Achtung lang
Hallo!
Holala, da ist ja so ziemlich alles schief gelaufen, was schief laufen kann. Man könnte diesen Fall ja schon als Musterfall für Antimobbingtrainer nehmen.
Ich fang einfach mal zwischen den Zeilen zu schreiben, was mir spontan dazu einfällt. Eine Frage noch: Welches Bundesland? Vielleicht kenne ich ja einen fitten Kollegen, den ich empfehlen kann.
…meine Tochter hat schon länger Probleme mit Jungs in ihrer
Klasse, die sich als „Rudel“ zusammengeschlossen haben und
„gemeinsam unausstehlich sind“.
Dies ist schonmal eine Schulzuweisung, die bei den „Mobber“ auf Gegenwehr stoßen wird.
Sie hatte vor ca. 18 Monaten
LEICHTES Übergewicht, wurden von den Jungs deswegen gehänselt
und beleidigt, im Internetportal, sei es wkw, ICQ oder
SchülerVZ öffentlich beleidigt, als „fettes Schwein, das man
schlachten müsse“
Wie du schon weiter unten geschrieben hast: Das Internet mit der Möglichkeit des Cybermobbings ist eine brutale Waffe!!!
Daraufhin suchte ich das Gespräch mit seinen Eltern,
mit dem Erfolg, dass IHR KIND sowas nicht macht und meine
Tochter bestimmt lügt.
In allen Mobbing-Fällen, die ich bearbeitete, wurde es schwieriger bzw. fast unmöglich zu arbeiten, wenn sich die Eltern mit den anderen Eltern in Verbindung gesetzt haben oder sich direkt eingemischt haben. Dieser Schuss ging in 99% der Fälle nach hinten los.
Trotzdem kann ich verstehen, wenn man als Elternteil seinem gemobbten Kinde helfen will. Man schlägt sich aber (was ja normal ist) meist auf die Seite seines Kindes, ist emotional geladen und ist dann im Gespräch mit den Anderen erstmal ein Angreifer aus deren Sicht heraus. Wer angegriffen wird, verteidigt sich. Egal wie. Man nimmt dann jedes Mittel als legitim an.
Es gab genug Zeugen, die alles gesehen haben…
Ich habe den Direktor der Schule informiert und daraufhin
wurden alle Beteiligten verhört.
Auch ein Verhör ist erstmal sowas wie ne Anklage die eine Verteidigungshaltung hervorruft. Da hat also die Schulleitung großen Mist gebaut, indem sie (ich kenne es zur Genüge) vermutlich große Moralpredigten gehalten hat, die nicht nur einfach verpuffen, sondern bei den Betroffenen Frust auslösen.
Natürlich hatte besagter
Junge einen Tag danach schon ein Schreiben seiner Eltern
dabei, aus dem hervorging, dass ER NICHTS getan hat ABER…5
andere Jungs, die direkt mit Namen und Anschrift genannt
wurden.
Wenn schonmal die Schuld ins Spiel gekommen ist, wird nun auch fleißig damit Schwarzer Peter gespielt. Das klingt auch so, als wenn der betroffene Junge zu Hause ziemlich unter Druck steht.
Daraufhin haben sich die Jungs aus mehreren Klassen
zusammengerottet und meine Tochter in den Pausen, vor oder
nach der Schule verpottet, geschubst, ausgelacht, als Pinzien
beschimpft und äußerst vulgär im Internet beleidigt. Diese
beweisbare Beleidung habe ich dann ausgedruckt und auch wieder
der Schulleitung vorgelegt.
Mehr derselben nutzt meist nix. Nun wird sich langsam die Schule angegriffen fühlen, bzw. unter Druck gesetzt fühlen.
Der Absender dieser widerlichen
Mail hat sich daraufhin unter Tränen in Gegenwart des
Direktors bei meiner Tochter entschuldigt.
Angst?
