Musikgeschmack und Musikerkenntnis
Hallo,
ich habe schon ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich bemerke, was ich wieder losgetreten habe. Ich wollte wirklich niemanden bevormunden und denke, dass jeder die Musik, die er hören will, hören darf und hören soll, auch auf die Art und Weise, wie er will! Insofern nehme ich also die Formulierung mit dem Verb „brauchen“ zurück, denn niemand „benötigt“ dieses Hintergrundwissen in diesem scharfen Sinn.
Worauf ich schlicht aufmerksam machen wollte, ist, dass man durch das Hintergrundwissen seinen Genuss verfeinern kann, indem zu dem reinen Genuss eben noch eine weitere Genussquelle hinzutritt – das Wissen über die Musik. Weil ich mich in der Popmusik nicht so auskenne, versuche ich, an drei Beispielen zu zeigen, was ich meine.
Das bekannte Lied „Guter Mond (du gehst so stille)“ ist als Lied so banal, dass es schon fast als Volkslied gilt, obwohl es einen leibhaftigen Komponisten (namens Karl Eulin) hat. Musiktheoretisch kann man auch zeigen, dass sogar diese Melodie allein schon sehr interessant ist. Das lässt sich verfeinern, etwa indem ich der Melodie eine Chor mit Harmonien unterlege, wodurch die Stärken der Melodie hervorgehoben werden. Wie viel interessanter aber ist das Arrangemant dieses Liedes von Harry Frommermann (Comedian Harmonists)! Sowohl die Tatsache, dass das Lied interessant aufgebaut ist, als auch die Tatsache, dass das Arrangement der Comedian Harmonists noch interessanter ist, setzt solch eine Art Hintergrundwissen voraus bzw. kann nur durch Hintergrundwissen erkannt werden, indem ich nämlich die Besonderheit dieser bestimmten Melodie gegenüber anderen Melodien, dieses Arrangements gegenüber anderen Arrangements begreife, indem ich verstehe, warum die Regelwidrigkeiten in der harmonischen Ausführung so und so wirken.
Zweites Beispiel: Das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ von Franz Schubert ist in der Volksliedfassung so entstellt, dass man es so wirklich als „banal“ bezeichnen kann. Insbesondere durch den Verzicht auf die Kontraststrophe, durch den Verzicht auf die „erklärende“ Klavierbegleitung und durch Melodieänderungen wird dem Lied jede Interessantheit genommen, die es vorher (in der Schubertschen Fassung) hatte. Gleichwohl kenne ich Menschen, die die Volksliedfassung vorziehen, weil sie das Lied „einfach schön“ finden. Natürlich dürfen sie das „finden“, aber ich denke, dass man nicht bestreiten kann, dass derjenige, der die „richtige“ Fassung kennt, das Lied besser versteht – UND einen höheren Genuss beim Hören hat.
Drittes Beispiel (endlich aus der Popmusik! *g*): „Roll over Beethoven“ gibt es in mehreren Fassungen. Wenn man aber die Fassungen etwa von den Beatles auf der einen Seite und Chuck Berry auf der anderen Seite vergleicht, denke ich dass eine dieser beiden Fassungen dem Stück gerechter wird als die andere: ich meine die Chuck-Berry-Fassung. Das kann man nur wissen, wenn man weiß, was Rock’n’Roll eigentlich ist, wie er entstand und was er beabsichtigte. Natürlich kann man die Beatles-Fassung „vorziehen“, „lieber mögen“ oder wie man seine Vorlieben auch immer ausdrückt, aber der Genuss ist durch die Erkenntnisse über die Musik, das Hintergrundwissen, größer als ohne.
Reine Geschmackssache ist nur der Genuss OHNE Erkenntnis, der zweifellos – wer würde das bestreiten wollen – seinen eigenen Wert hat. Der Genuss MIT Erkenntnis ist aus meiner Sicht ein größerer Genuss, aber ich weiß sehr wohl, dass man das nicht vermitteln kann, weil ja – logischerweise – dies nur jemand behaupten kann, der diese „Erfahrung“ schon gemacht hat.
Wer also weiß, WARUM ihm etwas gefällt, hat einen größeren Genuss – das allein war meine These, ohne dass ich den „reinen“ Genuss ausdrücklich abwerten wollte. Wer also bestreitet, dass das so ist, OHNE diese „andere“ Ebene überhaupt zu kennen bzw. auch nur kennen lernen zu wollen, es also gar nicht in Betracht zieht, dass es noch etwas anderes geben könnte, der hört Musik wie jemand, der in eine ungeschälte Banane (oder noch besser eine Ananas) beißt mit dem Hinweis, sie schmeckt ihm nicht. Das war es, wogegen ich mich ein wenig aufgelehnt habe.
Ob Fritz das so gemeint hat, weiß ich nicht. Eigentlich traue ich ihm das Potential für eine andere Haltung zu – das weiß er wohl auch: Deshalb war ich mir bei ihm nicht so sicher, ob er das Posting nicht doch ironisch gehalten hat. Meine Absicht war auch nicht eigentlich Kritik, sondern eher Horizonterweiterung – wenn ich so sagen darf.
Herzliche Grüße 
Thomas Miller