Darf ich noch einen längeren Text zu diesem Thema
nachschieben?
Schon geschehen! 
_ Wörter und ihr Werdegang
„Fraüwe meyt üch stunt gezeme da üch drye geste beslieffen do wordent ir fraüwe genant“. Haben Sie das noch verstanden? Der Text von Walther von der Vogelweide kann im Original heute wohl von den wenigsten gelesen werden. Doch auch das war einmal Hochdeutsch.
Sprache ist nicht statisch und wird durch ihre Sprecher beständig verändert. So alt wie diese Feststellung ist auch die Angst vor dem Verfall der Sprache. Ob es nun der übermäßige Gebrauch von Fremdwörtern, das Schwinden des Genitivs, der Verlust des Konjunktivs oder die falsche Verwendung von fachlichen Termini ist - lebendige Sprache lässt sich nur bedingt steuern. Dies führt zu Veränderungen, die von vielen kritisiert werden. Trotzdem lassen sich die Weiterentwicklungen nicht aufhalten.
Wer seine Wörterbücher nach einigen Jahren wieder zur Hand nimmt, wird feststellen, dass es etliche Einträge gibt, die veraltet sind und so nicht mehr verwendet werden, andere Wörter kann er dagegen erst gar nicht finden. Für die Erstellung von Nachschlagewerken muss man die sprachliche Entwicklung verfolgen, um Veränderungen aufnehmen zu können.
Gleichzeitig soll jedoch durch die Auswahl von bereits länger gebräuchlichen und weit verbreiteten Wörtern und Wendungen der Grundwortschatz der deutschen Sprache repräsentativabgebildet werden.
Hier liegt die Aufgabe der Wörterbuch-Redakteure, Sprachwissenschaftler, die auf der Basis verschiedener Auswertungsverfahren entscheiden, ob ein Wort den Weg in unsere Wörterbücher findet.
Das Bertelsmann Lexikon Institut macht sich darüber hinaus ein wichtiges Instrument zunutze, um die WAHRIG-Wörterbücher zu bearbeiten und zu aktualisieren - das WAHRIG Textkorpusdigital, eine digitale Wortbelegsammlung auf der Grundlage von Texten repräsentativer überregionaler Zeitungen und Zeitschriften, die Neuerungen in der geschriebenen Sprache zuverlässig anzeigt. Hätten Sie zum Beispiel gedacht, dass shoppen bereits weit verbreitet in unserem Sprachgebrauch ist und das nicht nur in der mündlichen Kommunikation. Das WAHRIG Textkorpusdigital zeigt, wann in der öffentlichen Kommunikation ein Wort aktuell ist und erlaubt es die Entwicklung über einen längeren Zeitraum zu beobachten.
Was ist nun richtiges Deutsch?
Heißt es „durchweg“ oder „durchwegs“? „Gemäß des Rates meines Freundes“ oder „Gemäß dem Rat meines Freundes“? Einfach ist Deutsch auch für Muttersprachler nicht und Gründe für sprachliche Unsicherheiten gibt es viele.
Einer davon ist der starke Einfluss von Dialekten. Auch wenn es immer weniger wirkliche Dialektsprecher gibt, kann man regionale Varianten bis heute nachweisen: Ist der Süddeutsche im Bett gelegen, werden die meisten Norddeutschen dort „gelegen haben“,
Politisch gesehen ist Deutsch offizielle Amtssprache in 3 Ländern (Österreich, der Schweiz und Deutschland) und entwickelt über Bezeichnungen für Schulabschlüsse, Berufe etc. verschiedene anerkannte Begrifflichkeiten. Oder hätten Sie eine Bedienerin (Österreich) gesucht, wenn Sie eine Putzfrau (Deutschland) brauchen?
Doch nicht nur durch Dialekte gibt es starke Unterschiede im Deutschen. Wir bedienen uns neuer Wortschöpfungen, wenn wir ein Thema besonders interessant gestalten wollen, nutzen Varianten wie Jugendsprache oder Fachsprachen, um Zugehörigkeiten aufzuzeigen, und übernehmen Begrifflichkeiten aus anderen Sprachen.
All dies macht Wörterbücher, Grammatiken und Stilkunde zu unabkömmlichen Freunden für den professionellen Umgang mit unserer Sprache. Denn wer ist schon ganz sicher, dass er immer den richtigen Ton trifft?