Der Terror in der Schule ging so weit, dass ich gegen den
Jungen Anzeige wegen Körperverletzung erstattet habe - obwohl
er nicht strafmündig ist, weil er erst 13 ist. (damit hat er
vorher schon geprahlt, dass man ihm aus diesem Grunde nichts
anhaben könne…)
Ich habs trotzdem gemacht, dass die Sache mal aktenkundig ist
und die Polizei hat trotz ihrer Machtlosigkeit alle
Beteiligten zum Gespräch geladen - auch den Schuldigen, damit
er aus seinem Fehlverhalten lernen kann. Diese Aktion fand ich
richtig gut nur leider haben seine Eltern den erzieherischen
Effekt verhindert und einen Anwalt hingeschickt. Das hat sogar
die Polizei erstaunt, dass Eltern jegliche Erziehung mit allen
Mitteln verhindern. Manche Leute würden es sich verdammt
einfach machen.
War das nicht voraus zu sehen?
Soweit, so schlecht. Eine Anti-Mobbingtrainerin wurde für
einen Tag (4 Schulstunden) in die Klasse geschickt. Kurz zuvor
hat der Klassenlehrer noch verkündet, dass er die geplante
Klassenfahrt wegen DIESES Vorfalles ABGESAGT hatte - mit dem
Resultat, dass die ganze Klasse während des Mobbing-Trainings
auf meiner Tochter herumgehackt hat - wenn sie keine Anzeige
erstattet hätte, könnte die Klassenfahrt stattfinden…sie
soll die Anzeige zurückziehen…
Oh je, die Klassenfahrt abzusagen war der absolute Bockmist. Klar wird da wieder die Schuldfrage gestellt. Und wer ist greifbar: Deine Tochter. Da kommen dann bestimmt so Aussagen von Lehrern dazu: Wenn ihr XY nicht gemobbt hättet, dann wäre alles anders. Nun werden auch diese ins Boot der Mobber gesetzt, die bisher noch Zuschauer waren.
Das war das LETZTE! Ich habe auch mit dieser Trainerin
geprochen, die einfach nur meinte, in der 7. Klasse wären die
Spannungen normal und in unserer Klasse wäre das Problem so
krass, weil manche Kinder noch auf geistigen Niveau der
Vorschule seien (unser Steinewerfer…) und andere schon viel
reifer, fast erwachsen - wie meine Tochter. Ich solle Geduld
haben, bis Ende der 8. Klasse würde es schon ruhiger, dann
würden die Schüler alle auf dem selben Entwicklungsniveau
sein.
Das ist auch eine tolle Strategie sein Scheitern zu erklären.
Die Lehrer haben mir dann nur noch den Vorwurf gemacht, warum
sich meine Tochter nicht schon viel früher gemeldet habe,
Jetzt wird die Schuld wieder zurück an die Eltern gegeben.
Ich habe in schlimmen Zeit gelegentlich das GEspräch mit ihm
gesucht und zuletzt einfach seine Aussage gehört: ich mache
meinen Unterricht, dazu kommen die Kinder in die Schule - was
in den Pausen oder der Freizeit wäre, wäre unsere Privatsache.
Der Lehrer wird gedacht haben: Nervige Mama, die keine Ruhe findet.
IHN hab ich also nicht mehr angesprochen - er hat ja keine
Lust sich damit zu befassen. In SEINEM Unterricht ist ja alles
in bester Ordnung.
Er hat sein Ziel erreicht.
Als ich einschreiten wollte, hat mich meine Tochter
inständigst gebeten, NICHTS MEHR ZU unternehmen - es würde
dadurch alles nur noch schlimmer…
Da hat deine Tochter aus ihrer Erfahrung gelernt, weil bisher ist alles schlimmer geworden.
Ich hätte ausrasten können und sie tat mir so leid, ich hätte
so gerne geholfen…
Die Wut über die eigene Ohnmacht kann grausam sein.
nein, keine öffentliche Stellungnahme in diesem Sinne - er hat
nur gesagt, dass er diese Aussage nur treffen könne, weil nur
wir beide bei dem Gespräch anwesend sind. Vor all seinen
Kollegen könne er mir das natürlich nicht sagen, dass er sich
über diese Schüler schwarzärgert, er als Lehrer machtlos sei,
weil man wegen solcher Eltern, die gleich den Anwalt schicken
und ihre Kinder nicht erziehen würden, die Schüler nicht
strafen könnte, wie sie es verdient hätten.
