Dt.-Frz. Krieg 1870

Hallo,
zunächst einmal - eine Anfrage mit einer Grußformel (und wenn’s nur ein ‚Hi‘ ist) einzuleiten, wäre nett. Und ‚Discordia‘ mag ja ein netter Nick sein, aber eine Anfrage sollte man ruhig auch mit einem Namen unterzeichnen. Ein Minimum an Höflichkeit kann nie schaden - vor allem nicht, wenn man von anderen etwas will - und seien es nur Antworten.

Zunächst einmal der Einfachheit halber Deine zweite Frage.

  1. Warum war Frankreich über die Mithilfe der süddeutschen
    Staaten überrascht? Wusste Napoleon III nichts von den
    Bündnissen des Norddeutschen Bundes mit diesen Staaten?

Totale Fehleinschätzung auf Grund von Arroganz und Selbstüberschätzung. Selbst ohne formale Bündnisse hätte man wissen müssen, dass es sich keine süddeutsche Regierung innenpolitisch hätte erlauben können, in diesem Krieg auch nur neutral zu bleiben.

  1. Weshalb wollte Bismarck den Deutsch-Französischen Krieg?
    Wusste er, dass das zur Einigung der Kleinstaaten führen
    würde?

Gegenfrage: Weshalb wollte Helmut Kohl den Zusammenbruch der Sowjetunion? Wusste er, dass das zur Einigung Deutschlands führen würde?

Die Behauptung, Bismarck habe den Krieg mit Frankreich gewollt und bewusst betrieben (womöglich sogar mit dem Ziel, dadurch die deutsche ‚Einigung‘ zu erreichen), ist eine gern verbreitete, aber kaum belegte Legende. Diese Legende wird nicht dadurch richtiger, dass sie von den unterschiedlichsten Seiten gepflegt wurde. Zum einen von deutschnationalen Bismarckverehrern, die ihrem Idol im Nachhinein eine geniale politische Strategie und nahezu hellseherische Kräfte zuschreiben wollten - und zum anderen von Leuten, für die Deutsche sowieso an jedem Krieg, an dem sie jemals beteiligt waren, automatisch auch schuld sind. Nach dieser Theorie, die von Parteien vertreten wird, die ansonsten einander spinnefeind sind, hat Bismarck die dummen Franzosen schlicht und einfach reingelegt - die waren zu dämlich um zum merken, worauf Bismarck eigentlich hinauswollte … So stellt sich klein Erna die Polletick vor.

Es ist in der Geschichte eigentlich eher selten der Fall, dass jemand einen Krieg will - in dem Sinne, dass er relativ frühzeitig einen entsprechenden Entschluss fasst und konsequent darauf hinarbeitet. Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Zum Krieg kommt es, wenn die Politik versagt.

Man könnte in Bezug auf den Kriegsausbruch von 1870 fragen, zu welchem Zeitpunkt die Politik bzw. die Diplomatie versagte und wer für dieses Versagen die Verantwortung trug. In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Lancierung der ‚Emser Depesche‘ durch Bismarck genannt - zu einem guten Teil aus den oben von mir genannten Gründen. Dagegen tritt die Kammererklärung der französischen Regierung vom 6. Juli deutlich in den Hintergrund - ebenfalls aus den genannten Gründen. Wenn man sich die ganze Vorgeschichte der spanischen Hohenzollernkandidatur anschaut, so wird deutlich, dass die französische Regierung in grober Fehleinschätzung ihres militärischen Potentials bewusst einen Kollisionskurs mit Preußen steuerte - mit allen (auch militärischen) Konsequenzen. Bismarck hatte lediglich eine zutreffendere Einschätzung des Kräfteverhältnisses und wenig Anlass, einer Konfrontation mit Frankreich auszuweichen. Ob da schon Fragen der Reichseinigung eine Rolle spielten, ist zumindest nicht bewiesen.

Einseitige Schuldzuweisungen bei militärischen Konflikten sind häufig (nicht immer) problematisch. Wer für den Ausbruch des Krieges die größere Verantwortung trägt - Bismarck oder seine Gegenspieler Gramont, Ollivier und Napoleon - ist zumindest strittig. Das Problem ist, bei der Beantwortung solcher Fragen zunächst den Ausgang des Konfliktes zu ignorieren und sich der Fragestellung wirklich ohne Parteilichkeit zu nähern.

Freundliche Grüße,
Ralf

Empfohlene Literatur:

Eberhard Kolb
Der Kriegsausbruch 1870

Politische Entscheidungsprozesse und
Verantwortlichkeiten in der Julikrise 1870

Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen1970
(ohne ISBN)