wort drin?

Interessanterweise schreiben und sprechen die Griechen China
aber mit „k“.

Während die Holländer ein „S“ sprechen, daher Apfelsine = Apfel aus China. Und die Wissenschaft heißt „Sinologie“.

Gruß Fritz

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hallo.

zumindest in unserer gegend trifft man mitunter auf dsch- bzw. tsch-fetischisten:
da wird aus geschichte (im dialekt „gschichte“ gesprochen) tschichte, gescheit wird zu tscheit usw.
das beste, was ich in der richtung mit eigenen ohren gehört habe:
„die ghörd amol tscheid pfickd!“
die übersetzung sei euch überlassen :wink:

gruß

michael

Hallo Fritz!

Bist du sicher? „Alchimia“ ist doch arabischer Herkunft, oder?

Na sowas, schon wieder diese Araber :wink:)
‚nd w‘ sprchn d’ d’s 's???
Und wie kam’s zu uns?
Via Spanien oder via Griechenland?

Gruß
Barney

Hallo Fritz!

„Chemie“ ist griechisch.

Das sagt auch mein Fremdwörterbuch.

Bist du sicher? „Alchimia“ ist doch arabischer Herkunft, oder?
Meinst du, da steht ein altes griechisches Wort drin?

Zur Alchimie weiß ebenselbiges Lexikon, dass dieser Ausdruck arabisch-griechischer Herkunft ist.

Wie ist nun deiner Meinung nach „Chemie“ auszusprechen?

Interessanterweise schreiben und sprechen die Griechen China
aber mit „k“.

Während die Holländer ein „S“ sprechen, daher Apfelsine =
Apfel aus China. Und die Wissenschaft heißt „Sinologie“.

Ist die korrekte Aussprache „Sina“?

Hanna

Hallo, Barney, Hanna und auch sonst!

Via Spanien oder via Griechenland?

Griechenland, arabisch (welches Land auch immer), Spanien, Frankreich!

Frangman Kluge:

_ Alchimie (auch Alchemie)

Substantiv Femininum „Goldmacherkunst“ erweiterter Standardwortschatz obsolet (13. Jh.)Entlehnung.
Entlehnt aus ml. alchimia (gegebenenfalls über afrz. alkimie), dieses aus span. alquimia, aus arab. al-kImiyá, auch „Stein der Weisen“. Täterbezeichnung: Alchimist; Adjektiv: alchimistisch.
Ebenso nndl. alchimie, ne. alchemy, nfrz. alchimie, nschw. alkemi, nnorw. alkymi.
Das arabische Wort wird verschieden erklärt. Es stammt am ehesten aus gr. chymeía, chEmeía „Beschäftigung mit der Metallumwandlung“. Die weitere Herkunft dieses griechischen Wortes ist umstritten.
Naheliegend ist der Anschluß an gr. chYma „Metallguß“, doch bleibt dabei die Variante mit -E- unerklärt. Ein anderer Erklärungsversuch greift auf ein ägyptisches Wort mit der Bedeutung „schwarz“ zurück; Chemie.

Lippmann (1919);
HWPh 1 (1971), 148-150;
Lokotsch (1975), 92;
LM 1 (1980), 329-342;
Kiesler (1994), 219;
DF 1 (21995), 355-358;
Tazi (1998), 113f. lateinisch arab_

und

_ Chemie

Substantiv Femininum „Wissenschaft von der Zusammensetzung der Stoffe“ erweiterter Standardwortschatz fachsprachlich (17. Jh.)
Neoklassische Bildung. Sachlich ist die Chemie aus der Alchemie, der Goldmacherkunst, hervorgegangen. Das Wort ist wohl aus dem älteren Alchemie vereinfacht unter Einfluß des zugrundeliegenden gr. chymeía, chEmeía „Beschäftigung mit der Metallumwandlung“.
Die Einzelheiten der Wortgeschichte sind umstritten.
Die zunächst übliche Schreibung ist Chymie, die dann nach 1800 durch Chemie verdrängt wird. Adjektiv: chemisch; Täterbezeichnung: Chemiker; Konkretum: Chemikalie. Als Vorderglied moderner Bildungen wird Chemo- gebraucht (das kein antikes Vorbild hat).
Ebenso nndl. chemie, ne. chemistry, nfrz. chimie, nschw. kemi, nnorw. kjemi.
DF 3 (21997), 674-684;
Diels (1920), 121-154;
Lippmann (1919), Kapitel III;
Piselli, F.: Nota sulla chEmeía (Bergamo 1972);
LM 2 (1983), 1791f. lateinisch gr arab_

Wieder so ein tolles Wort!

Aufgrund dieser Herleitung spreche ich Kchemie!

Gruß

Fritz