Hallo Marcus,
Diskussionen über Erziehungsstile, besonders über Schläge in der Kindererziehung sind hier so sinnlos wie die Diskussionen über Autofahrerstile im Polizeibrett.
Ein Forum wie dieses ist in meinen Augen denkbar schlecht für Themen geeignet, die eine ausführliche Auseinandersetzung erfordern und sich nicht in kurzen Postings abhandeln lassen. Du wirst es immer wieder erleben, entweder sind die Postings sehr lang und setzen sich mit einer Problematik wirklich auseinander, dann werden sie aber von kaum einen gelesen, geschweige denn adäquat beantwortet (seltene Ausnahmen ausgenommen). Oder die Postings sind entsprechend kürzer, damit aber zwanghaft schlaglichtartig und provozieren damit Reaktionen, die dem Schreiber meistens nicht gerecht werden dürften. Durch die Kürze der Aussage lassen sich viele Leser zur Ergänzung der fehlenden Argumentation von ihren Vorurteilen leiten („der (die) schreibt dieses Schlagwort, ergo gehört er (sie) in eine bestimmte Ecke und wird so handeln wie es meinem Vorurteil entspricht“). Auf diese unterstellte Argumentation wird dann, mitunter weitschweifig, geantwortet.
Beides ist wenig geeignet, eine fruchtbare Diskussion zu führen. Ich bin nach längerem Aufenthalt und einigen schlechten Erfahrungen in diesem Forum zu der Überzeugung gelangt, daß Diskussionen über gewisse Themen hier nie über das Niveau einer Nachmittagstalkshow hinausgehen werden…
Aber noch etwas zum Thema schlagen in der Erziehung. Ich habe letztens von einer Studie in den USA gelesen (nagelt mich nicht auf die Quelle fest - es war wahrscheinlich „Eltern“ oder „Spiegel“), deren Ergebnisse sich mit meiner Erfahrung decken:
Es wurden drei oder vier Gruppen von Kindern (Familien) gebildet: die erste wurde während ihrer Erziehung nie oder so gut wie nie (max. 1 bis 2 mal während der Kindheit) geschlagen. Die zweite Gruppe wurde selten geschlagen, aber halt doch gelegentlich. Dann gab es noch ein oder zwei Gruppen mit Kindern, die mehr oder weniger regelmäßig geschlagen wurden und in deren Familien eine mehr oder weniger gewalttätige Stimmung herrschte. Untersucht wurde, wie die Kinder (als Erwachsene) im Leben stehen und wie ihr Verhältnis zu Gewalt ist.
Ein Ergebnis war, daß man zwischen den ersten beiden Gruppen keine Unterschiede messen kann. Und das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen. Wenn ein Kind mal geschlagen wird (ob aus Hilfslosigkeit der Eltern oder weil es eine letzte Grenze überschritten hat oder warum auch immer), ansonsten aber in einer liebevollen und friedlichen Umgebung aufwächst, hat das keine Auswirkungen auf den Charakter des Menschen. Aber es zeigt sich auch ganz klar, daß Schläge nie einen positiven Effekt auf den Menschen und seine Entwicklung haben.
In diesem Zusmmenhang möchte ich noch etwas loswerden: Sicher ist es erstrebenswert das Schlagen aus der Erziehung zu verbannen. Aber wenn dies zu einem Dogma erhoben wird, kann das den Kindern u.U. mehr schaden als nutzen!
Mir ist dabei das Beispiel einer Freundin in lebhafter Erinnerung: Auch sie hatte den Anspruch an sich selbst, in der Erziehung ihrer Kinder auf Schläge völlig zu verzichten. Sie hat dies auch weitestgehend durchgehalten, aber einmal, ein einziges mal, ist ihr gegenüber der Großen die Hand ausgerutscht. Ihr hat das dann auch sofort unendlich leid getan und sie hat sich entsprechend bei ihrer Tochter entschuldigt. Das Ergebnis war, daß die Göre in den folgenden Jahren Streitereien und Diskussionen über ihr Verhalten öfters beendete, indem sie ihre Mutter fragte: „Und willst Du mich jetzt wieder schlagen?“
Meine Freundin gab mit ihrem hohen moralischen Anspruch an sich selbst und ihrem eigenen Versagen der Tochter eine recht scharfe Waffe an die Hand, die diese oft schamlos gebrauchte.
Mein Fazit bei dieser Frage ist folgendes: Wenn es ein Elternpaar (oder ein(e) Alleinerziehende®) es schaffen ihr Kind völlig ohne Schläge zu erziehen ist das ohne Umschweife anerkennenswert! Aber wenn das Nichtschlagen zum Dogma erhoben wird, schadet man der Familie mehr als man ihr nutzt! Der Mensch ist trotz aller Hirnleistung nun mal weiterhin ein Tier mit Instinkten, und Gewalt ist ein Teil unserer Natur, den wir auch mit unserer Hirnleistung wahrscheinlich nie komplett in den Griff bekommen. Dies völlig leugnen zu wollen, setzt eine Familie in meinen Augen ungeheurem Druck aus, der nicht notwendig ist und damit kontraproduktiv.
Klar ist, daß man nicht wegen jedem bißchen zuschlagen sollte.
Aber: Wenn der/die Kleine trotz 20 Mahnungen nicht aufhört,
Essen durch die Gegend zu schmeißen, was dann?
Dieses Beispiel ist nun wirklich denkbar ungeschickt gewählt. Wer hier 20 Mahnungen ausspricht hat als Erziehender schon versagt. Je nach Situation wäre bei mir max. eine Ermahnung gefallen. Dann (oder auch schon ohne Vorwarnung) wäre das Essen weg gewesen und das Kleine wäre hungrig geblieben. Auch ein Nachtisch ist dann selbstverständlich gestrichen, aber am Tisch bleiben muß der „Übeltäter“ trotzdem.
Als Erziehender muß man, aber das war auch schon in Zeiten der Prügelstrafe nicht anders, gelegentlich Nerven wie Stahlseile haben. Aber, und das stimmt mich froh, die meisten Eltern (zumindest wenn die soziale Situation gesichert ist) wachsen gut in ihre Aufgabe rein und geben ihren Kindern ein liebevolles und friedliches Zuhause.
Gruß Stefan