Moin peet,
ich bin vermutlich eine der wenigen hier, die das Buch von Harald Welzer u.a. „Opa war kein Nazi“ ISBN 3596155150 Buch anschauen gelesen hat.
Vorab: Ich fand das Buch unglaublich spannend, ich konnte es kaum aus der Hand legen, nachdem ich erstmal angefangen hatte zu lesen und ich kann es jedem, der sich für die Thematik Nationalsozialismus, Geschichte etc. interessiert nur empfehlen.
Du zitierts hier zwar einen aktuellen Zeitungsartikel, Schwerpunkt dieses Artikels ist aber eigentlich die Geschichte oder genauer gesagt, die Tradierung von Geschichtsbewußtsein, also das Weitergeben von „Vergangenheit“ innerhalb von Familien auf einer emotionalen Grundlage, gegenüber beispielsweise durch Schule, Medien etc. vermitteltem koginitven Wissen.
Welzer ist Sozialpsychologe und hat für die erwähnte Studie Angehörige von 40 Familien befragt (Zeitzeugen, deren Kinder und Enkelkinder) und zwar sowohl in Familieninterviews, als auch Einzelinterviews. Bei der Auswahl der Familien wurde berücksichtigt, dass es sich mum, normale Familien handelte, also ausdrücklich nicht um Familien, zu denen signifikante Holocaust-Täter in einem juristischen Sinne zählten.
Mit den Kenntnissen des Buches im Hintergrund möchte ich die von dir ausgewählten Auszüge gerne kommentieren 
„Nach den folgenden Umfrageergebnissen müsste die Geschichte
des Nationalsozialismus neu geschrieben werden: 26 Prozent der
damals erwachsenen Bevölkerung haben Verfolgten geholfen, 13
Prozent waren im Widerstand aktiv, 17 Prozent haben immer den
Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu
nennen. Außerdem war lediglich ein Prozent der Bevölkerung an
Verbrechen beteiligt. Antijüdisch sind ganze drei Prozent
gewesen.“
„Parallel zu diesen Bildern von couragierter
Widerstandsbereitschaft ist die Überzeugung verbreitet, dass
die Angehörigen der Befragten zum einen ?viel im Krieg
erlitten?(65 Prozent), zum anderen aber auch ?Gemeinschaft
erlebt? haben (63 Prozent), was zeigt, dass Kernelemente der
von der NS- Propaganda stilisierten Not- und Opfergemeinschaft
bis heute nachklingen.“
Wichtig ist hier anzumerken, dass dies in erster Linie das Bild ist, was die Angehörigen von ihren Vorfahren zeichnen. Welzer hat in seiner Studie festgestellt, dass selbst wenn die Zeitzeugen im Familieninterview (also während Kinder und Enkel anwesend waren) von Antisemitismus, Gestapo-Mitgliedschaft, Erschießungen etc. berichteten, dies sich später in den Enzelinterviews der Kinder und Enkel nicht wiederfand.
Entgegen bisheriger Ansicht wurden Geschichten, die die Zeitzeugen in ihrer Beteiligung an NS-Verbrechen berühren, also keinesfalls vor Kindern und Enkeln verschwiegen, sondern von diesen später nicht nur nicht wiedergegeben, sondern völlig sinnentsteltl wiedergegeben. So wurden aus Erzählungen mit eindeutig antisemitischem Inhalt der Großeltern z.B. bei der Wiedergabe durch die Enkel die Großeltern plötzlich zu „Helden“, die Verfolgten Hilfe leisteten…etc.
Welzer führt einiges an Erklärungen dafür an, was ich hier leider nicht alles wiedergeben kann, u.a. Dinge wie „Familienloyalität“ oder das Auweiten von eigenen Erfahrungen mit einem Menschen (Opa war immer nett, hilfsbereit, warmherzig) auf dessen gesamte Biographie, die selbst nicht miterlebt wurde, da vor der eigenen Zeit etc.