Er wollte mir nur den Rücken stärken, dass wir richtig
gehandelt haben und bloß nicht klein beigeben sollen…
Da ist der Lehrer jetzt in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite kann er sie verstehen und auf der anderen Seite muss und will er seine Neutralität behalten.
Wäre es nicht einfacher, DIESE Schüler von
der Schule zu verbannen? Warum ducken sich alle vor Ihnen?
Es ist schwierig und langwierig zu beweisen.
Ich glaube, wenn diese bequemen Lehrer, nur um ihrer lieben
Freizeit und Ruhe willen,
… vorsicht wieder mit Pauschalisierungen und Schuldzuweisungen. Lehrer müssen verdammt viel leisten, sind selbst oft Angriffsfläche, was sie erstmal verkraften müssen, sind pädagogisch denkbar schlecht ausgebildet, sind zeitlich meist bis über beide Ohren voll (Konferenzen, Vorbereitungen, Korrekturen, Organisatorisches, Elternarbeit, …), …
greifen… Es ist natürlich bequemer, dem Opfer zu raten, die
Schule zu wechseln, als selbst aktiv zu werden und für Ordnung
zu sorgen.
Das für Ordnung zu sorgen funktioniert leider nicht so einfach, wie man das als Außenstehende gerne hätte.
ja,klar, ich habe schon fast überall herumtelefoniert, das
Internet durchforstet, Selbsthilfegruppen gesucht…
- derzeit alles noch offen, überall erreicht man nur
Anrufbeantworter und muß leider warten…
Wer leidet eigentlich mehr: Du oder deine Tochter???
Ich habe unserem desinteressierten Klassenlehrer auch deutlich
gesagt, dass bei dieser nachlässigen Unterstützung in der
Schule man sich nicht wundern muß, wenn Schüler Amok laufen
oder versuchen, sich das Leben zu nehmen. Ich kann es
nachvollziehen…
Spätestens bei dieser Aussage, machen die Lehrer absolut dicht und du hast keine Chance mehr gehört zu werden.
Ich wünschte, es gäbe mehr Sozialpädagogen an den Schulen -
Das wäre ein prima Anfang. Leider höre ich oft: „Aber die Gymnasien brauchen ja sowas nicht!“
Mal ein paar Gedanken zu Mobbing:
Die Mobber tun das zunächst nicht, weil sie böse sind, sondern weil sie tatsächlich denken, dass sie für das Mobben eine Legitimation haben: „Die stinkt, ist fett, doof, blond, assi, gemein, beißt, strebert, … und der muss man es ja mal sagen und zeigen, die hats ja schließlich selbst verdient“.
Mobbing ist also eine (sehr destruktive) Kommunikationsform, jemand aus einer Gemeinschaft zu drängen.
Mein Ansatz ist nun folgender:
- Diese Gefühle bei den Mobber: „der andere ist ja selbst schuld, der hat ja, …“ erstmal ernst zu nehmen und zu akzeptieren und gleichzeitig aber:
- das Mobben auf keinen Fall zu tolerieren.
Dazu erklär ich dann die Auswirkungen von Mobbing und versuche in einem vernünftigen Gespräch Empathie für das Opfer zu wecken.
Mein Leitspruch:
„Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt“. - Franz Kafka
- Auflösung von Schuld.
- Zusammenkunft Opfer-Täter
- Lösungsfindung.
Parallel dazu: Arbeit mit dem Opfer um das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen und Wege aufzuzeigen, wieder in die Gemeinschaft zu kommen. Wenn das Opfer damit nicht einverstanden ist, ist die Arbeit für mich sehr sehr viel schwieriger.
Erst wenn dann das Mobben nicht aufhört, würde ich an Strafen und Schulverweis denken. Dies kam in meiner Praxis bisher noch nicht vor!
An die Eltern:
Ziel ist, dass Opfer und Täter sich annähern und gegenseitig verzeihen!
Wenn dieser Schritt von den Eltern nicht mitgetragen wird, ist es für die Kinder fast unmöglich, aus der Mobbingfalle zu kommen.
Oft ist es leider so, dass die Kinder wieder in die Gemeinschaft wollen aber die Eltern diese Gemeinschaft nicht mehr akzeptieren, wegen den vielen Verletzungen. Aber beides geht nicht!!! Dann muss jemand aus der Gemeinschaft raus.
LG
Stefan