Du sollst nicht richten über das Leben anderer
Moin celo,
das grundsätzliche Problem, das ich bei solchen Aussage sehe ist, dass es offenbar Menschen gibt, die meinen sich anmaßen zu dürfen, für einen anderen Menschen zu entscheiden , ob dessen Leben lebenswert ist oder nicht.
Ursache hierfür sind häufig eigene Ängste, die in ihrer Ausprägungsform jedoch sehr individuell sein können. Der eine hält sein Leben für nicht mehr lebenswert, weil er seinen Job verloren oder seine Frau ihn verlassen hat und stürzt sich von der Brücke. Der andere hat weder Job noch Frau, statt dessen eine Behinderung und führt dennoch ein zufriedenes Leben.
Auch die immer weiter verbreitete Vorstellung von „perfekten“ Kindern trägt sicher einiges zu diesem verqueren Denken bei. Ich frag mich immer, was Leute, wie der von dir beschriebene Vater eigentlich machen, wenn ihr Kind im Alter von 8 Jahren wegen Querschnittlähmung als Folge eines Verkehrsunfalls im Rollstuhl sitzt.
In der Konsequenz aufgrund dieser eigenen Ängste die Tötung eines anderen Lebens zu fordern, erscheint mir nicht nur hochgradig anmaßend, undverantwortungslos, sondern kriminell.
Das zweite Problem ist, dass Leute meinen, in die Zukunft schauen und vorhersagen zu können, wie das Leben eines Menschen verlaufen mag. Die Medizin und insbesondere die pränatale Diagnostik kann allenfalls medizinische Aussagen treffen. Keinesfalls aber kann sie dir jedoch diagnostizieren, ob ein Mensch z.B. mit der Krankheit „amyotrophische Lateralsklerose (ALS)“ (ein Leben, das sicher viele Menschen nicht als „lebenswert“ ansehen würden) sein Leben als „Bürde der Gesellschaft“ führt, oder wie Stephen Hawking durch seine wissenschaftliche Arbeit der Menschheit unschätzbare Dienste erweist.
Die pränatale Diagnostik hat sicher viele Funktionen zur Sicherung des Lebens. Wenn sie jedoch dafür verwendet wird, einen Menschen dazu zu drängen, eine Entscheidung zu fällen, ob ein Mensch sein Leben aufgrund einer Behinderung später als lebenswert ansieht oder nicht, dann ist das in meinen Augen sehr bedenklich. Diese Entscheidung kann niemand für einen anderen treffen.
Ein Mensch kann sich allenfalls dahingehend prüfen, ob er meint, sich den Anforderungen stellen zu wollen, ein Kind mit einer Behinderung großzuziehen, ohne jedoch im Vorfeld überhaupt zu wissen, worin diese Anforderungen oder Ausprägungen der Behinderung überhaupt bestehen werden. Wenn ein Mensch bei dieser Selbstprüfung Kraft in seinem Glauben findet, und sich so den Anforderungen stellen will, ist er IMHO nur zu beglückwünschen.
Gruß
Marion