Erstarkte Ich

Hallo zusammen

kann mir jemand den Begriff „erstarkt“ erklären.

Hier im Zusammenhang mit Freuds Objektbesetzung.

Vielen Dank sagt
Silvia

Moin, Silvia,

erstarkt ist ein Wort, das ich seit vielen hundert Jahren nicht mehr gehört habe. „Ich erstarkte“ heißt „Ich wurde stark“. Das klingt noch blöder, gell? Sinngemäß wohl „Mein Selbstgefühl ist (über die Maßen) gewachsen“.

Gruß Ralf

Moin,
Freud ging davon aus, dass es eine Energie gibt, die vom ‚Es‘ zum ‚Ich‘ und evt auch wieder zurück fließen kann. Je nachdem wo diese Energie sich dann aufhält verstärkt sich der ‚Trieb‘ oder schwächt sich ab. Da Freud viel sexuell interpretierte vermutete er eine ‚narzisstische Libido; diese sollte zu rascher Erregung vorbeugen und der des ‚Es‘ entgegenwirken.
Freud beschäftigt sich in seiner Abhandlung: ‚ Das Ich und das Es‘ mit diesem Verhältnis.
Darin versucht er darzustellen wie sich diese beiden Triebarten zueinander verhalten und wie sie das ‚Seelenleben‘ beherrschen
Nach Freuds Ansicht ist zu der Zeit, wenn das ‚Ich‘ noch nicht ‚fertig‘ ist, alle Libido im ‚Es‘ zu finden. Erst, wenn das ‚Ich‘ erstarkt, kann es die Energie vom ‚Es‘ aufnehmen und stellt sich dann ‚über‘ das ‚Es‘.
Das wäre – sehr vereinfacht das, was ich noch aus den Freud-Seminaren behalten hab - das sind zwar keine hunderte Jahre her, nur ein paar Jahrzehnte, aber vielleicht wissen Freudkenner hier mehr.
Ich würde interpretieren, Freud meint mit ‚erstarken‘ – wachsen, erwachsen werden – ‚Impulskontrolle‘ erlernen.

aus dem Wikiartikel ein Zitat:
Die Absicht der Psychoanalyse besteht darin,
„das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation auszubauen, so daß es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden. Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuydersee.“
– S. 516

Klasse Zusammenfassung!
Anzumerken wäre allenfalls, dass es beim psychisch gesunden Menschen (- den Freud freilich nicht kannte) keine „narzißtischen“ Anteile gibt.

Übrig blieben im wesentlichen 2 grundverschiedene Aspekte der SEELE:

einerseits das ’ körperliche’ ES, dessen psychischer Energie (Libido) alle angeborenen Bedürfnisse speisst (u.a. Hunger, Forschertrieb, Sozialität und Lust zwecks gegenseitiger Körperpflege - also nicht bloß „Sexualität“ wie oft in Freud reininterpretiert wird)

und anderseits das ’ geistige’ ICH, das zwar an sich ein Geschöpf des ES ist, darüber hinaus aber ab der Geburt Erfahrungen mit „Objekten“ wie der Mutterbrust zu sammeln beginnt (ins sog. Überich verinnerlicht), sie mit der psychischen Energie (Begehren) besetzt und über sie bewusst reflektiert.

In dem Maaße, wie das Ich erstarkt bzw. an Kompetenz gewinnt, lenkt es dann die psychische Energie nach eigenem Ermessen überall hin, sogar gegen ihre Quelle (das Es) zurück, wenn ihm dies im Sinne der Selbst-, Lebens- oder Arterhaltung richtig erscheint. So ‚entwöhnt‘ sich das Kind z.B. von der mütterlichen Brust, sobald das erste volle Gebiss vorhanden ist…

Demnach soll das Realitätsprinzip des schließlich voll erstarkten* Ichs samt seiner Objekte nicht über das ES-eigene Lustprinzip dominieren, sondern sich mit ihm symbiotisch ergänzen.

/* Solche Vollausbildungdes Ichs ist natürlich erst in der letzten von insgesamt 6 psychischen Entwicklungsphasen zu erwarten/ um das 21. Lebensjahr), wenn auch der Leib voll ausgewachsen ist.

Kennzeichen des Narzißmus-Syndroms wird es dann, dass das ICH zwanghaft „Objekte“ mit Libido besetzt hält, die defacto der ersten - sog. „oralen“ Entwicklungsphase angehören: daher der in unserer narzißtischen Gesellschaft weit verbreitete „Busenkult“…

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Hallo Pollux

vielen Dank für die hilfreiche Erklärung.
Meine Frage ist damit vollkommen beantwortet.

Eine schöne Weihnachtszeit wünscht
Silvia

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Hallo Drambeldier,

ich danke dir.

Schöne Weihnachten wünscht
Silvia