Des weiteren erklärt er auch Diskrepanzen der Zeitzeugen bei der Bewertung eigenen Handelns im Gegensatz zum Handeln anderer. So hat zum Beispiel ein Handlungsvorgang wie das Erschießen von Kriegsgefangen bei den Zeitzaugen ungläubige Betroffenheit ausgelöst, wenn andere ihn begangen („Wie kann man sowas tun, das ist ja kaum zu glauben“), während der gleiche Handlungsvorgang, wenn er selbst begangen wurde, in einem anderen subjektiven, sinnhaften Zusammenhang partikularer Rationalität und Moralität eingeordnet wurde.
Im Übrigen stellten selbst die Interviewer fest, dass sie sich von diesem „das Positive sehen wollen“ kaum freimachen konnten, und teilweise sogar versuchten Antworten in diese Richtung zu manipulieren. Selbst die Interviewer konnten sich also kaum vorstellen, dass diese nette Oma, die da Kaffe gekocht, Kuchen gebacken, sich freiwillig für das Interview zur Verfügungs gestellt hatte und bereitwillig Auskunft hab, in NS-Verbrechen verwickelt gewesen sein konnte…
Schlussfolgerungen des Autors:
„Besonders falsch wird diese Fixierung auf Wissensvermittlung,
wenn damit zugleich ein moralisches, nicht kognitives Lernziel
erreicht werden soll. Falsch scheint die Überzeugung, man
müsse nur das Richtige sagen, dann würden die richtigen
Schlüsse daraus gezogen. Dass politische und moralische
Aufklärung nicht eine Frage von Wissen, sondern vor allem eine
von gesellschaftlicher und schulischer Praxis sind, wird dabei
übersehen.“
Das ist richtig, ein moralischen Lernziel kann durch eine kognitive Auseinandersetzung mit einem Thema nicht erreicht werden. Paradoxer Weise führt aber grade die verzerrte, emotionale Auseinandersetzung innerhalb der Familien dennoch zu dem gewünschten „politisch/moralischen“ Ergebnis. Die Kinder und Enkel der Zeitzeugen, die ihren Vorfahren quasi widerständlerische Haltungen andichteten und sie Heroisierten, lernten aus ihrer verzerrten Familiengeschcihte, dass Widerstand in diktatorischen Systemen trotz aller Gefahren für eigenes Wohlbefinden und Sicherheit gewollt, möglich, sinnvoll und erstrebenswert ist. Die Heroisierung der Vorfahren gerät zum Vorbildcharakter.
Insofern wird die deutsche Erinnerungskultur vermutlich auf
eine ?Entsorgung? von Auschwitz hinauslaufen. Die Allgegenwart
von Holocaust- Gedenkstätten widerspricht dem nicht. Wenn die
Erinnerung in Denkmäler gegossen ist, wird sie bedeutungslos.
Denkmäler, hat Robert Musil angemerkt, sind unsichtbar; sie
stören den Verkehr nicht, der sie umfließt, ohne sie zur
Kenntnis zu nehmen."
Das ist richtig. Nur ist es kein „Trend“ sondern eigentlich ist „Auschwitz“ nie Bestandteil der Erinnerungskultur in deutschen Familien gewesen, sondern lediglich Bestandteil des kognitiven Wissens um die NS-Geschichte. Auschwitz kommt in den Familienerzählungen der „normalen“ Familien nicht vor. Die „eigene“ erlebte Geschichte endet meistens mit dem „Verschwinden“ der jüdischen Deutschen aus dem eigenen Umfeld, z.B. durch Auswanderung oder „Abholung“, und beginnt erst wieder nach Ende des Kriegs, als Überlebende von KZs wieder im Umfeld wahrgenommen werden. (Was vermutlich dadurch zu erklären ist, dass hier ja ausdrücklich „normale“ Familien interviewt wurden und absichtlich keine Familien von Holocausttätern.)
Ich denke, bei Familien, in denen der Holocaust Bestandteil der individuellen Familiengeschichte war, sei es auf Täter- als auch auf Opferseite sieht das vermutlich anders aus.
Was jedoch tatsächlich mit der Generation der Zeitzeugen zu verschwinden scheint, ist das Bewußtsein über Verbrechen des Nazionalsozialismus als Bestandteil der eigenen Familiengeschichte, da wie gezeigt, dieser Teil von den Kindern und Enkeln größtenteils ausgeblendet oder gar umgekehrt wird.
Gruss
Marion