Hallo,
stell dir vor, es gibt Eltern, die ihre Kinder ganz ohne
umfassendes Literaturstudium erfolgreich zu lebensfrohen und
anständigen Menschen erzogen haben. Das dürfte auf so knapp
100% der Eltern zutreffen, die das Glück hatten vor dem
massiven Aufkommen von Erziehungsratgebern ihre Kinder auf die
Welt gebracht zu haben.Dieser Absatz bedeutet im Klartext: früher haben fast alle
Eltern Ihre Kinder richtig erzogen. Und das ist
schlichterdings falsch. Wie so eine Aussage zustande kommt,
ist mir ein mittleres Rätsel.Was mir auch nicht ganz klar ist: welche der vorangegangenen
unaufgeklärten Generationen optimal nach dem bauchprinzip
erzogener Kinder ist denn diejenige, welche hier so
glorifiziert wird? Das Bürgertum im Biedermeier? Die Erziehung
in der Kaiserzeit Anfang 20. Jhd.? Weimarer Republik?
Nachkriegsgeneration? 68er? Oder feiert sich hier gerade eine
Generation selbst?
Ich denke, Du gehst da nicht weit genug zurück, bzw. siehst einen wichtigen Unterschied zwischen Kindererziehung, Juristerei und sonstigen Professionen nicht. Kinder werden nicht erst seit dem Biedermeier geboren und erzogen, sondern es geht hier um eine Geschichte, die es schon ganz regelmäßig gab, als unsere Vorfahren mal von den Bäumen runterkletterten. Und das ist auch etwas, was man eigentlich nicht verlernen kann, weil es Generation zu Generation immer wieder passiert ist, passiert, und auch weiterhin passieren wird. Biedermeier und folgende Zeiten sind doch gerade der Anfang von dem, was dann problematisch wird. Nämlich übergeordnete Konzepte, in denen Kindererziehung nichts Selbstverständliches mehr ist, sondern höheren Zielen zweckdienlich gemacht wird. Und dabei erlebt man insoweit Erstaunliches, dass die Kindergenerationen so ungefähr seit dieser Zeit mit immer neuen Konzepten erzogen werden. D.h. die Abkehr von der Selbstverständlichkeit hat offenbar eben keine so großen Erfolge gehabt, dass man hier nur noch eine Weiterentwicklung gehabt hätte. Vielmehr herrschte lange Jahrzehnte ein vollkommenes Chaos mit Exzessen in die eine wie auch die andere Richtung.
Erstaunlicherweise gab es aber auch immer Familien, an denen das ein oder andere gerade aktuelle Konzept mehr oder weniger spurlos vorüber gegangen ist, und diesen Familie ist es wohl zu verdanken, dass wir heute noch über neue konkurrierende Literaturmeinungen streiten können.
Zudem sollte meine erste - übrigens mit
eingeleitete - Antwort mit einer entsprechend überzeichnenden Darstellung insbesondere den Finger in die Wunde der Lehre von der perfekten Erziehung bzw. der Angst vor den großen Fehlern legen. Die Ausgangsfrage machte sehr deutlich, dass da jemand bereits extrem durch diverse Literatur verunsichert worden ist, und echte Angst davor hat, ohne das entsprechende Buch unverzeihliche und nicht wiedergutzumachende Fehler zu begehen. Mit dem Hinweis auf die hunderten von Generationen unserer Vorfahren, die ohne entsprechende Literatur ausgekommen sind, sollte insoweit einfach nur darauf hingewiesen werden, dass diese gerade auch ganz sicher nicht alle ihre Kinder auch nur annähernd perfekt erzogen haben, die dadurch entstandenen Schäden aber wohl nicht so groß gewesen sein können, sonst hätte sich unsere Spezies sicher längst selbst ausgerottet. D.h. im Gegensatz zu vielen Büchern, die vorgeben die einzige Wahrheit zu verkaufen, ist offenbar die Bandbreite dessen, was Kinder an Erziehung „ertragen können“ wohl doch recht breit, und die Sorge vor den „großen Fehlern“ zu relativieren.
Was sich mir auch nicht erschliesst: ich kenne Deine
Profession und habe immer wieder gerne deinen Ausführungen
gelauscht, vieles davon beruht auf Wissen, welches man sich
aneignet, bestimmt auch gerade Du musstest das tun. Bitte gib
mir ein Indiz, welches auch nur im Ansatz darauf hinweist, das
man gerade in der Erziehung das anders handhaben und sich auf
irgendwelche nebulösen Instinkte verlassen sollte. Welche
Instinkte sind das denn genau? Das Kind nicht direkt nach der
Geburt zu fressen?
Wie schon oben geschrieben, es gibt kaum etwas, das so aus der Natur des menschlichen Wesens selbst begründet ist, wie die Fortpflanzung der Art. Bei aller Schwärmerei für naturgesetzliche Grundlagen unseres Rechtssystems, so natürlich ist dieses eben nicht. Und auch Grundlagen der Elektroinstallation, der Autowartung, … sind eben nicht so in uns verwurzelt. Bei vielen von den Erziehungsratgebern kommen mir schnell interessante Parallelen in den Kopf wie: „Mein kompetenter Herzschlag“ oder „Jeder Mensch kann atmen“. Das liegt für mich so in etwa auf der selben Ebene.
Besonders geil finde ich übrigens dann Statements wie: ich
habe kein Buch gelesen und dennoch ist mein Kind a) gross
geworden, b)isst seinen Brei und c)kann lustig mit der Oma
spielen.
Also wir reden hier bzgl. der Ausgangsfrage davon, dass hier jemand festgestellt hat, dass die ganzen Ratgeber „zu spät“ ansetzen würden, und jetzt nach Erziehungsliteratur für die ganz Kleinen sucht. Und ja, ich finde wirklich, dass in dem fraglichen Alter es ausreichend ist, wenn ein Kind sich einfach nur altersgerecht entwickelt und offenbar Spaß am Leben hat. Und so lange es keine Auffälligkeiten und besonderen Schwierigkeiten gibt, weiß ich wirklich nicht, warum man sich dann nicht einfach auf die eigene Intuition verlassen soll, wenn man rund herum die - auch fachliche - Bestätigung bekommt, dass alles prima ist. Viele der auch hier oft angesprochenen Probleme kommen doch genau aus der Verunsicherung und den proklamierten Anforderungen irgendwelcher Konzepte und Listen, an denen sich Eltern messen … und scheitern (oder zumindest meinen zu scheitern). Da würde ein wenig mehr Intuition und Gelassenheit oft mehr als jeder weitere Erziehungsratgeber helfen. Darauf wollte ich aufmerksam machen.
Ich kannte mal einen, der hat täglich 3 Schachteln Kippen
geraucht und ist dennoch annähernd 180 Jahre alt geworden. So
what?
Anderes Thema.
Ich denke das ist Deiner nicht würdig.
Nun sei mal nicht so streng.
Gruß vom Wiz