Trendwörter
Viele Wörter und Sprachstrukturen übernehmen wir unbewusst von den Medien. „Da werden Sie geholfen“ oder „Deutschlands meiste Kreditkarte“ sind Beispiele für falsche Grammatik, die sich über die Werbung in unserer Sprache einschleichen. Wie erfolgreich solche Neuerfindungen sind, zeigt sich oft erst nach einigen Jahren.
Erinnern Sie sich noch an das Trendwort des Jahres 1997? Damals war der „Elchtest“ aktuell. Ob Unwort oder Trendwort, es gibt eine ganze Reihe an Wörtern mit kurzer aber steiler Karriere. Viel gebraucht aber oft ebenso schnell vergessen. Wer kennt heute noch die Bedeutung von „Rooming- in“, das 1978 auf der Auswahlliste zum Wort des Jahres stand. Jedes Jahr bestimmt die „Gesellschaft für Deutsche Sprache“ Wörter, die besonders bezeichnend für das vergangene Jahr war.
In den Auswahllisten finden sich häufig auch interessante Wortneuschöpfungen, Wortspiele oder Wortschatz aus anderen Sprachen. Ob „Schläfer“ oder „simsen“, vieles wird nur über einen kurzen Zeitpunkt verwendet und verliert sich danach wieder im Vergessen der Sprecher, anderes bleibt dauerhaft genutzt. Schöne Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind der „Samenraub“ oder das „Klonbaby“, die bedingt durch spezifische Ereignisse häufig in der Presse nachzuweisen sind, in den Folgejahren jedoch an Bedeutung verlieren.
Manche Begriffe bleiben jedoch aktuell und so kann die Neuauflage von WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung 2002 immerhin 1000 neue Stichwörter anbieten, die durch die Recherche der Sprachwissenschaftler und die Nutzung des WAHRIG Textkorpus digital den Weg ins Wörterbuch gefunden haben. Besonders deutlich sind solche Wortschatzerweiterungen bei Begriffen aus der Computertechnologie. Das Wort „mailen“ weist das Korpus 1995 gerade ein Mal nach, 2000 sind es schon fünfzehn Vorkommen und die Tendenz ist steigend.
Jugendsprache
Doch nicht nur Neuerungen verändern unsere Sprache. Oft wandern Ausdrücke aus der Sprache bestimmter Gruppen, den Soziolekten, in die Alltagssprache ein.
Beliebtes Forschungsobjekt der letzten Jahrzehnte ist hier die so genannte Jugendsprache. Umstritten bleibt, ob es sich hier wirklich um einen Soziolekt handelt oder ob man sich nur der bereits vorhandenen Sprachformen bedient. Schließlich können sich Jugendliche sehr unterschiedlich ausdrücken - je nachdem z. B. ob sie provozieren möchten, eine Gruppenzusammengehörigkeit ausdrücken oder sich um einen Ausbildungsplatz bewerben.
So unterschiedlich und situationsbedingt die Art zu sprechen ist, einige Auffälligkeiten lassen sich bei jungen Sprechern nachweisen. Entstanden war das Interesse der Forschung an dieser Sprache der Jungen aus der Angst vor einem Sprachverfall. Die Verwendung von englischen Ausdrücken oder falsche grammatische Strukturen werden bis heute kritisiert. Dabei beweisen gerade Jugendliche eine extreme Kreativität im Sprachgebrauch, sowohl in der Erfindung neuer Ausdrücke als auch in der Entwicklung einer eigenen Grammatik.
Viele der unter Jugendlichen zunächst üblichen Ausdrücke verschwinden jedoch auch wieder, wenn die jugendlichen Sprecher erwachsen werden. Oder wer spricht heute noch von „oberaffengeil“? Man will sich als junger Mensch von den eingefahrenen Regeln und konservativen Ansichten der Erwachsenen absetzen. Im Erwachsenenalter legt man ebenso wie die Rebellion auch die Sondersprache ab und doch bleiben einige Wortneuschöpfungen erhalten. Ob „flezen“ oder „floppen“, „ranklotzen“ oder „reinziehen“, was wir auch weiterhin verwenden, zeigt sich in einigen Jahren und einiges finden wir vielleicht auch bald im Wörterbuch.
Fachsprachen
Wer Fachsprache hört, denkt heute im wissenschaftlichen Umfeld primär an Englisch. Das war jedoch nicht immer so. Nachdem das Lateinische als Schriftsprache von den unterschiedlichen Volkssprachen abgelöst wurde, waren bis vor ca. 60 Jahren Deutsch, Englisch und Französisch wichtige Wissenschaftssprachen .
