Hallo Jule,
vielen Dank für Deine Antwort.
Das ist nur ein Aspekt der Entwicklung zur Empathiefähigkeit.
Ganz entscheidend sind z.B. kognitive und sozial-emotionale
Entwicklungsprozesse, die ein Kind überhaupt erst dazu
befähigen, Emotionen (zunächst für sich selbst) zu zeigen, zu
erkennen, was sie auslöst und sie zu regulieren. Die
Entwicklung von Empathiefähigkeit hängt stark mit einer
Entwicklung des Sozialverhaltens zusammen.
Was genau meinst Du mit den kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklungsprozessen? Ich denke an eine bestimmte Person. Diese ist „hochbegabt“, d.h. kognitive Entwicklungsprozesse werden eher kein Problem sein. Ich dachte daran, dass Kinder, deren Emotionen nicht erwidert / gespiegelt werden, die keine Resonanz bekommen, auch nicht lernen, ihre Emotionen zu regulieren. Man sagt, dass Hochbegabte oft in der sozial-emotionalen Entwicklung zurück seien, was ich mir damit erkläre, dass die „kognitive Schiene“ oft ausreicht, um erstmal weiterzukommen (sie kompensieren). Viele oder einige Hochbegabte wirken auch leicht autistisch (es gibt im Netz verschiedene Asperger-Tests, und in einem Hochbegabtenforum hat sich herausgestellt, dass viele der Mitschreiber einen recht hohen „Aperger-Kator“ haben).
Wie können diese Menschen als Erwachsene lernen, sich einzufühlen?
Durch Übung. Die Bereitschaft, sich in andere hineindenken zu
wollen, ist dabei eine unabdingbare Voraussetzung. Ernsthaft
gestört ist die Fähigkeit zur Empathie z.B. bei Menschen mit
autistischen Störungen. Bei diesen fehlt das grundlegende
Verständnis für sozial-emotionale Verhaltensweisen, was zur
Folge hat, dass sie sich im Umgang mit anderen oft nur eine
gewisse Technik antrainieren können, ohne deren tiefere
Zusammenhänge tatsächlich zu begreifen.
Wenn es mir gelingt, jemandem wirklich mit Interesse
zuzuhören, bin ich bereits mitten drin in der Einfühlung.
Diese Person kann sehr gut zuhören, vielleicht als Kompensation fürs Einfühlen oder Interesse haben?
Es kann meiner Meinung nach niemals das Ziel von Therapie
sein, sich mit Hilfe des Patienten „wohlzufühlen“ oder ein
Gefühl der inneren Verbundenheit mit ihm zu erreichen.
Also, Ziel der Therapie soll sein: Sich einzufühlen, aber immer ziel- bzw. zweckgerichtet, ohne „Vermischung“.
Das klingt für mich - zumindest in der Formulierung, die du
getroffen hast, doch sehr stark danach, als würde der
Betreffende primär nach dem Gefühl geliebt und gebraucht zu
werden streben. In der Tätigkeit, andere Menschen zu beraten/
zu therapieren sieht er die Möglichkeit, eigene (bereits in
der Kindheit) unerfüllte Bedürfnisse nach Nähe und
Geborgenheit zu erfüllen.
Vermutlich. Vielleicht kann er seine Umgebung so beeinflussen, dass er in Bezug auf Therapie (seine Arbeit) nicht überfordert wird (weniger arbeiten) und auf anderem Wege (privat) diese Bedürfnisse erfüllen. Wobei es schwierig sein wird, die Arbeit dementsprechend zu verändern, und auch, die Bedürfnisse zu erfüllen- denn diese Person bräuchte ja jemanden (oder mehrere), der sich selbst gut einfühlen kann. Dieser erwartet jedoch vermutlich selbst einen einfühlenden oder sich einfühlen wollenden (!Kapazitätsproblem- die Anforderung ist hoch, wenn er auf der Arbeit und im privaten Bereich plötzlich vieles leisten soll, was er noch nicht kann) Partner / Freund.
Für eine professionelle therapeutische Beziehung erschiene mir
das als der grundlegend falsche Ansatz. Ein Psychologiestudium
könnte zwar helfen, für sich selbst bestimmte Zusammenhänge zu
erkennen und offene Fragen zu klären (böse Zungen behaupten,
für die Mehrzahl der Psychologiestudenten wäre dies die
treibende Motivation fürs Studium), für eine therapeutische
Arbeit sollten aber doch eigene sozial-emotionale Störungen
zumindest ausreichend aufgearbeitet sein.
Aufgearbeitet im Sinne von verstanden oder „Empathie gelernt“ haben?
Viele Grüße