Wer Medizin, Physik oder Philosophie studierte, kam um die deutsche Sprache nicht herum. Erst heute sind etwa 90% der naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen auf Englisch. So gelangt aktuell primär englischer Wortschatz aus den wissenschaftlichen Fächern in die deutsche Sprache. Gerade in der Informatik wäre eine Kommunikation ohne englischen Wortschatz kaum mehr möglich: Wer elektronische Post versendet, schreibt „E-Mails“, benutzt eine „Mouse“ mit „Mouse- Pad“ oder „loaded Programme down“. In der Arbeitswelt gehen wir ins meeting und schreiben reviews.
Neben den Wissenschaftssprachen gibt es noch die Sprachen der unterschiedlichen Berufsgruppen. Hier übernahm man Begrifflichkeiten oder sogar ganze Phrasen in die Allgemeinsprache. Wer von „aufhören“ spricht, greift auf den Wortschatz der Jäger zurück. „Leinen ziehen“ konnten ursprünglich nur die Flussschiffer und „über den Kamm scheren“ konnten die Friseure. Und auch hier werden wir uns weiterentwickeln und neue Wörter lernen.
Dialekt
„Deutschland hat so viele Dialekte, dass sich die Leute in einem Abstand von 30 Meilen nicht verstehen.“ (Aus Luthers Tischreden. Lauterbachs Sammlung B, Nr. 6146)
Der Satz aus Luthers Tischreden ist nicht mehr ganz aktuell, denn Dialekte im ursprünglichen Sinn gibt es nicht mehr. Durch die modernen Medien und die Schule gelangte das Hochdeutsche in unsere Dialekte und trotzdem, auch heute ist unsere Umgangssprache regional gefärbt. Ob Zebeber, Weinberln und Rosinen, Weckla, Brötchen oder Semmel, man erkennt sie noch, die Vielfalt der deutschen Sprache.
Jeder der einmal in Deutschland umzieht, merkt, dass wir noch lange nicht alle gleich sprechen, auch wenn das Verstehen einfacher geworden ist.
Besonders ausgeprägt bleibt das Schweizerdeutsche. Gibt man sich in Deutschland oder Österreich durch einen starken Gebrauch dialektaler Aussprache oder dialektaler Wendungen als Angehöriger einer niederen Schicht zu erkennen, sehen es selbst Schweizer Professoren als angemessen an, sich im Dialekt zu unterhalten, und so verändert sich auch das Hochdeutsch der Schweiz.
Es lohnt sich vor einem Schweizurlaub zu lernen, dass ein Velo und nicht ein Fahrrad gefahren wird, der Billeteur die Tickets der Reisenden kontrolliert und ich eine Arbeit nachdoppeln muss, wenn sich Fehler eingeschlichen haben. Schließlich kann man diese Begriffe nicht nur gesprochen finden.
Fremdsprachen
Die größte Angst vor einem Verfall der deutschen Sprache wird heute mit dem Einfluss des Englischen begründet. Neu sind solche Einflüsse anderer Sprachen jedoch nicht. In der Zeit zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert war Französisch die Weltsprache. Der Adel und das Bürgertum Deutschlands bedienten sich zeitweise sogar einzig dieser Sprache. Deutsch war die Sprache der niederen Schichten und es kam zu eigenen, nur scheinbar korrekten neuen „französischen“ Wörtern im deutschen Sprachraum. Der Friseur entsteht in dieser Zeit, das richtige französische Wort lautet coiffeur .
Die Geschichte scheint sich nun zu wiederholen. Englisch ist die lingua franca und man kann Naturwissenschaften in Deutschland studieren, ohne Deutsch zu lernen. Englisch ist „in“ bei der Jugend und so beginnen wir auch wieder Englisch zu verändern. Ein Handy werden wir nur in Deutschland benutzen und das mit dem festen Glauben, wir würden Englisch sprechen und so unsere eigenen Sprache zerstören. Also, keine Angst vor sprachlichen Experimenten, schließlich hat Deutsch schon viele Änderungen erlebt, ohne dass wir das heute als negativ empfinden.
Sabine Schmid_
der ich unbekannterweise danke für ihre schöne Behandlung des Themas. Den Text habe ich bei aol Wissen gefunden.
Gruß Fritz